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Jüdische Identität und PunkGegen die Welt, aber mittendrin

Außenseitertum und Gemeinschaft, Toleranz und Widerstand: Der Sammelband „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ beschreibt, wie Punk-Kultur mit Jüdischsein verwoben ist.

Eine Szene von Kids für Kids. Selbst organisiert wider die herrschende Ordnung – witzig und aggressiv, politisch und unpolitisch, wild und absurd. Immer wieder totgesagt und immer wieder aufgestanden. Punk – was das genau ist, dazu haben viele Leute viele Meinungen. Es handelt sich jedenfalls um eine Bewegung für Outcasts und Underdogs, die die Enge der Normgesellschaft mit Lautheit und Schrillheit sprengt.

Das war der Gedanke Mitte der 1970er Jahre in den USA, als Jugendliche und junge Erwachsene in New York City ihre eigene Subkultur schufen. Nicht nur unter den ersten New Yorker Punks waren nicht wenige Juden:Jüdinnen. Manche von ihnen wurden Teil von Bands, die zu Berühmtheit gelangen sollten. Ohne Velvet Underground, die Ramones, The Clash, Black Flag, Bad Religion, NOFX! oder Sleater-Kinney würde es Punk, wie wir ihn kennen, nicht geben.

Bis heute prägen auch Juden:Jüdinnen Punk. Zugleich macht der Antisemitismus auch vor subkulturellen Szenen und Ästhetiken nicht halt. Der von Tobias Johann und Andreas Borsch im Verbrecher Verlag herausgegebene Sammelband „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ nähert sich Fragen von Zugehörigkeit und Exklusion, Potenzialen und Abgründen der Subkultur.

Das Buch

Andreas Borsch, Tobias Johann (Hg.): „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“. Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 320 S., 24 Euro

Antisemitismuskritik und gereckter Mittelfinger

Neben theoretischen und historischen Beiträgen versammelt der Band Erfahrungsberichte von jüdischen Punks in Deutschland, antisemitismuskritische Initiativen aus der Szene und zahlreiche gereckte Mittelfinger. Den Austausch zwischen Jüdischkeit und Punk beschreibt der amerikanische Autor Michael Croland. Er beobachtet Parallelen zwischen jüdischem Witz als Bewältigungsstrategie gegen Antisemitismus auf der einen – und Punk als Widerstand gegen gesellschaftlichen Druck mittels Ironie auf der anderen Seite.

Nicht nur haben Juden:Jüdinnen den Punk mit auf die Welt gebracht – der Punk hat selbst neue Formen des religiösen und atheistischen Judentums geboren. Sehr persönlich beschreibt Croland die Bedeutung von Klezmer-Punk für seine eigene jüdische Identität: Bei einem Konzert der Band Golem tanzte er seine erste Hora. Bei Live-Auftritten jüdischer Punkbands gelangte er sogar in einen Zustand spiritueller Erfahrung.

Als sich Punk über die Welt verbreitete, vernetzten sich in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren auch in Israel die noch kleinen Punk-Szenen der zweiten Generation, indem sie Fanzines, also selbst hergestellte Magazine, und selbst aufgenommene Kassetten per Post durchs ganze Land und über Kontinente hinweg mit anderen Punks austauschten.

Zwiespältigkeit im israelischen Punk

Wie anderswo politisierte sich Punk in jenen Jahren auch in Israel, allerdings unter erschwerten Bedingungen: Das zeigt sich an der Zwiespältigkeit einer im israelischen Punk weit verbreiteten antimilitaristischen Haltung einerseits und Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel andererseits, die auch dort lebende Anarchopunks schwer ignorieren konnten und können.

Dazu kommt die Absurdität eines Boykotts von israelischen Punkbands durch rechte Gruppierungen innerhalb von Israel – weil sie der Regierung gegenüber zu kritisch sind – und des Boykotts derselben Bands im Ausland – nur weil sie israelisch sind.

Auch nach Deutschland schwappte der Punk Ende der 1970er Jahre. Hier übernahmen Kids anfangs nicht selten eine in den USA und England unter Punks verbreitete NS-Ästhetik. Hakenkreuze auf Lederjacken, Bandnamen mit offensichtlichem Bezug zur SS und Uniformen können als Versuch verstanden werden, der Fassade der angeblichen Wiedergutwerdung der Deutschen einen Riss zuzufügen.

Unreflektierte Schock-Versuche

Laut Monty Ott waren sie allerdings im Deutschland der NS-Kontinuitäten häufig einfach ein unreflektierter Versuch zu schocken. In seinem Beitrag über die Bedeutung von jüdischem Punk als Widerstandspraxis seziert Ott das Spannungsfeld zwischen Provokation, die ins Herz trifft, und plumpem Entkrampfungsbedürfnis. Dabei weist er darauf hin, dass sich in der Punkszene des postnazistischen Deutschlands jedenfalls kaum Gedanken gemacht wurde, was der Anblick von NS-Symbolik für Juden:Jüdinnen bedeutete.

Die Beobachtung, dass in Teilen der Punk-Szene über Jahrzehnte hinweg immer mal mit Nazisymbolik kokettiert wurde, wird auch an anderen Stellen im Sammelband geteilt. Gleichzeitig wird in drei Erfahrungsberichten von jüdischen Punks in Deutschland neben Antisemitismuserfahrungen auch immer wieder die besondere Offenheit der Szene betont.

Sehr persönlich und trotzdem in einigen Überlegungen übereinstimmend, wird dort unter anderem das Gefühl beschrieben, in Deutschland als jüdische Jugendliche eh nicht zum Mainstream zu gehören – und dann die Offenbarung, eine Bewegung zu finden, die gar nicht dazugehören will.

Das Gefühl, in Deutschland als jüdische Jugendliche eh nicht zum Mainstream zu gehören

Oft sei der erste Eindruck gewesen, sich vom traditionellen Judentum mit all seinen Regeln und Routinen abwenden zu müssen, um ein richtiger Anarchopunk zu sein, dem aber folgte häufig die Erfahrung, dass sich jüdische Identität und Punk doch sehr gut vereinen lassen. Oder wie Alfi von der Band DVMP es beschreibt: „Resilient bleiben, weiterfeiern.“

Den Hang der britischen Musikszene zu einer besonders stark ausgeprägten antiisraelischen Haltung zeichnet Klaus Walter nach. Allerdings stimmt er dabei in den Chor des immer wieder vorgebrachten Scheinarguments ein, queere Personen sollten sich lieber zurückhalten mit der Kritik am einzigen Land in der Nahost-Region, in dem Queers halbwegs geduldet sind.

Kritik an Hamas-Fans

Walter zählt queere internationale Musiker:innen auf, die sich propalästinensisch äußern, um ihnen dann gönnerhaft keine Begegnung mit der Hamas zu wünschen. Eine Thematisierung des Leids in Gaza wird hier undifferenziert mit einem Sympathisieren mit der Hamas gleichsetzt. Eine Kritik an Hamas-Fans lässt sich auch unabhängig von deren sexueller Orientierung und Identität formulieren.

Interessanter setzt sich Tina Sanders mit der Frage auseinander, warum es nach dem 7. Oktober 2023 in der globalen Hardcore-Punkszene so wenig Empathie mit den israelischen Opfern und mit Juden:Jüdinnen weltweit gab. Warum ist eine Bewegung, die der diskriminierenden Normgesellschaft in die Suppe spucken will, trotzdem in Teilen antisemitisch?

Aus Sicht der Psychoanalyse

In ihren Betrachtungen aus Sicht der Psychoanalyse und der Kritischen Theorie beleuchtet Sanders das Potenzial von Hardcore, negative Emotionen in kreative und widerständige Energie umzuwandeln. Gleichzeitig zeigt sie auf, wie anfällig diese Community für ein ungehemmtes Ausleben von aggressiven Trieben an vermeintlich Anderen ist. Auch die im Punk immer wieder anzutreffende verkürzte Kapitalismuskritik dürfte da nicht hilfreich sein.

Der Sammelband ist eine innige Hommage an die Subkultur, verfällt aber nie in kitschige Verklärung. Zugleich ist er ein Plädoyer für eine kritische Auseinandersetzung mit kollektiven Identitäten und revolutionärem Widerstand – von Punks für Punks und alle anderen.

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