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Jazzfest Berlin„Freejazz muss swingen“

Der Berliner Pianist Alexander von Schlippenbach über signifikante Schläge auf der Percussion und Dressing Down als Absage an den bürgerlichen Habitus.

Interview von

Maxi Broecking

taz: Alexander von Schlippenbach, wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Von Schlippenbach: Als Freejazz. Anders kann ich es nicht beschreiben. Auch heute noch.

taz: Als frei improvisierte Musik könnten Sie sie doch auch beschreiben?

Von Schlippenbach: Es gibt diesen großen, weiten Begriff der improvisierten Musik. Das kann alles Mögliche bedeuten, muss aber nicht unbedingt vom Jazz herkommen. Die Haltung des Jazzmusikers ist ganz anders als die von jemand, der ausschließlich frei improvisierte Musik macht. Freejazz muss swingen und sich nach vorne bewegen. Freejazz hat einen bestimmten Impetus, den es nur in dieser Musik gibt, auch aus der ganzen Tradition heraus.

Im Interview: Alexander von Schlippenbach

Der Künstler: Alexander von Schlippenbach, geboren 1938 in Berlin, studierte in den 1950ern in Köln Musik und spielte dort zunächst als Pianist in Bebop-Bands. Mit seiner Verbindung von Zwölftonmusik und freien improvisatorischen Formen gilt er als einer der Gründerväter des europäischen Freejazz, der eine eigene musikalische Sprache entwickelte. Sein 1966 gegründetes Globe Unity Orchestra feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen.

Das Konzert: Globe Unity Orchestra beim Jazzfest Berlin am 1.11.2026 im Haus der Berliner Festspiele.

taz: Sehen Sie Freejazz in der Tradition von Swing?

Von Schlippenbach: Swing ist ein fundamentales Element von Freejazz, wodurch es sich vollkommen von anderer Musik unterscheidet. Swing ist ein Phänomen, das beim Zuhören eine Bewegung spürbar macht. Das hat etwas Beglückendes und geschieht durch das Zusammenkommen von Musikern, die aus derselben Haltung spielen. Wenn es nicht funktioniert, kann Freejazz auch eine Strafe sein.

taz: 1966 erhielten Sie beim Jazzfest Berlin den Kompositionsauftrag für ein Streichquartett mit zwei Jazzsolisten. Wie wurde daraus die Gründung des Globe Unity Orchestras, das bis heute besteht?

Von Schlippenbach: Mir gefiel die Idee nicht und ich schlug stattdessen vor, Freejazz in größerer Besetzung auszuprobieren. Der Kern war eine Doppelformation des Manfred Schoof Quintetts und des Peter Brötzmann Trios.

Jetzt könnte man denken, alle spielen einfach, was sie wollen. Dem ist jedoch nicht so

taz: Wie kam es zum Namen Globe Unity?

Von Schlippenbach: Der Name beruhte auf der Faszination für Bernd Alois Zimmermanns Gedanken einer Kugelgestalt der Zeit: Es ist eine ästhetische Vorstellung davon, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Einheit bilden und alle Entwicklungen und alle Arten von Musiken gleichzeitig in einem großen kreisförmigen Gebilde dargestellt werden. „Unity“ war vom US-Jazzpianisten Cecil Taylor inspiriert, der immer von einer „Unit“ gesprochen hat, einer Vereinigung der Musiker. Der Name der Komposition hat sich dann auch als Name für das Orchester etabliert.

taz: Wie sind sie damals an die Idee herangegangen, Freejazz für Orchester zu komponieren?

Von Schlippenbach: Schon während meines Studiums bei Bernd Alois Zimmermann hatte ich mich intensiv mit der Wiener Schule beschäftigt, mit Schönberg, Berg und Webern und wie man Atonalität für den Jazz nutzen kann. Es gab dann zwei Grundelemente: Einmal den kompositorischen Teil, basierend auf der Zwölftonreihe als Hintergrund für einen Solisten, und andererseits ganz freie Passagen.

taz: Wie haben Sie dirigiert?

Von Schlippenbach: Mit Handzeichen und durch bestimmte Signale. Wir hatten damals die Percussion erweitert, ich hatte Röhrenglocken, weil ich die interessant und schön fand. Ein großes Tamtam, das weiß ich noch, mit Riesenbecken und Gongs. Da musste ich nicht unbedingt Dirigierzeichen geben, manchmal genügte ein signifikanter Schlag auf eine Percussion, schon wussten die Kollegen Bescheid.

taz: War Lautstärke wichtig?

Von Schlippenbach: Lautstärke geht vom dreifachen Fortissimo bis ins dreifache Pianissimo und allem, was dazwischen ist. Das war bei uns ziemlich offen. Meistens ging es eher heftig zu. Es gab auch den sogenannten „Generalcluster“, als Tutti-Akkord für die gesamte Klaviatur gleichzeitig. Ein Brett, das übereinandergeschichtet so konstruiert war, dass es genau gepasst hat im Griff. Damals haben wir viel experimentiert, auch mit Materialien.

taz: Welche Rolle spielten der Performance-Gedanke und Ihre Kleidung?

Von Schlippenbach: Gute Frage, bei unserem Konzertdebüt als Globe Unity sollten alle noch, wie es hieß, auf der Bühne einen „Qualitätsanzug“ tragen, natürlich auch Krawatten. Das änderte sich dann aber schnell, um auch durch die Kleidung dem bürgerlichen Habitus etwas entgegenzusetzen. Dann hieß es plötzlich nicht mehr „dress up when you go on stage“, sondern die Devise war „dressing down“. Wir haben also die Smokings nicht mehr angezogen.

taz: In den 1970ern haben Sie gemeinsam mit Globe Unity und Peter Kowald Workshop-Konzerte in Wuppertal gegeben. Es spielten europäische Musiker im Orchester, darunter Enrico Rava, Tomasz Stanko, Han Bennink und Evan Parker. Noch später waren auch US-Jazzavantgardisten wie Anthony Braxton und George Lewis dabei. Wie kam es dazu?

Von Schlippenbach: Wir haben in Chicago im Club „The Empty Bottle“ gespielt, da haben wir Mitglieder der Chicagoer AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians) kennengelernt, der auch Anthony und George angehören. Vor allem mit George Lewis gab es dann eine Reihe von Konzerten und Aufnahmen.

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taz: Jetzt gibt es das Globe Unity Orchestra seit 60 Jahren. Wie hat sich die Musik seither gewandelt?

Von Schlippenbach: Eine wichtige Veränderung war, dass wir ab den 1980ern nur noch frei improvisiert haben. Aus dem improvisatorischen Impetus heraus, wie ich das nenne. Das ist mir auch heute ganz besonders wichtig, dass dieser Impetus sich ungebremst entfaltet. Schon in dem Moment, wenn man eine Verabredung trifft, konditioniert sich bereits die Improvisation im Kopf des Spielers. Jetzt könnte man denken, alle spielen einfach, was sie wollen. Dem ist jedoch nicht so. Es kommt auf das Zusammenspiel an, das ist sehr wichtig.

taz: Wird das bei Ihrem Auftritt beim Jazzfest auch so sein?

Von Schlippenbach: Da möchte ich jetzt noch nicht allzu viel verraten, es wird höchstwahrscheinlich der letzte Auftritt vom Globe Unity Orchestra. Da wollen wir eine Art Bilanz ziehen. Von allem, was wir gemacht haben, von unserer gesamten Erfahrung.

taz: Wie groß ist die Gefahr, bei Konzerten live zu scheitern?

Von Schlippenbach: Es war nicht immer dasselbe glückliche Resultat, aber das ist das Risiko des freien Spielens und auch die Schönheit daran.

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