Kollektiv über Projektraum: „Das Herzstück ist die Sammelstelle für konstruktive Kritik“
In der Altstadt Hannovers eröffnet, wo es früher Bilderrahmen gab, am Freitag der Laden „Zur guten Absicht“. Auch kritische Gäste sind willkommen.
taz: Wir sitzen hier in einem Ladenlokal mitten in der Altstadt von Hannover, das heißt „Zur guten Absicht“. Was soll das sein?
Cameo Kollektiv: Eine Einladung! An alle Menschen, die gute Absichten haben und die hier vorbeikommen möchten. Gute Absichten bedeutet für uns: Gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir Gesellschaft gestalten können. Also unsere Kommune, unsere Stadt weiterdenken. Und dafür sammeln wir Ideen, Beobachtungen oder Beschwerden, die wir „wertschätzende Kritik“ nennen.
taz: Habt ihr so etwas schon einmal gemacht?
Cameo Kollektiv: Ja, das Cameo Kollektiv gibt es schon seit zehn Jahren. Bisher waren wir mit unseren Projekten aber ortsunabhängig, immer mal wieder woanders zu Gast oder haben Interventionen im öffentlichen Raum gestaltet. Jetzt haben wir zum ersten Mal einen Raum.
taz: Und wie kriegt man die Menschen mit den guten Absichten hierher?
Cameo Kollektiv: Bei der Gestaltung haben wir uns an das angelehnt, was es hier schon gibt, was Menschen gewohnt sind und kennen, um die Hemmschwelle möglichst niedrig zu halten. Es gibt eine Art Café- und Aufenthaltsbereich, in dem man gratis Tee oder Wasser bekommt. Hier gibt es auch eine Vitrine mit Kunstwerken aus den Partnerstädten, die man anschauen und erwerben kann.
taz: Damit lockt ihr also. Und dann?
Cameo Kollektiv: Dann hoffen wir darauf, dass sich Menschen eingeladen fühlen und vorbeischauen. Im Raum hinter dem Ladenlokal findet sich das Herzstück: die „Sammelstelle für wertschätzende Kritik“, außerdem eine Art kleines Museum mit inspirierenden Vorbildern und eine Bibliothek, in der sieben Hannoveraner*innen aus ganz unterschiedlichen Bereichen per Audioguide ihre Lieblingsbücher präsentieren. Also Bücher, die ihre Sicht auf Gesellschaft geprägt oder verändert haben.
taz: Damit sollen sich die Besucher*innen aber sicher nicht ganz allein beschäftigen, oder?
Cameo Kollektiv: Nein, hier werden dann auch Veranstaltungen stattfinden, die Bezug nehmen auf die Themen, die Menschen über die Sammelstelle einbringen – also zum Beispiel Vorträge, Lesungen, Diskussionen oder Kinoabende. Wenn der Laden zu hat, kann dieser Raum auch von anderen Vereinen, Gruppen oder Initiativen genutzt werden.
taz: Wie seid ihr darauf gekommen?
Cameo Kollektiv: Das geht zurück auf Ideen, die wir in unserem „Büro für wertschätzende Kritik“ in der Niki-de-Saint-Phalle-Promenade 2022 gesammelt haben. Da hatten wir für zwei Wochen so eine Art Pop-up-Galerie, als Zwischennutzung in einem leer stehenden Ladenlokal. Da gab es viele, die meinten, es müsste mehr Räume ohne Konsumzwang in der Innenstadt geben oder eine Art „Haus des Engagements“ oder ein „Haus der Begegnungen“.
Die Galerie für Utopien „Zur guten Absicht“ in der Schuhstraße 9 in Hannover wird am Freitag, 22. 05. eingeweiht und ist ab 18.30 Uhr zugänglich. Danach öffnet der Laden immer sonntags bis mittwochs von 10 bis 18 Uhr. Veranstaltungshinweise auf zurgutenabsicht.de
taz: Habt ihr euch Gedanken darum gemacht, wie ihr diesen Raum vor Menschen mit schlechten Absichten und destruktiver Kritik schützen wollt?
Cameo Kollektiv: Der Raum ist offen, damit ist er auch offen für Menschen oder Begegnungen, die manche vielleicht als unangenehm empfinden. Wir tolerieren aber kein menschenverachtendes Verhalten. Grundsätzlich sind Störungen ja auch super – nur so können wir uns weiterentwickeln. Wir möchten auch destruktive Menschen ernst nehmen und ihnen zuhören. Ob daraus etwas entsteht, womit man weiterarbeiten kann, steht dann auf einem anderen Blatt.
taz: Und wie finanziert sich das Ganze?
Cameo Kollektiv: Wir bekommen eine Förderung durch die Stadt und den Bezirksrat. Bei der Einrichtung haben uns private Spender und Sponsoren sowie Stiftungen geholfen. Außerdem haben wir ein Crowdfunding gemacht. Damit ist das Projekt für zwei Jahre weitgehend abgesichert. Und dann werden wir sehen. Natürlich hoffen wir, dass es sich irgendwann selbst trägt und so unabhängig wie nur möglich wird.
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