Kommentar Kritik am Jüdischen Museum

Es geht nicht um einen Tweet

Das Jüdische Museum muss sich ernsthaft fragen, ob es seinem Titel gerecht geworden ist. Ein Ort der Diskussion muss es aber bleiben.

Auch ohne Direktor Peter Schäfer muss sich das Jüdische Museum kritische Fragen stellen Foto: dpa

BERLIN taz | Der Rücktritt von Peter Schäfer, dem bisherigen Direktor des Jüdischen Museums Berlin, war unvermeidlich. Wenn der Leiter einer halbstaatlichen Kultureinrichtung, die das Wort „Jüdisch“ im Titel führt, nicht mehr das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft genießt, ja wenn sich deren Vertreter öffentlich fragen, ob dieses Museum noch jüdisch genannt werden kann, dann ist ein Neuanfang unumgänglich – ganz unabhängig davon, wie die Gründe für den Konflikt zu bewerten sind.

Außenstehenden mögen diese Gründe banal, ja unverständlich erscheinen. Was ist daran ­auszusetzen, wenn ein Museum einen Zei­tungsartikel zur Lektüre empfiehlt? Warum soll es ein Skandal sein, wenn ein Vertreter Irans vom ­Direktor zum Austausch empfangen wird? Und weshalb gerät eine Ausstellung über Jerusalem in die Kritik, in der es um die Verankerung dreier Weltreligionen geht?

Tatsächlich wächst daraus leicht der Verdacht, es handele sich darum, eine Institution auf Kurs zu bringen – auch von ­Vertretern Israels. Schließlich hatte sich auch die dortige Regierung über eine vorgeblich ­antiisraelische Positionierung des Museums beklagt.

Die Genese dieses Konflikts aber liegt tiefer. Es geht nicht um einen Tweet, sondern um das komplizierte Verhältnis zwischen Deutschland und dem jüdischen Staat einerseits und um die Beziehungen zwischen Israel und der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik andererseits. Beides ist von der jüngeren Geschichte geprägt – der Vernichtung jüdischen Lebens in Europa durch die Nazis, dem Aufbau des Staates Israel ab 1948 und der Wiederentstehung jüdischer Gemeinden in Deutschland.

Deutschland und Israel – Misstrauen wurde zu Kooperation

Beziehungen zwischen Israel und den Deutschen gab es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Waren aus Deutschland wurden boykottiert, israelische Pässe trugen den Vermerk „für alle Länder gültig außer für Deutschland“. Schon die Entschädigungszahlungen in den 1950er Jahren stießen auf den Protest vieler Israelis, nicht anders war es bei der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Jahr 1965 mit der Bundesrepublik. Noch mit der Wiedervereinigung vor bald 30 Jahren ging in Israel die Furcht vor einem gefährlichen Großdeutschland um.

Ein Neuanfang ist unumgänglich – unabhängig davon, wie die Gründe für den Konflikt zu bewerten sind

Dieses generelle Misstrauen ist heute einer engen Kooperation gewichen. Jedoch reagiert die rechtspopulistische Regierung in Jerusalem unmissverständlich hart, sobald der Anschein erweckt wird, ausgerechnet in Deutschland werde die Legitimität ihres Staates infrage gestellt.

Und hier sind wir ganz schnell bei den Details dieses vorgeblichen Twitter-Skandals. Das Jüdische Museum Berlin hat nämlich nicht nur einen taz-Artikel über Proteste gegen eine Gleichsetzung eines Boykotts Israels mit Antisemitismus empfohlen, sondern sich den zentralen Inhalt von deren Protagonisten scheinbar zu eigen gemacht, indem dort ohne jedes Anführungszeichen stand: „Der Beschluss der Parlamentarier hilft im Kampf gegen Antisemitismus nicht weiter.“

Peter Schäfer hat eben nicht den Vertreter irgendeines Drittstaats empfangen, sondern dem Kulturattaché des Israel-feindlichen Iran die Gelegenheit zu einem PR-Auftritt gegeben. Und die zu Recht viel gelobte Jerusalem-Ausstellung zeigt eben ein Panorama der Stadt, geht aber weniger darauf ein, warum diese heute vor allem jüdisch geprägt ist. Man muss den letzten Punkt der Kritik nicht teilen. Aber ernst nehmen muss man ihn dennoch.

Leben auf gepackten Koffern

Dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und der Staat Israel in ihrer Kritik übereinstimmen, wird nicht nur daraus verständlich, dass das Museum zumindest indirekt im Namen der deutschen Juden agiert. Ihre kritische Haltung ergibt sich auch aus der Geschichte. Nach dem Holocaust schien jüdisches Leben in Deutschland zunächst unvorstellbar. Als wenige Überlebende sich dennoch dazu entschieden, im „Land der Täter“ neue Gemeinden zu begründen, stieß das im jungen Israel auf völliges Unverständnis.

Erst 1950 entstand in der Bundesrepublik der Zentralrat der Juden in Deutschland. Schon der Name verweist auf die Distanz der jüdischen Vertretung gegenüber ihrer Umgebung: Nicht von „deutschen Juden“ ist hier die Rede, so wie noch vor der Nazi-Herrschaft, sondern von „Juden in Deutschland“, so, als gehöre man nicht richtig zu diesem Volk. Und das tat man damals auch nicht – man hockte auf gepackten Koffern, mit Israel als lebensrettender Rückversicherung.

Diese Distanz gegenüber dem Heimatland ist auch als eine Reaktion auf das Unverständnis in Israel zurückzuführen, wo man die Existenz jüdischen Lebens in Deutschland erst nach langem Zögern zu akzeptieren begann. Umso mehr fühlten und fühlen sich die Repräsentanten jüdischer Gemeinden in der Bundesrepublik dazu verpflichtet, den Staat Israel in Schutz zunehmen.

Deswegen sind sie natürlich nicht Israelis, sondern Deutsche. Aber gerade das führt dazu, dass sie sich dazu genötigt sehen, den jüdischen Staat, dessen Werben sie nicht gefolgt sind, zu verteidigen, wenn seine Legitimität infrage gestellt wird. Und das ist bei einem Boykott zweifellos der Fall.

Das Museum ist nicht gescheitert, sondern wächst

Es scheint, als sei dem Jüdischen Museum diese komplizierte Gemengelage nicht immer bewusst gewesen. Möglicherweise trug dazu auch die Tatsache bei, dass Schäfer zwar ein herausragender Wissenschaftler auf dem Gebiet der Antike und des Frühmittelalters ist, aber nicht unbedingt eine Idealbesetzung für den Posten eines Museumsmanagers darstellt.

Das Jüdische Museum Berlin aber sollte aus dem Konflikt keinesfalls den Schluss ziehen, es sei mit seiner offenen Debatte zu aktuellen politischen Fragen gescheitert. Fehler lassen sich korrigieren, Vertrauen lässt sich wieder aufbauen. Diskussionen zur Gegenwart und Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland könnten kaum einen besseren Ort finden.

.

Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Die letzten Tage des deutschen Judentums", Hentrich & Hentrich 2017

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben