Israelischer Autor über deutsche Medien: „Mit Reportern zu Israel zu arbeiten war frustrierend“
Der Analyst Alon Sahar hat ein rechtes israelfreundliches Netzwerk untersucht. Auch deutsche Zeitungen verbreiten dessen Erzählungen ungefiltert.
Foto: Ramez Habboub/Zuma/imago
taz: In Ihrer Studie für die Rosa-Luxemburg-Stiftung analysieren Sie eine transnationale Kampagne, die darauf abzielt, das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) zu diskreditieren. Sie beschreiben ein Netzwerk von NGOs, von denen einige Verbindungen zur israelischen Regierung haben und von reichen Spendern aus den USA finanziert werden. Wie gehen diese Organisationen vor?
Alon Sahar: Es ist wichtig, sich die Selbstdarstellung dieser NGOs anzuschauen. Schon ihre Namen vermitteln den Eindruck kritischer Neutralität, obwohl es sich tatsächlich um Organisationen für Interessenvertretung handelt, die politische Positionen der israelischen Rechten vertreten. Ein Beispiel ist „UN Watch“ – klingt gut, oder? Man wünscht sich ja eine Organisation, die eine so bedeutende Institution kritisch begleitet. Dasselbe gilt für „NGO Monitor“ oder „Impact-SE“.
ist Filmemacher und unabhängiger Analyst, der für diverse Medien schreibt. Zuvor arbeitete er mit der NGO Breaking the Silence und B’Tselem in Israel/Palästina zusammen. Heute ist er Mitgründer der Israelis für Frieden sowie Herausgeber des Substack-Newsletters Staatsräson Monitor.
taz: Sie schreiben, dass Impact-SE die durch unabhängige Studien widerlegte Behauptung verbreite, die UNRWA verwende systematisch antisemitische Schulbücher.
Sahar: Impact-SE konzentriert sich in seiner Arbeit stark auf palästinensische und mit der UNRWA verbundene Bildungsmaterialien, während israelische Lehrpläne weitaus weniger akribisch untersucht werden. Zudem ist die Finanzierung dieser rechten NGOs deutlich intransparenter als die von linken.
taz: Sie beschreiben auch, wie diese NGOs Deutschland als wichtigsten Geberstaat der UNRWA ins Visier nehmen. Wer treibt die Kampagne hier voran?
Sahar: Die Organisationen in Deutschland bezeichne ich als „lokale Vermittler“. Beispiele sind die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) oder der deutsche Ableger der Interessensorganisation Elnet, die diese Erzählungen hier verbreiten. Die DIG, Elnet und andere Akteure erhalten Projektförderungen, die ihnen nicht nur finanzielle Mittel verschaffen, sondern sie auch in den Augen der Öffentlichkeit und der Politik legitimieren.
taz: Eine weitere Gruppe, von der Sie sprechen, sind die „Normengestalter“.
Sahar: Das sind jüdisch geführte Organisationen, wie der Zentralrat der Juden, die den Anspruch erheben, für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu sprechen. Das stimmt aber nicht. Niemand hat sie beauftragt, sich in außenpolitische Fragen einzumischen. Sie sprechen jedenfalls weder für mich noch für die vielen nicht organisierten Jüdinnen und Juden, die hier leben – und die sind mehr als die Hälfte –, ebenso wenig wie für andere progressive Jüdinnen und Juden.
taz: In Ihrem Bericht tauchen auch Akteure auf, die auf den ersten Blick überraschen mögen. Einer davon ist die Amadeu Antonio Stiftung (AAS), eine öffentlich geförderte NGO, die zu Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus arbeitet.
Sahar: Die AAS hat im Jahr 2025 einen Bericht herausgebracht, der die UN in den Blick nimmt und ihr antiisraelischen Bias und Antisemitismus vorwirft – und dabei eher weniger die unterschiedlichen Machtstrukturen des UN-Systems betrachtet. So wird etwa nicht thematisiert, wie die USA Israel im Sicherheitsrat Rückendeckung geben. Das Vorwort zu dem Bericht hat der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, geschrieben, und ein Teil besteht aus einem Interview mit UN Watch. Ich kannte die AAS zuvor vor allem wegen ihrer tollen Arbeit zum rechtsextremen Anschlag in Halle im Jahr 2019. Da interviewte sie auch nichtjüdische migrantische Betroffene, um zu zeigen, dass Rechtsextremismus Teil eines größeren gesellschaftlichen Problems ist.
taz: Was haben Sie gedacht, als Sie gesehen haben, dass sie mit UN Watch arbeiten?
Sahar: Meine Wahrnehmung der AAS begann sich zu verändern. Ich kenne UN Watch aus meiner Arbeit zu Israel/Palästina und denke, dass die Organisation eine rechte politische Agenda verfolgt. Ich fragte mich: Warum arbeitet die AAS mit einer konservativen, nationalistischen NGO zusammen? Da wurde mir klar, dass hier wohl eine koordinierte Kampagne mit vielen Akteuren im Gange ist. Das hat mich letztlich dazu gebracht, tiefer zu recherchieren und diesen Bericht zu schreiben.
taz: Sie sprechen in Ihrer Studie auch über Medien in Deutschland, die die Behauptungen von NGOs wie UN Watch verbreiten. Ihr Fokus liegt dabei auf zwei Springer-Zeitungen, Bild und Welt. Warum?
Sahar: Weil sie das sind, was ich „mediale Verstärker“ nenne. Es ist wichtig, den Unterschied zu verstehen zwischen „medialen Verstärkern“ und Medien mit politischer Voreingenommenheit. Was bedeutet Voreingenommenheit? Nehmen wir an, Sie sind Brite und lesen den Telegraph – bevor Axel Springer ihn übernommen hat – oder das Wall Street Journal. Das sind seriöse Zeitungen. Sie vertreten zwar eher rechte Positionen, halten sich aber an bestimmte journalistische Standards. Es gibt ein Recht auf Gegendarstellung, abweichende Stimmen kommen zu Wort, und es werden verlässliche Quellen herangezogen.
taz: Wie unterscheiden sich dagegen die von Ihnen untersuchten Medien?
Sahar: Sie fungieren als Verstärker. Das bedeutet, sie übernehmen Behauptungen und wiederholen sie einfach. Manchmal halten sie sich vielleicht an journalistische Standards. Aber eben nicht immer. Bild ist die am häufigsten vom Presserat gerügte Zeitung Deutschlands.
taz: Wie funktioniert das in der Praxis – etwa wenn diese „Verstärker“ über UNRWA berichten?
Sahar: Nehmen wir an, UN Watch veröffentlicht einen Bericht. Noch am selben Tag erscheint dazu ein Artikel in Bild oder Welt. Die Behauptungen werden übernommen oder weiter zugespitzt. Besonders deutlich war das bei Bild, wo eine Schlagzeile lautete: „UN-Lehrer loben Hitler, hetzen gegen Juden“. Häufig werden solche Behauptungen wiedergegeben, ohne dass die UNRWA Gelegenheit zur Stellungnahme erhält oder auch nur der Hinweis erscheint: „Wir haben die UNRWA um eine Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort erhalten.“ Dabei gehört das eigentlich zum journalistischen Standard.
taz: Sie waren Pressesprecher von „Israelis für Frieden“, einer Gruppe linker Israelis, die gegen Israels Zerstörung des Gazastreifen protestiert. Welche Erfahrungen haben Sie da im Umgang mit deutschen Journalisten gemacht?
Sahar: Mich haben immer wieder gute Geschichten erreicht mit belastbaren Belegen oder starken Hinweisen, denen Reporter normalerweise nachgehen würden. Bei einigen ging es um außenpolitische Themen, bei den meisten aber um israelischen Einfluss in Deutschland. Aber die Journalisten lehnten diese Geschichten auf unterschiedlichen Wegen ab.
taz: Vielleicht fanden sie die Storys einfach nicht interessant.
Sahar: Ich arbeite ständig mit Reportern zusammen. Wenn sie etwas nicht interessiert, sagen sie das in der Regel ganz offen. Aber die deutschen Journalisten reagierten anders. Manche gaben von vornherein auf und sagten: „Wow, was für eine Geschichte! Aber mein Redakteur würde das niemals freigeben.“ Andere meinten: „Wow! Okay, ich versuche es bei meiner Redaktion.“ Und in den meisten Fällen scheiterten sie damit. Am schlimmsten war jedoch, wenn sie sagten: „Wow, was für eine Geschichte! Ich kümmere mich.“ Dann arbeitete ich mehrere Tage lang mit ihnen zusammen – und am Ende wurde die Story fallen gelassen.
taz: Warum?
Sahar: Nicht weil sie sich nicht belegen ließ oder die Faktenlage zu dünn gewesen wäre. Es waren immer die Redaktionen, die sie stoppten oder deutlich abschwächten. Das war sehr frustrierend, aber es gehört auch zu dieser Arbeit.
taz: Ein Grund könnte sein, dass man schnell als Antisemit abgestempelt wird, wenn man über israelischen oder proisraelischen Einfluss in Deutschland spricht – und zwar von vielen derselben Akteure, die Sie in Ihrem Bericht nennen.
Sahar: Ja. Ich sehe meine Studie allerdings gerade als einen Beitrag gegen antisemitische Verschwörungserzählungen. Das antisemitische Klischee lautet, es gebe eine mächtige jüdische Lobby, die die deutsche Regierung kontrolliere. Meine Arbeit zeigt aber, dass das nicht zutrifft. Wenn diese Akteure über viele Jahre hinweg so viel Geld, Zeit und Aufwand investieren mussten, um Einfluss zu gewinnen, dann hatten sie eben keine Kontrolle. Was sich allerdings beobachten lässt, ist ein wachsender Einfluss – und der speist sich aus asymmetrisch verteilten Ressourcen.
taz: Ihr Bericht erschien zeitgleich mit einem wohlwollenden Artikel in der FAZ, einer eher konservativen Zeitung, die sonst nicht für starke Israelkritik bekannt war. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich das Overton-Fenster verschiebt?
Sahar: Ich denke schon – allerdings nicht in dem Ausmaß, wie es notwendig wäre. Meiner Ansicht nach verschiebt es sich auch deshalb, weil die Medien insgesamt zunehmend unter Druck geraten. Ihnen wird vorgeworfen, zu teuer zu sein, die Bevölkerung nicht angemessen zu repräsentieren und so weiter. Mein Eindruck ist: Wenn man deutsche Zeitungen mit ihren europäischen Pendants vergleicht, dann zeigt sich gerade in Bezug auf Israel ein völlig anderes Bild. Und noch wichtiger: Umfragen zeigen seit Langem, dass die deutsche Bevölkerung den Konflikt zwischen Israel und Palästina ganz anders beurteilt als die Medien und die politische Elite.
taz: Woher kommt die Diskrepanz?
Sahar: Sie lässt sich auf das transnationale Lobby- und Advocacy-Netzwerk zurückführen, das ich in meiner Studie beschreibe. Das richtet seine Bemühungen vor allem auf die politische Elite. Für die breite Öffentlichkeit interessiert es sich weniger. Und je stärker die Unterstützung für Palästina in der Bevölkerung wächst, desto mehr Ressourcen investieren sie in Lobbyarbeit und darin, Abhängigkeiten von Israel in verschiedenen Bereichen zu schaffen. Das mag legal sein. Aber der Einfluss dieses Netzwerks ist – wie der anderer Lobbygruppen, etwa der Pharmaindustrie – kein Zeichen einer gesunden Demokratie. Insbesondere dann nicht, wenn ausländische Interessen involviert sind.
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