Kommentar Frauenfahrverbot : Der Prinz der Frauen
Frauen dürfen in Saudi-Arabien jetzt Auto fahren. Doch die gesellschaftliche Liberalisierung soll nicht mit einer politischen Öffnung einhergehen.
F rauen dürften nicht Auto fahren, weil sie dann ihre Eierstöcke schädigten, ihre Jungfräulichkeit verlören, dem Teufel anheimfielen und in Prostitution oder Homosexualität abrutschten. Außerdem könnten sie es auch gar nicht, denn ihr Intellekt sei nur halb so groß wie der eines Mannes. Wenn man sich vor Augen führt, mit welchen Argumenten führende Geistliche in Saudi-Arabien noch bis vor Kurzem das Frauenfahrverbot begründet haben, dann wird deutlich, welche symbolische Bedeutung Frauen hinterm Steuer für das Land haben.
Seit Sonntag dürfen sie genau dort sitzen. Das ist nicht nur ein historischer Tag, sondern eine soziale Revolution. Aber es ist eine Revolution von oben. Die Frauenrechtlerinnen, die jahrelang für eine Aufhebung des Verbots gekämpft haben, wurden vorsichtshalber verhaftet oder auf andere Weise mundtot gemacht. Die gesellschaftliche Liberalisierung Saudi-Arabiens soll nur einen Helden haben: den neuen De-facto-Herrscher Kronprinz Mohammed Bin Salman – genannt MBS.
Und: Sie soll nicht mit einer politischen Öffnung einhergehen. Die absolute Monarchie bleibt bei diesem Prozess nicht nur unangetastet, sie wird durch ihn sogar gestützt werden. Kino, Konzerte und mehr persönliche Freiheiten dämpfen den Frust, den gerade die junge Generation plagt. Es ist die Antwort von MBS auf die geforderte Modernisierung und gleichsam die Lehre, die man in Riad aus dem „Arabischen Frühling“ gezogen hat.
MBS ist beliebt bei seinen jungen Untertanen. Doch während er sich als Prinz der Frauen einen Namen macht und jenen in kurzer Zeit mehr Bürgerrechte gewährt hat – von seinen Gnaden selbstverständlich –, wird es gleichzeitig für AktivistInnen immer gefährlicher, sich für Bürgerrechte einzusetzen. Saudi-Araberinnen sind beispielsweise allesamt Mündel eines männlichen Verwandten, sie werden ein Leben lang nicht als Erwachsene behandelt. Frauenrechtlerinnen in Saudi-Arabien wollen nicht nur Auto fahren, sondern ein Ende der männlichen Vormundschaft. Erst damit wäre die Revolution vollendet.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert