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Körperfragen in CannesSchläge kommen von Gott

Regisseur Cristian Mungiu stellt in Cannes unbarmherzige Fragen zu religiöser Freiheit. Und Léa Seydoux tauscht den Körper.

David blickt in den Spiegel und ist Léa Seydoux. Oder umgekehrt. In „L’inconnue“ verwirrt Arthur Harari mit Methode Foto: Festival de Cannes

So hatte sich David (Niels Schneider) das wohl nicht vorgestellt. Der Fotograf kommt abends müde nach Hause, schläft auf dem Sofa ein, dann stürmt seine Freundin Alice in die dunkle Wohnung, um ihn zu ermahnen, er müsse heute noch zu ihrer Ausstellungseröffnung. Unbedingt.

Ein weiterer Freund, der Alice begleitet hat, entdeckt unter Davids Arbeiten zufällig ein Negativ, auf dem das Gesicht einer Frau zu erkennen ist. „Wer ist das?“, fragt er. Wenig später steht David auf der karnevalesken Eröffnungsparty inmitten kostümierter Gäste, er hingegen ist gekommen, wie er war.

Unsicher blickt er um sich. Die Kamera irrt mit ihm durch die farbenfrohe Menschenmenge. Dann erstarrt er. In einem Spiegel erblickt er die Frau vom Negativ, dargestellt von Léa Seydoux. Sie verschwindet in einem Gang, geht eine Treppe hinunter, in einen Raum.

Er folgt ihr, kann sie aber nicht finden. Plötzlich steht sie hinter ihm, wirft ihn auf einen Stapel Matten, zieht seine Hose herunter, tut es ihm gleich und setzt sich rittlings auf ihn. Nach immer heftigerem Stöhnen kippt sie unvermittelt zur Seite weg, liegt wie ohnmächtig am Boden. David steht auf, geht unbeteiligt an ihr vorbei aus dem Raum, als wäre nichts gewesen.

Arthur Harari hat zuvor unter anderem am Drehbuch von Justine Triets „Anatomie eines Falls“ mitgearbeitet, der 2023 in Cannes die Goldene Palme gewann. In seinem Wettbewerbsfilm „L’inconnue“ verwirrt er jetzt mit Methode. Als die immer noch namenlose Frau langsam wieder zu Bewusstsein kommt, steigt sie in ein Taxi, das sie zur Wohnung von David fährt.

Dort fällt sie erschöpft ins Bett. Nach dem Aufwachen betrachtet sie sich im Spiegel und erschrickt. Kurz darauf begreift die Frau: Sie ist David, irgendwie in seinem Körper gelandet.

Harari erklärt das nicht weiter, auch nicht, was im Folgenden passiert und warum. Ob seine „Unbekannte“ spielerisch durchdeklinieren soll, was es bedeutet, das Geschlecht zu ändern, oder ob es am Ende doch um Wahnvorstellungen geht, lässt er konsequent unbeantwortet. Dafür lässt er einen viel rätseln, was mit seinen Figuren vor sich geht, und entlässt einen schließlich in die Freiheit des Ungewissen.

Die Kinder müssen Sünde meiden

Eine heftige Veränderung macht auch die Familie durch, die der Regisseur Cristian Mungiu in „Fjord“ von Bukarest in eine norwegische Kleinstadt schickt. Fünf Kinder haben die Norwegerin Lisbet (Renate Reinsve) und der Rumäne Mihai (Sebastian Stan) schon, die Pflegerin und der Informatiker sind strenggläubige Christen.

Er tritt einen Job in der Verwaltung an, sie kümmert sich um den pflegebedürftigen Vater der Nachbarn, zu Hause singen sie mit den neuen Freunden von der Gemeinde fromme Lieder. Die Kinder müssen täglich beten und Sünde meiden.

Der Haussegen gerät ins Wanken, als Mihai eines Tages auf der Arbeit Besuch von der Polizei bekommt. Wenig später klingelt die Kinderfürsorge bei Lisbet, um sie zu informieren, dass sie die Kinder in Obhut nimmt. Verdacht auf körperliche Gewalt.

Mungiu hält in aufgeräumt ruhigen Bildern fest, wie die Familie in ihrer Gewissheit erschüttert wird, in Norwegen ein Zuhause gefunden zu haben, in dem sie in Freiheit leben können. Für Mungiu steht diese Familie dabei nicht allein für heutigen Extremismus. Sie wird für ihn zugleich zum Testfall für die Grenzen von Demokratie.

Denn außer mit dem Verdacht, ihre Kinder geschlagen zu haben, werden die Eltern mit dem Vorwurf konfrontiert, ihnen fundamentalistische Überzeugungen einzuimpfen. Wäre der Staat berechtigt, sie ihnen deshalb wegzunehmen?

Einmal nur verliert der Film im Bild die Ruhe, in einer Szene, in der Lisbet zusammen mit der Nachbarin deren unauffindbaren Vater sucht. Beide laufen rastlos um die Häuser, die Handkamera wackelt hinter ihnen her. Ansonsten ist vielleicht etwas viel der Ruhe in dieser unbequemen Geschichte, die kaum Figuren bietet, mit denen man sich identifizieren kann.

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