Harald Welzer gegen Utopien : Das wird ein Nachspiel haben!
Die offene Gesellschaft liegt im Rückstand und der Rollback geht voran. Harald Welzer findet, es braucht einen Perspektivwechsel, vom Utopischen zum Vorhandenen. Wie kann das funktionieren?
taz FUTURZWEI | Stephan Grünewald, der mit seinem rheingold Institut seit vielen Jahren die Psyche der Deutschen durchleuchtet, sagt in seinem Buch Wir Krisenakrobaten, Deutschland befände sich nicht in einer Zeitenwende, sondern in der Nachspielzeit.
„Die Menschen hoffen, dass die Zustände, die ihnen oft schon seit Kindertagen vertraut sind, noch einige Monate, vielleicht sogar ein oder zwei Jahre aufrechterhalten bleiben. Es herrscht in der Bevölkerung alles andere als eine moussierende Aufbruchs-, sondern eine diffuse Endzeitstimmung, die den Wunsch aufkommen lässt, die Zeit einfach anzuhalten.“ (S. 33)
Dieser Befund lässt sich mühelos auf die Szene der NGOs, Stiftungen und Initiativen übertragen, die sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Demokratieförderung oder (auch wenn niemand weiß, was das ist) progressiver Gesellschaftspolitik befasst haben.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°37: Nachspielzeit.
Die offene Gesellschaft liegt gegen Rechtspopulisten und Autoritäre höher im Rückstand, als sie wahrhaben will und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Politik und Gesellschaft wirken gelähmt. Wir analysieren die Blockaden, suchen Auswege und finden Handlungsspielraum.
Mit: Hartmut Rosa, Maja Göpel, Daniel Cohn-Bendit, Karoline Eichhorn, Alina Frieske, Ruth Fuentes, Dana Giesecke, Diana Kinnert, Reinhard Loske, Wolf Lotter, Anna-Verena Nosthoff, Lukas Rietzschel, Uwe Schneidewind, Harald Welzer u. v. m..
Da ging es immer um das ganz Große, so etwas wie „planetare Grenzen“, das „Weltklima“ oder „globale Gerechtigkeit“. Und jetzt, da sie mit dem großen Rollback in der Klima-, der Umwelt-, der Energie-, der Geschlechter-, der Gerechtigkeitspolitik konfrontiert sind, sind sie ebenso paralysiert, halten die Uhr an und hoffen, später werde doch alles wieder gut.
Rollback nach „Niustopia“
Leider ist aber das Rollback umfassend und die Dynamik liegt in jeder Hinsicht aufseiten derjenigen, die eine andere, fossilere, repressivere, muffigere Gesellschaft haben wollen, so eine Art Niustopia. Und obwohl wenig zu sehen ist, was diese Dynamik entschleunigen oder gar aufhalten würde, deutet man deren Geländegewinne als eine Anomalie, einen vorübergehenden Schwächezustand der liberalen Demokratie.
Irgendwann, so die große Illusion, sind all die antimodernen Menschenfeindinnen und -feinde wieder verschwunden und man kann endlich wieder so weitermachen wie früher.
Die intellektuelle Kraftlosigkeit, die nur noch zum Illusionären reicht, herrschte aber schon lange vor der Nachspielzeit, als eine sich selbst für „links“ haltende Szene sich lieber in der Kultivierung von Unterschieden als in der Bekämpfung materieller Ungleichheit erging und im heroischen Kampf gegen kulturelle Aneignung übersehen hatte, dass sich da lange schon Kräfte formiert hatten, die ganz andere Aneignungen vornehmen wollten: von Daten, Geld, Rohstoffen, Ländern, Menschen und Freiheit nämlich.
Und unter anderem uns selbst müssen wir den ernsten Vorwurf machen, ebenfalls viel zu lange daran geglaubt zu haben, auf der am Ende erfolgreichen Seite der Geschichte zu stehen und deshalb nicht zu sehen, welche Kräfte aufseiten der Demokratie-, Freiheits- und Weltverachter innerhalb und außerhalb der weniger werdenden Demokratien stärker und stärker wurden.
So kommt man dann mit Rückstand in die Nachspielzeit, und in so einer Situation tut man gut daran, den Spielstand zur Kenntnis zu nehmen.
Der große Rückstand
Wir liegen jetzt deutlich zurück, und deshalb wäre es klug, nach jenen Ressourcen und Kräften zu schauen, die man bislang nicht genutzt hat, weil man gedacht hatte, man sei schon gut genug. Aber die Ausgangslage ist doch gar nicht schlecht: Wir sehen in den westlichen Bundesländern nach Umfragen und Wahlergebnissen satte vier Fünftel der Bevölkerung aufseiten der etablierten demokratischen Parteien; in Ostdeutschland sind es gut 60 Prozent der Menschen, die CDU, SPD, die Grünen oder die Linkspartei wählen.
Harald Welzer, Jahrgang 1958, ist Sozialpsychologe und Mitherausgeber des Magazins für Zukunft und Politik taz FUTURZWEI.
Aber trotz dieser veritablen Mehrheiten richtet sich der Fokus der politischen und medialen Kommunikation seit Aufkommen der AfD absurderweise nicht mehr auf die Menschen, die Gesellschaft und Staat loyal und unterstützend gegenüberstehen. Obwohl die doch das Humankapitel der freiheitlichen Ordnung und damit auch ihrer Kultur und Ökonomie bilden.
Systemisch funktioniert diese bizarre Aufmerksamkeitsverschiebung so wie in einer Familie, in der es einen schweren Alkoholiker gibt, der alle Aufmerksamkeit und Energien auf sich zieht und die übrigen Familienmitglieder in Bann hält.
Plötzlich geht es nur noch um diese Person und was sie gerade wieder gemacht hat und was sie als Nächstes tun wird, während die eigentlichen vitalen Angelegenheiten der anderen Mitglieder der Familie in den Hintergrund treten.
Falsche Fokussierungen
Genauso verhält es sich seit vielen Jahren in der Großfamilie BRD, in der die Aufmerksamkeit auf ihre schwarzen Schafe sich derart fokussiert hat, dass man die vitalen Interessen und Gestaltungsaufgaben einer modernen Demokratie systematisch gar nicht mehr sieht – als da wären: ein überlebenstauglicher Umbau der Infrastrukturen, die Wiederherstellung eines zukunftsfähigen Bildungssektors mit gleichen Zugangschancen, die Fortsetzung der Energiewende auch im Verkehrs- und Gebäudesektor, die Schaffung von Wohnraum nach allen Regeln nachhaltigen und kostengünstigen Bauens, die Sicherung der Gesundheits-, Sozial- und Altersversorgung und nicht zuletzt eine existenzielle Stärkung des europäischen Projekts.
Für all das findet man vitale Ressourcen und Engagementbereitschaften in der Bürgergesellschaft, die es nicht nur politisch und medial mal endlich zur Kenntnis zu nehmen gilt, sondern eben auch vonseiten der eingangs erwähnten Szene der NGOs, Stiftungen und Initiativen, die dafür allerdings von ihrer permanenten Nabelschau weg den Blick heben müssten und dann sehen würden, dass ihre Bündnispartnerinnen bei der freiwilligen Feuerwehr, in der Nachbarschaftshilfe, bei den Tafeln, in den Kirchen, in den Volkshochschulen, beim Roten Kreuz, bei den Landfrauen, in den (verbliebenen) Dorfgemeinschaftshäusern, Eckkneipen und Sportvereinen zu finden sind.
Überall dort nämlich leisten gute Leute gute Arbeit, und das können sie nur, solange wir jene Rahmenbedingungen der freiheitlichen Ordnung haben, die jeder und jedem Einzelnen die Möglichkeit gibt, zu handeln.
Es geht in der Nachspielzeit also um einen Perspektivwechsel vom Großen ins Kleine, vom Utopischen ins Vorhandene, von den Problemen zu den Ressourcen, vom Senden zum Empfangen. Wie jetzt? Ausgerechnet in dem Moment, wo es im Großen an allen Ecken und Enden kracht, kümmern wir uns um das Kleine? Genau.
Wir sortieren unsere konkreten Handlungsmöglichkeiten und bringen sie ein, wo Strukturen des Gemeinschaftlichen existieren oder aufzubauen sind, wo etwas getan werden muss und kann, und wo wir alle das Gefühl brauchen und erfahren, dass das eigene Handeln wirksam ist. Auch wenn man Fehler macht oder scheitert. Darum geht es in diesem Heft, um das Gegenteil der Illusion: Das ist die Realität. Die existiert nicht im abstrakten Großen, sondern im konkreten Kleinen.
Patriachat und Antifeminismus
In der Mannosphäre
Luisa Neubauer über neue Mehrheiten
„Es braucht eine andere Art von Aktivismus“
Carla Hinrichs über Widerstand
„Ich berufe mich auf das Grundgesetz“
Sie liegt direkt vor einem, wo übrigens auch die eigene Verantwortung liegt. Und solange man in einem demokratischen Rechtsstaat leben darf, kann man sie verändern, verbessern, modernisieren, lebenswerter machen, die Realität. Das ist niemals dringlicher als in der Nachspielzeit.
🐾 Lesen Sie weiter: Die neue Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“ erscheint am 09.06. Jetzt vorbestellen im taz Shop.