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KI und SportjournalismusWir sollten uns ehrlich machen

Martin Krauss

Kommentar von

Martin Krauss

Der Einsatz von KI macht den Journalismus nicht besser, sondern verdichtet Arbeit. Im Sportjournalismus zeigt sich diese Entwicklung seit Langem.

I ch habe einmal mit einem Kollegen zusammengearbeitet, der Texte, die Nachrichtenagenturen lieferten, einfach unter seinem Namen veröffentlichte. Er tat dies, weil er der festen Überzeugung war, die Geschäftsführung der Zeitung, bei der er als Redakteur angestellt war und für die ich auf Grundlage eines Honorarvertrags arbeitete, zähle die Artikel, die er schreibe. Wer binnen eines Jahres am wenigsten verfasst hätte, drohe gekündigt zu werden, so erklärte er es mir einmal. Das ist alles schon über zwanzig Jahre her, und es war damals so falsch wie heute.

Der Kollege jedoch glaubte, auf eine Zeitungskrise reagieren zu müssen. Wie er das tat, war illegal, unkollegial und betrügerisch. Gleichwohl habe ich den Kollegen damals nicht denunziert, und das würde ich auch heute nicht tun, wenn er oder jemand anderes Artikel von künstlicher Intelligenz (KI) schreiben ließe und dies als eigenes Werk präsentierte.

Irgendwie intervenieren müsste ich, das weiß ich, denn das Verhalten schadete ja auch mir. Aber in diesem Text geht es mir nicht um ein Urteil über diesen einen Kollegen, denn mir scheint, er hat vieles nur auf die Spitze getrieben, das gerade in Krisenzeiten sehr verbreitet ist und das heute in der Debatte um den Einsatz von KI erörtert wird.

KI und Journalismus (Sommerserie 2026)

Der Tagesspiegel hat seinem Editor-at-Large, Stephan-Andreas Casdorff, Publikationsverbot erteilt, weil er Texte von einer KI schreiben ließ. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, ließ daraufhin eine KI einen Text unter seinem Namen schreiben, der für die Nutzung von KI im Journalismus plädierte. Das Ressort taz2/Medien startet eine Sommertalkshow mit Diskussionsbeiträgen zur Rolle von KI im Journalismus und zur Zukunft unserer Branche. Bisher erschienen sind folgende Texte:

Martin Niewendick: „Der nötige Spritzer Selbstkritik“ über die Notwendigkeit der Debatte

Ambros Waibel: „Selbst schuld“ über die missliche Ausgangslage des Journalismus

Raoul Spada: „Die Grenzen der KI-Detektoren“ über die Vertrauenswürdigkeit der Erkennungssoftware

Barbara Junge: "Ist da wer?" Wie die taz mit künstlicher Intelligenz umgehen will

Adrian Lobe: "Endlich ich!" Echter Journalismus braucht den Mut zur Individualität

Wie stark, sollte man wohl fragen, unterscheidet sich eigentlich die Praxis, einfach den eigenen Namen über den gesamten Text eines anderen zu schreiben, davon, wenn nur einzelne Textblöcke aus diesem fremden Manuskript verwendet werden?

Textblöcke einfügen

Oder, wie man das früher nannte, Agenturtexte einfach „umzudichten“: gleicher Inhalt, aber andere Formulierungen, vielleicht sogar eine andere Gliederung? Oder: Wie groß ist denn der Unterschied noch, wenn man sich durch Übersetzungstools Artikel ausländischer Blätter ins Deutsche übertragen lässt und die so gewonnenen Textblöcke in das eigene Manuskript einfügt?

All das ist gängige redaktionelle Praxis, auch wenn sie mit seriösem journalistischen Arbeiten nichts zu tun hat. Dass ich selbst so etwas noch nie getan hätte, wäre gelogen. Und wer mir sagt, er oder sie habe so etwas noch nie gemacht, weckt bei mir Zweifel ob der jeweiligen Glaubwürdigkeit. Wir sollten uns ehrlich machen.

Gängige Praxis, das ist meine These, wurde dieser schlechte Journalismus nicht durch eine Häufung individuellen Fehlverhaltens. Gängig wird das Vorgehen durch strukturelle Zwänge.

Dass die KI dieses Problem verschärfen wird, ist offensichtlich, und man merkt es daran, dass es Verlagshäuser gibt, die solches Arbeiten offensiv fordern. Wichtig ist mir dabei jedoch zweierlei: Die KI hat das Problem nicht geschaffen, es war schon immer da. Und: Viele Anforderungen des Medienmarktes zwingen KI (und ihre Vorgängertechniken) geradezu herbei.

Und nun zum Fußball

Ein Beispiel habe ich schon genannt: Übersetzungen. Dass die Übertragung von Texten aus Fremdsprachen ins Deutsche mittlerweile beinah ausschließlich via KI stattfindet, ist ja keiner Faulheit der Menschen in den Redaktionen geschuldet. Es geht halt viel, viel schneller, zudem lassen sich so deutlich größere Textmengen verarbeiten, und mittlerweile wird sogar mitunter auf eine kritische Überprüfung der Übersetzung verzichtet.

Ein weiteres Beispiel kommt aus dem Sport, genauer: dem unterklassigen Fußball. In Deutschland finden an jedem Wochenende Zehntausende Liga- oder Pokalspiele statt, und Fachzeitschriften wie auch Onlineportale berichten darüber.

Beinah alle Spielberichte sind von der KI geschrieben, und zwar schon seit vielen Jahren. Ich habe ein Textbeispiel herausgesucht, doch weil es mir wirklich nicht ums Denunzieren geht, habe ich alle Namen anonymisiert, auch die der Vereine. „Im Spiel von SV gegen den SC gab es Tore am laufenden Band. Am Ende stand es 6:5 zugunsten des SV.“

Wäre das Spiel 0:0 geendet, hätte die KI wohl „… blieben Tore Mangelware“ gedichtet, denn der Bericht enthält durchaus sportjournalistische Wertungen und auch Floskeln. Dass das erste Tor in der 2. Minute fiel, verarbeitet die KI so: „Kurz nach Spielbeginn schockte der Spieler XY den SV.“

Wer kümmert sich um die Widersprüche?

Nur ganz am Ende gerät dieser KI-generierte Spielbericht leicht ins Straucheln. Einerseits: „Mit dem Sieg kletterte der SV auf Platz 13 und erreichte damit am letzten Spieltag das erklärte Saisonziel, den Klassenerhalt.“ Andererseits: „Die Saison war für den SV eine einzige Enttäuschung. Lediglich acht Siege, fünf Remis und satte 17 Niederlagen dokumentieren das.“

Einerseits Saisonziel erreicht, andererseits alles sehr enttäuschend. Aus statistischen Informationen naheliegende Wertungen konstruieren, das kann die KI. Wenn die sich aber widersprechen, ist keiner da, der es bemerkt. Ich traue mich nicht, zu behaupten, dass solcherart Widersprüche nie in einem komplett menschengeschriebenen Fußballbericht vorkämen, aber das menschliche Hirn ist immerhin fähig, sie zu erkennen.

Das bringt mich zu einem weiteren Punkt, der mir im Zusammenhang der aktuellen Debatte über KI im Journalismus zu kurz kommt. Wir wissen ja, dass – entgegen jeder jeweils neu in die Welt hinausposaunten Prognose – technologische Innovationen gerade nicht zu Erleichterung der Arbeit oder zu mehr Freizeit führen.

Das hat die Industriesoziologie durch ihre Beobachtung in Betrieben herausgefunden, und das wissen wir auch etwa aus der feministischen Technikforschung. Es ist wissenschaftlich erwiesen: Was steigt, ist nicht die frei verfügbare Zeit und schon gar nicht die Arbeitszufriedenheit. Was viel mehr steigt, sind die Ansprüche und die Palette der zu bewältigenden Aufgaben.

Den Niedergang verwalten

Ich versuche nun, diese Befunde auf den Journalismus zu übertragen. Wenn das Ziel lautet, die Zeitungen und Onlinedienste besser zu machen, dann muss die Erleichterung, die KI bietet, zu ihrer Kontrolle genutzt werden. Jemand mit entsprechender Qualifikation muss also schauen, ob die Übersetzung aus dem Russischen, die mir ein KI-Tool bietet, angemessen ist.

Und jemand, der von Fußball etwas versteht, muss die Spielberichte der KI gegenlesen, ob die nicht eher Fragen aufwerfen. Das verkürzt die Arbeit nicht, aber es erleichtert sie, und das Produkt wird besser. Es gibt Menschen, die für diese Seite der Nutzanwendung das Marx’sche Wort Gebrauchswert verwenden.

Wenn das Ziel jedoch lautet, Arbeitskräfte freizusetzen und Geld einzusparen – hier könnte man mit dem Wörtchen Tauschwert argumentieren –, dann verdichtet sich bloß die zu bewältigende Arbeit auf immer weniger Menschen. Diese stets kleiner werdende Gruppe von Redakteuren und Redakteurinnen muss dann den Niedergang ihrer Branche verwalten, solange diese noch ein schickes Profitchen abwirft. Hinzu kommt, dass die Kollegen und Kolleginnen sich nicht dabei erwischen lassen dürfen, wenn sie die Forderung nach seriöser journalistischer Arbeit nicht erfüllen – weil sie sie strukturell gar nicht erfüllen können.

Was ich zeigen wollte, ist dies: Mag sein, dass es verantwortungslos schlecht arbeitende Kollegen und Kolleginnen gibt. Aber diese Leute sind noch nicht einmal dann das Problem, wenn sie sich zu Fantasietiteln wie Editor-in-large haben hochschreiben lassen. Letztlich sind es die Bedingungen, unter den wir arbeiten, die den ganzen Mist produzieren.

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Martin Krauss

Martin Krauss

Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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2 Kommentare

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  • > gegenlesen, ob die nicht eher Fragen aufwerfen. Das verkürzt die Arbeit nicht, aber es erleichtert sie

    Ist beim Schreiben das Gegenlesen wirklich einfacher als das eigene Schreiben?

    In Programmierung ist es umgekehrt: Code gegenzulesen ist mehr Anstrengung als Code zu schreiben.

    Daher ist die Änderung durch KI dort eine Arbeitsverdichtung, die Leute früher in Erschöpfung treibt -- aber sie bekommen die Zeit nicht bezahlt, in der sie zu erschöpft sind, um weiterzumachen.

  • Danke für den ehrlichen und wichtigen Artikel! Seit Jahrzehnten schauen wir tatenlos zu, wie zig Millionen Menschen Werkzeuge weiterentwickeln, ein kleiner Teil die technische Basis und ein großer Teil durch Nutzung (Bereitstellung von Daten und gleichzeitig Bezahlung mit Daten). Wirklich profitieren nur die Eigentümer der Werkzeuge, und ein großer Teil dieser Werkzeuge wird von den Eigentümern gegen die Interessen der Mehrheit eingesetzt. Um zu manipulieren, um Arbeit zu verdichten.

    Das Schlüsselwort heißt hier Automatisierungsdividende. Die lässt sich auf mehreren Ebenen einfordern: Zeit, Arbeitsqualität, Lebensqualität, Geld, Respekt, Einhaltung von Gesetzen. Solange wir das nicht tun, wird weiter mit uns der Affe gemacht.