Kinofilme über die Pandemie: Corona ist so unfotogen

Über ein Jahr Pandemie ist rum, doch auf der Leinwand schlägt sich die neue Covid-Realität kaum nieder. Das dürfte auch noch Jahre so bleiben.

Eine Frau spricht zu einem Mann auf dem Handydisplay

Dramaturgisch schwer umzusetzen: Kommunikation im Lockdown. Szene aus „Songbird“ Foto: STX Films

Erste Coronabücher sind längst verfasst und Lockdown-Songs auf den Markt gebracht. Nach über einem Jahr Pandemie machen sich nun auch in der Filmbranche die Covid-Einflüsse langsam bemerkbar. Szenen mit körperlicher Nähe sind seltener, auf Bilder größerer Massen wird verzichtet. Doch inwieweit die Pandemie ernsthaft Gegenstand in Filmen sein wird, ist fraglich.

Ein die Welt lahmlegendes Virus, das stetig mutiert, ist eigentlich der perfekte Stoff für Katas­trophenfilme. Nicht ohne Grund kam 2020 „Pandemie“ in die internationalen Kinos, obwohl der südkoreanische Film aus dem Jahr 2013 stammte. Mit „Songbird“ wurde in diesem Jahr zudem der erste während der Pandemie gedrehte Virusfilm auf Amazon Prime veröffentlicht.

Darin hat das mehrfach mutierte Coronavirus, Covid23, seine Tödlichkeit maximiert. Wer sich infiziert, wird samt seiner Angehörigen in Quarantänecamps verlegt, die keiner lebend wieder verlässt. Die Kritiken fielen durchweg schlecht aus. Ein wenig mulmig wird einem beim Zusehen schon, allerdings ist die Welt im Covid-Thriller von unserer Realität noch so weit entfernt, dass er nicht ernstlich für Unbehagen sorgt.

Ohnehin scheinen Pandemiefilme nur zu überzeugen, wenn das Virus extrem ansteckend ist, innerhalb von Stunden tötet und einen signifikanten Teil der Weltbevölkerung auslöscht. Der meist geschaute Film während der Coronazeit ist „Contagion“ (2011), da in ihm realistisch der Verlauf einer Virusmutation bis zur Pandemie nachgezeichnet wird. Als er vor zehn Jahren in die Kinos kam, floppte er jedoch: Die Spannungskurve im Thriller ist eher flach, ein Impfstoff schnell entdeckt.

Katastrophenfilme sind vor allem deswegen spannend, weil sie eine nicht gänzlich unmögliche Dystopie andeuten. Wie Horrorfilme spielen sie mit menschlichen Urängsten. „Science-Fiction-Filme laden zu einer leidenschaftslosen, ästhetischen Betrachtung der Zerstörung und Gewalttätigkeit [ein]“, schreibt Susan Sontag in ihrem 1965 veröffentlichten und immer noch großteils aktuellen Essay „Die Katastrophenphantasie“.

Pietätlos in der Umsetzung

Doch inwieweit lässt sich ein dystopisches Szenario ästhetisch genießen, wenn es unserem Alltag gefährlich ähnlich wird? Trotz seiner öden Umsetzung ist den Machern von „Songbird“ Pietätlosigkeit vorgeworfen worden. Wie harsch würden die Kritiken erst ausfallen, wenn die Storyline noch näher an der Realität verliefe? Etwa das Schicksal einer Großfamilie in einer norditalienischen Stadt nacherzählte?

Womöglich eignet sich die Coronapandemie weniger als Thriller-Sujet denn als filmische Gesellschaftsstudie. Ohnehin ist das Virus bereits so sehr Teil unseres Lebens, dass ihm im Film gar keine prominente Rolle zukommen müsste. Trotzdem erscheint es unwahrscheinlich, dass wir in den nächsten zwei Jahren viele Filme sehen, in denen Menschen kommentarlos Maske tragen und einander mit den Ellbogen begrüßen.

Der Grund dafür liegt nahe: Einen Spielfilm zu produzieren, kann gut ein bis zwei Jahre dauern. Die Angst von Filmemacher:innen, eine veraltete Realität in der Post-Corona-Zeit zu zeigen, ist nachvollziehbar.

Satiren funktionieren besser

In einer Satire lässt sich dieses Spannungsfeld schon besser umspielen: So ließ zuletzt etwa Radu Jude in seinem Berlinale-Gewinner „Bad Luck Banging or Loony Porn“ Covid19 einfließen: Die Geschichtslehrerin Emi bekommt darin Schwierigkeiten wegen eines Pornos, in dem sie trotz Tragen einer OP-Maske zu erkennen ist. Auch in Denis Côtés „Sozialhygiene“ (2021) wird Social Distancing praktiziert: Die Dar­stel­le­r:in­nen stehen auf einer Wiese und schreien sich einige Meter voneinander entfernt lautstark an. Côté zufolge kam ihm die Idee jedoch bereits vor der Pandemie.

Auf einen aktuellen Coronafilm, der seine Figuren zwischen Quarantäne und Impfneid agieren lässt, wartet man bislang noch. Verständlich: Was ereignet sich schon zwischen Home Office und Home Schooling? Wer will solche Geschichten überhaupt sehen?

Malte Wirtz versucht es trotzdem. Der Regisseur dreht momentan einen Film über eine Berliner WG im Lockdown. Dabei konzentriert er sich nur auf ein Medium: Der Film wird gänzlich über Zoom gefilmt. Die Schau­spie­le­r:in­nen interagieren über ihre Bildschirme miteinander und improvisieren in großen Teilen. Wirtz verfolgt den Dreh über seinen Computer, Regieanweisungen schickt er an die Schau­spie­le­r:in­nen per SMS.

Ein Pandemiegefühl vermitteln

„Die Dramaturgie ist schon ganz anders“, sagt Wirtz. „Ich gehe davon aus, dass der Film sehr lang wird – das braucht es irgendwie, um dieses Pandemiegefühl zu vermitteln. Es wird ausufernd und eine Herausforderung für die Zuschauer:innen.“ Das Ganze sei ein Versuch, vielleicht werde man so einen Film nie wieder machen wollen, sagt der 41-Jährige. „Aber dann hat es eben Zeitdokumentcharakter.“

Wirtz ist Direktor des unfiltered artist-Filmlabors. Er sehe es als seine Aufgabe an, die Grenzen der Filmsprache auszutesten und zu erweitern. „Wenn man so einen freien Film machen kann, sollte man die Chance auch nutzen, um nach neuen Formaten zu suchen“, meint er. Im Herbst soll „Digital Life“ Premiere feiern.

Einen ähnlichen Versuch, die neue digitale Realität abzubilden, unternimmt die Netflix-Miniserie „Social Distance“ (2020). Thema ist der Alltag im Lockdown, dargestellt meist über Videoanrufe. Auch hier waren die Kritiken überwiegend negativ. Doch vielleicht wurde gar nicht das Coronathema als langweilig empfunden, sondern sorgte vielmehr der Übereinsatz von Technik für Missfallen; denn ohne Laptop und Smartphone lässt sich der Pandemiealltag schlecht darstellen.

Auszeit aus der Realität

Es ist kurios: Unsere Welt ist vernetzt wie nie, trotzdem spielt Alltagstechnologie in Filmen meist keine große Rolle. Spannungsmäßig hat das durchaus Sinn: Geschichten lassen sich schlecht erzählen, wenn dauernd ein Handy dazwischen funkt. Filme sollen uns eine Auszeit aus der eigenen Realität ermöglichen; nicht umsonst spielen Thriller, Sci-Fi- und Liebesfilme das meiste Geld ein. Eskapismus erscheint gerade zu Pandemiezeiten oft als einziger Weg, die momentane Ungewissheit auszuhalten.

Verständlich, dass Coronafilme momentan eher unattraktiv erscheinen. Wird an dieses Pandemiejahr also gar kein größeres filmisches Zeitdokument erinnern? Vielleicht braucht es dafür einfach Zeit. 9/11-inspirierte Filme wurden auch erst gut fünf Jahre nach dem Anschlag produziert. Bis dahin werden die Auswirkungen der Pandemie trotzdem spürbar bleiben. Auch bei den neuesten Filmstarts fällt auf: Darunter sind einige, die mit nur einem kleinen Cast arbeiten. Etwa der Netflix-Erfolgsschlager „Malcom & Marie“, der kammerspielartig eine Paarbeziehung verhandelt.

Selbst Hollywood traut sich mittlerweile an das Thema und zeigt in „Locked Down“ die Beziehungskrise eines eingesperrten Paars in London. Corona-Alltag ist hier jedoch nur in Maßen zu sehen: Um der Lockdown-Langeweile zu entfliehen, entschließt sich das Paar dazu, einen Diamanten zu stehlen.

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