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Klima-Aktivismus, aber richtig Sein Freund, der Baum

Heinrich Strößenreuthers Kampagne BaumEntscheid Berlin führte zum Berliner Klimaanpassungsgesetz. Kann der Klima-Aktivismus daraus lernen, wie man Konservative für die Sache gewinnt?

taz FUTURZWEI | Sind die Leute im Moment tatsächlich allergisch gegen alles, was mit Klimaschutz zu tun hat?

Dafür spräche, zum Beispiel: beim Berliner Klima-Volksentscheid 2023 gelang es nicht, 25 Prozent der Wahlberechtigten für den Gesetzentwurf der Initiative „Klimaneustart“ zu gewinnen. Bei der Bundestagswahl Anfang 2025 wurden die Grünen für Ihren Einsatz für Pariser Klimavertrag, Wärmepumpe und Windkraft eher abgestraft als belohnt.

Und Politiker wie Markus Söder versprechen sich Popularität und Wählerstimmen als Retter des Verbrennungsmotors und der Gasheizung. Auch ist es für Initiativen wie Fridays for Future im Moment ziemlich mühsam geworden, die Leute auf die Straße zu bringen. Die „Letzte Generation“ hat Namen und Strategie aufgegeben. Zumindest „gefühlt“ ist Klimapolitik mediengesellschaftlich ziemlich out, wenn nicht sogar toxisch. Wobei Medien, die das behaupten, dieses Gefühl festigen oder verstärken.

Stößenreuther und die breite Unterstützung für Klimaschutz

Überraschenderweise zeigen die jüngsten Umfragen, dass der Klimaschutz dennoch immer noch breit unterstützt wird: das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt kam im November 2025 wieder zu dem Ergebnis, dass sich über 70 Prozent der Bevölkerung Sorgen machen über negative Folgen des Klimawandels.

Eine deutliche Mehrheit wünsche sich sogar, dass die Politik beim Klimaschutz aktiver werde. Auch Heinrich Strößenreuther widerspricht der These von der gesellschaftlichen Abkehr.

Strößenreuther, 58, ist jener Aktivist, der mit einem Volksentscheid dafür sorgte, dass Berlin 2018 ein fahrradfreundliches Mobilitätsgesetz bekamt. Der Erfolg damals kam ziemlich überraschend. Nicht mal die etablierten Umweltverbände wollten am Anfang daran glauben, dass Strößenreuthers konfrontative Strategie zum Erfolg führen würde. Dass der heutige Senat die Fahrradpolitik in Teilen sabotiert, steht auf einem anderen Blatt.

Martin Unfried

Martin Unfried ist Politologe und arbeitet an der Universität Maastricht.

An diesem Tag sitzt er in der taz Kantine in Berlin. Gerade hat er beim tazlab zur Frage des zeitgemäßen Klima-Aktivismus gesprochen. Strößenreuther ist in Ostfriesland aufgewachsen, hat Wirtschaftsinformatik studiert, arbeitete als Manager unter anderem bei der Deutschen Bahn und hat sein Wissen über erfolgreichen Aktivismus in verschiedensten Initiativen und Organisationen in der Praxis getestet und weiterentwickelt.

Zeitweise war er auch in der CDU, gründete 2021 die Klima-Union, trat aber 2025 wieder aus und kehrte zu den Grünen zurück.

Die momentane Erzählung „Alle gegen Klimaschutz“ meint Strößenreuther, sei eher unter Hauptstadtjournalisten verbreitet. Diese Sicht hält sich im Moment in vielen Redaktionen. Von Bild, Welt und Nius wird sie strategisch verbreitet.

Doch auch der gewonnene Klimavolksentscheid im Oktober 2025 in Hamburg hat gezeigt, dass trotz fehlender Medienkonjunktur immer noch Mehrheiten für weitergehenden Klimaschutz möglich sind. Im November letzten Jahres folgte ein weiterer Erfolg in Berlin, an dem Strößenreuther wieder maßgeblich beteiligt war: das war der ziemlich geräuschlose Sieg der Kampagne BaumEntscheid Berlin. Das Berliner Abgeordnetenhaus nahm das von der Initiative vorgeschlagene Gesetz als „Klimaanpassungsgesetz“ in weiten Teilen an.

Die momentane Erzählung „Alle gegen Klimaschutz“ meint Strößenreuther, sei eher unter Hauptstadtjournalisten verbreitet. Von Bild, Welt und Nius wird sie strategisch verbreitet.

Erst im März 2024 hatte die Initiative, gestartet von Strößenreuther und Génica Schäfgen, ihren Gesetzesentwurf der Öffentlichkeit vorgestellt.

Warum gelang es, dass kaum 20 Monate später die wesentlichen Punkte als Gesetz verabschiedet wurden? Was kann man daraus lernen?

Der BaumEntscheid als Vorbild

Zu erst ist da das sorgfältig gewählte Thema „Baum“. Auch jene, die Maßnahmen zur CO2-Reduktion eher skeptisch sehen, seien bei Klimaanpassungsmaßnahmen aufgeschlossener, sagt Strößenreuther. Das seien Leute, die beispielsweise wenig wüssten über die Klimakrise. Desweiteren sei auch das Thema „mehr Bäume“ und „weniger Hitzestress“ bis in konservative Kreise hinein anschlussfähig.

Das bedeutet auch, dass die Kommunikation sorgfältig abgestimmt wurde: keine „rot-grüne Folklore“, sondern ein eher konservatives Logo, eine Wortwahl für alle Lager und im Gegensatz zum Radentscheid weniger konfrontativ. Deshalb, sagt Strößenreuther, hätte die Kampagne ein breites Bündnis ansprechen können von der Evangelischen Kirche bis zur Diakonie, von Kleingarten-Vereinigungen bis zu CDU-Mitgliedern.

Die Kommunikation wurde sorgfältig abgestimmt: keine „rot-grüne Folklore“, sondern ein eher konservatives Logo.

Und was ist mit dem Vorwurf, der Einsatz für Klimaanpassung sei ja an sich schon ein Eingeständnis des Scheiterns weitergehender Dekarbonisierung? Strößenreuther sieht gerade das als Strategie und spricht vom „trojanischen Pferd“. Wenn heute Berliner CDU-Politikerïnnen mit Blick auf den BaumEntscheid „Klima“ sagten, bekämen sie das nicht mehr differenziert zwischen Klimaanpassung und klassischer CO2-Reduktion. Hängen bliebe: Wir müssen mehr für‘s Klima tun. Das sei ein wesentlicher Gewinn in der öffentlichen Debatte.

Strategiefragen des Klimaaktivismus

Was bedeutet dies für heutigen Klimaaktivismus? Was funktioniert, was nicht? Beispiel Straßen-Blockaden. Als beim tazlab am 25. April diesen Jahres darüber diskutiert wurde, besetzten zeitgleich in Utrecht Aktivistïnnen von Extinction Rebellion eine Autobahn, 200 wurden kurzfristig von der Polizei festgehalten.

Das Instrument „Autobahnbesetzung“ wurde in den Niederlanden sogar viel massiver eingesetzt als in Deutschland, mit gemischter Bilanz. 2023 blockierte Extinction Rebellion 27 Tage lang die Autobahn im politischen Zentrum von Den Haag mit der Forderung, Subventionen für fossile Brennstoffe abzubauen.

Tatsächlich kam es im damals noch klimafreundlicheren Parlament 2023 zu einer Mehrheit, die in einer Resolution die Regierung zum Subventionsabbau aufrief. Das wurde jedoch von der späteren rechten Regierung (mit Beteiligung der undemokratischen Partei von Geert Wilders) nicht umgesetzt.

Schlimmer noch: die gesellschaftliche Mehrheit für Klimaschutz wurde in den folgenden Wahlen in Regierung und Parlament zu einer politischen Mehrheit gegen den Klimaschutz. Und es kam wie in Deutschland zu einer parteipolitischen Aufladung des Klimaschutzes und zu ähnlichen Formen des Kulturkampfes. „Klimafanatiker“ wurde ein Kampfbegriff der Rechten.

Gleichzeitig waren die Niederländer erfolgreiche Vorläufer bei den sogenannten Klimaklagen. Die Klage gegen den niederländischen Staat von 2013 war Vorbild für den deutschen Gang zum Bundesverfassungsgericht mit dem Urteil 2021. Dieses erklärte Bestimmungen des Bundes-Klimaschutzgesetzes (KSG) mit den Grundrechten für unvereinbar, weshalb die Regierung diese mit höheren Zielen anpassen musste.

Volksentscheide und Mehrheiten

So haben Volksentscheide und Klimaklagen eine wesentliche Gemeinsamkeit: sie bedienen sich der Instrumente von Demokratie und Rechtsstaat und basieren auf dem Vertrauen in die Institutionen. Mit einer selbstbewussten Haltung wird hier für die Mehrheitsgesellschaft gesprochen, wobei der Adressat die Politik ist. Beim Volksentscheid (beispielsweise um Bäume) geht es um den Streit für politische Mehrheiten, an die Regierungen und Parlament gebunden sind. Bei der Klimaklage wird die Regierung auf rechtstaatliches Handeln verpflichtet.

Dagegen vermitteln Aktionen, die auf Regelverletzung bauen und diese gar mit einer Ausnahmesituation begründen, eher die Haltung einer Minderheit, die Politik und Mehrheitsgesellschaft zu ihrer eigenen Wahrheit zwingen müsse. Gerade dieser Rückfall in die Minderheitenhaltung war in Deutschland sicher nicht hilfreich, hatten es die Fridays doch bereits vor Jahren geschafft, glaubwürdig im Sinne der Mehrheitsgesellschaft den Klimaschutz von der Politik einzufordern.

Diese gesellschaftlichen Mehrheiten gibt es auch in anderer Form: Energie-Genossenschaften haben insbesondere im ländlichen Raum jenseits von Parteizugehörigkeit viele Bürgerïnnen vom wirtschaftlichen Nutzen erneuerbarer Energien überzeugt. Da setzt sich auch der CSU-Landrat für die erneuerbare Wärmeversorgung vor Ort ein. Das ist das Gegenteil von Polarisierung.

Auch das ist Klimaaktivismus. Gerade das Konzept der eigenen Energieautonomie ist im ländlichen Raum gesellschaftlich anschlussfähig.

Bei Youtube gibt es viele Praktiker und auch viele Wissenschaftler, die zu Photovoltaik, Wärmepumpen und Elektromobilität praktisches Wissen vermitteln und gegen Desinformation angehen. Dort vernetzen sich Leute, die vielleicht noch nie auf einer Demo waren, aber heute schon fossil-frei leben.

Auch das ist Klimaaktivismus. Gerade das Konzept der eigenen Energieautonomie ist im ländlichen Raum gesellschaftlich anschlussfähig. Und emotionale Anschlussfähigkeit, so betont der Baumfreund Heinrich Strößenreuther, ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Zum Schluss geht es auch um Anschlussfähigkeit in einem anderen Sinne: wir leben in einem Land, in einer EU, in der Demokratie und Rechtsstaat unter Druck stehen und die „Regelverletzung“ gerade von rechts massiv beworben wird. Deshalb ist auch bei Klimaaktionen die Frage: Verstärken sie gesellschaftliche Polarisierung und Kulturkampf oder festigen sie das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit?

Auf dem taz lab hielten Heinrich Strößenreuther, Martin Unfried und Hanna Gersmann ein Gespräch zu diesem Thema ab. Das Gespräch wurde von Martin Unfried mitgeschnitten und ist hier auf YouTube auffindbar.

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