Anthologie-Serie „Solos“: Viel Lärm um das Nichts

„Solos“ will über das Menschsein reflektieren. Die Serie scheitert allerdings daran, eine Verbindung zu den Zuschauenden aufzubauen.

Anne Hathaway hat den Mund offen und die Hände in die Höhe gereckt. Ihre Augen sind weit aufgerissen - man sieht nicht, was sie sieht, nur einen rechteckigen Rahmen, der ihrem Kopf gegenübergestellt ist

Leah (Anne Hathaway) will mithilfe des Cauchy-Horizonts durch die Zeit reisen Foto: Amazon Prime

„Stell dir vor, du triffst dich selbst. Wen siehst du?“ „Wie weit würdest du reisen, um dich selbst wieder zu finden?“ „Wünschst du dir, den schlimmsten Tag deines Lebens ungeschehen zu machen?“ Mit bedeutungsschwangeren Fragen wie diesen eröffnet jede der sieben Folgen der neuen Anthologie-Serie „Solos“ auf Prime Video. Angesiedelt in der nahen Zukunft, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Bedeutung des Menschseins zu ergründen.

Dass sie gerade jetzt erscheint, ist kein Zufall. Sie ist ein Kind der Pandemie, durch und durch: Die jeweils in sich abgeschlossenen Geschichten erzählen allesamt vom Gefühl der Isolation, der Einsamkeit und des Verlorenseins. Diese Gefühle, die während der Lockdowns eine traurige Hochkonjunktur erfuhren, sollen wiederum von nahezu vollständig isolierten Schau­spie­le­r*in­nen in etwa halbstündigen Monologen transportiert werden.

Das Konzept klingt verlockend, es geht nur leider selten auf. Das liegt vor allem daran, dass die von David Weil („Hunters“) konzipierte und größtenteils geschriebene Serie ihre Zugehörigkeit zum dystopischen Sci-Fi-Genre allzu ernst nimmt.

Ähnlich wie die ebenfalls kürzlich bei Amazon Prime erschienenen Serie „Soulmates“ – die eine Zukunft entwirft, in der Menschen über ihre DNA ­di­e*den perfekten Le­bens­part­ne­r*in finden können – sind Stimmung und Set steril gehalten. Die Einrichtungen mögen hell gestaltet, die Möbel auf Hochglanz poliert und weiß sein, für die Lebensqualität im Morgen sehen die Drehbücher ausschließlich schwarz.

Der Versuch, so die Verzweiflung, die viele Menschen während der Pandemie empfanden, einzufangen, wirkt forciert, überbordend und führt letztlich zu vorhersehbaren Geschichten: Tom (Anthony Mackie) etwa sitzt einem nach seinem Ebenbild geschaffenen Roboter gegenüber. Er erzählt, dass er seiner Adoptivtochter abends vorlesen soll und sinniert darüber, dass er selbst die Blähungen seiner Frau vermissen werde.

Eine uninspirierte Produktion mit Stars am Set

Zum Zeitpunkt, als eröffnet wird, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet und bald sterben wird, ist das bereits längst klar. Davon, eine emotionale Bindung zu den Zuschauenden aufzubauen, ist man hingegen noch weit entfernt.

Nach diesem leicht zu durchschauenden Schema funktionieren alle Episoden: Die Prot­ago­nis­t*in­nen finden sich in einer konkreten Situation wieder, erst nach und nach wird ein vermeintliches Geheimnis entwirrt und die tatsächlichen Motive der Vortragenden werden sichtbar – der erhoffte Überraschungseffekt bleibt meist aus, kann man sich doch sicher sein, dass die Wendung denkbar negativ ausfällt. „Solos“ gibt sich große Mühe, möglichst viel Lärm um das Nichts zu machen.

Die mit Abstand intensivste Begegnung ist jene mit Leah (Anne Hathaway) sowie ihrem Vergangenheits- und Zukunfts-Ich. Im Keller ihres Elternhauses arbeitet sie an einer Möglichkeit, in die Zukunft zu reisen.

Als sie es schafft, tatsächlich mit einer weiteren Version ihrer selbst Kontakt aufzunehmen und dorthin aufbrechen will, offenbart ihr die vermeintliche Vergangenheits-Leah, dass sie eigentlich ihre ältere Version ist und um ihre Motivation weiß: Ziel ihrer Ambitionen ist es nicht etwa, wie behauptet, ein Mittel gegen ALS zu finden, um ihre täglich körperlich abbauende Mutter zu heilen – sondern vor ihr, der Tristesse und Ausweglosigkeit zu fliehen.

Dass es tatsächlich gelingt, eine Verbindung zu den ansonsten so weit entfernten Figuren aufzubauen, liegt vor allem am herausragenden Spiel Hathaways, das über Schwächen im Skript hinwegzutrösten vermag.

„Solos“,eine Staffel, sieben ­Episoden, ab 25. Juni, bei Amazon Prime

Am Ende fragt man sich, wie es der uninspirierten Produktion gelingen konnte, derart viele erstklassige Schau­spie­le­r*in­nen zu akquirieren – auch Morgan Freeman, Uzo Aduba und Helen Mirren versuchen, den holprig geschriebenen Monologen tatsächlich einen Funken Menschlichkeit einzuhauchen. Und schließlich fragt man sich, warum die zentrale Erkenntnis einer Serie, die sich zu Coronazeiten mit der Conditio humana beschäftigt, einen so fatalistischen Schluss ziehen möchte: Wir sind alle verloren in Zeit und Raum.

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