Journalist über Krise im Musikbusiness: „Die Menschen haben verlernt, bewusst zu hören“
Maik Pagels erzählt in einer Musikshow, was Streaming, Algorithmen und die Krise der Live-Kultur für Pop-Musiker:innen bedeuten.
Foto: Christian Charisius/dpa
taz: Herr Pagels, der Titel Ihrer Musikshow – „Kultur geht flöten“ – ist witzig, aber auch deprimierend. Was meinen Sie denn damit?
Maik Pagels: Wir wollen keinen Kulturpessimismus streuen, aber uns hat die Frage angetrieben: Was geht verloren, wenn Kultur die Menschen nicht mehr so richtig erreicht? Kultur wird vielen Menschen fremd: Sie wirkt auf sie elitär oder kompliziert. Wir wollen diese Hindernisse wegräumen.
taz: Aber ist Musik heute nicht allgegenwärtig und so verfügbar, wie sie es noch nie gewesen ist?
Pagels: Gerade, weil man sich alles aus dem Netz holen kann, ist die Wertschätzung für kulturelle Medien ein wenig verloren gegangen. Und die Lebensgrundlage von Musiker und Musikerinnen geht verloren, weil die meisten von ihnen bei Streamingdiensten wie Spotify kaum etwas verdienen können.
taz: Sind nicht inzwischen Konzerte die Hauptverdienstquelle von Musiker*innen?
Pagels: Ja, mit live gespielter Musik kann man noch Geld verdienen. Aber Konzerte werden nicht mehr so gut besucht wie noch vor einigen Jahren. Wer in einem Club spielt, wird wirklich um sein Publikum kämpfen müssen. Denn es findet eine Eventisierung der Musikkultur statt. Das bedeutet, dass die Leute auf die großen Festivals gehen und da zum Beispiel 200 Euro für zwei oder drei Tage Livemusik ausgeben. Darunter leiden die kleinen Bands, die nicht auf solche Festivals eingeladen werden, denn für sie ist kaum noch Geld über. Von dieser Entwicklung profitieren vor allem die großen Agenturen und Ticketverkäufer.
taz: Und warum klingt Popmusik heute so anders als früher?
Pagels: Die Kultur des Hörens und des Musikmachens hat sich verändert. Aber wonach richtet sie sich? Nach Algorithmen! Stücke werden jetzt so komponiert, dass der Höhepunkt sofort am Anfang zu hören ist, damit die Songs nicht nach wenigen Sekunden weggeklickt werden. Es gibt keine richtigen Bands mehr, und wann hat man in der neueren Popmusik zuletzt mal ein Gitarrensolo gehört? Das fällt alles weg, weil die Menschen verlernt haben, bewusst zu hören.
taz: Es fehlt also an einer Kultur des Zuhörens?
Pagels: Genau! Wer hört denn heute noch klassische Musik oder Jazz? Man muss die Menschen früh an solche Musik heranführen. Aber in den Schulen fällt der Musikunterricht immer häufiger aus, weil es nicht genug ausgebildete Musiklehrer und -lehrerinnen gibt. In Bayern wurde darum einfach die Anzahl der Musikstunden an den Schulen halbiert.
taz: Dazu passt, dass Musik inzwischen auch gänzlich am Computer produziert wird. Haben Sie als professioneller Hörer schon einen von einer KI gemachten Song gefunden, der Ihnen gefallen hat?
Pagels: Es gab tatsächlich einen Song, den ich ganz cool fand. Auch ich bin also schon drauf reingefallen. Denn die Musik klang so, als wäre sie von einem Bluesmusiker mit seiner Gitarre und einer ganz warmen, schwarzen Stimme handgemacht.
taz: Was machen Sie denn bei Ihren Veranstaltungen überhaupt?
Pagels: Wir gehen die Musikgeschichte von Mozart bis Spotify durch und zeigen, wie Musik populär wurde.
Musikshow „Kultur geht flöten“ mit Maik Pagels und Andreas Oesterling am Klavier: 25.9., 20 Uhr, Kasch, Bergstraße 2, Achim, Eintritt 20 Euro
taz: Und wie machen Sie das?
Pagels: Wir bringen etwa ein Grammofon mit, um den Menschen zu zeigen, welche Mühe es früher gemacht hat, eine Schellackplatte abzuspielen. Aus heutiger Sicht ist das kein schönes Klangerlebnis. Aber früher waren alle verblüfft und fasziniert davon, dass man überhaupt aufgenommene Musik hören konnte.
taz: Und was macht Ihr Partner Andreas Oesterling dazu am Klavier?
Pagels: Andreas ist Konzertpianist und kann nicht nur Bach, Mozart und Jazz, sondern auf Zuruf fast alles spielen. Ich frage etwa das Publikum, ob sie ein Musikstück kennen und wenn Andreas es dann anspielt, sagen alle: „Ah, ja!“ Das ist ja kein Musikunterricht, sondern ein lockeres Unterhaltungsprogramm. Wir wollen einfach Lust auf Musik machen.
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