Italiener – und Fan der Deutschen: „Mein Favorit ist natürlich Deutschland!“
Der italienische Bestsellerautor Giuseppe Culicchia ist „tifoso“ der deutschen Mannschaft. Nun hat er ein Buch über seine Leidenschaft geschrieben.
taz: Herr Culicchia, Sie haben ein Buch geschrieben über Ihre Liebe zur deutschen Nationalmannschaft, „La mia Germania“. War es schwierig, einen Verleger zu finden? Immerhin hat das deutsche Team in Italien noch immer den Beinamen „die Panzer“.
Giuseppe Culicchia: Ja, das stimmt. Aber ich muss sagen, ich hatte viel Glück mit dem Verlag Neri Pozza aus Mailand. Denn dort bin ich auf einen Fußballfan getroffen, auf einen tifoso, was in der Verlagswelt nicht selbstverständlich ist. Und der hat verstanden, dass wenn man sich als Kind für eine Mannschaft entscheidet, man Fan bleibt für den Rest des Lebens. Er hatte also nicht nur nichts dagegen. Die Idee, dass ein Italiener über seine Leidenschaft für die deutsche Nationalmannschaft schreibt, hat ihn begeistert und amüsiert. Natürlich auch vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Rivalität zwischen den „Azzurri“ und der „Mannschaft“.
wurde 1965 in Turin geboren und ist Fan des FC Turin (Torino FC). Auf deutsch ist unter anderem sein preisgekrönter Debütroman Knapp daneben (Tutti giù per terra, 1994) erschienen, der auch verfilmt wurde. Bei Wagenbach liegt vor „Turin ist unser Haus. Reise durch die zwanzig Zimmer der Stadt“. Nur auf italienisch zu haben ist sein Berlinbuch „Berlino è casa“ (Berlin ist Zuhause).
„La mia Germania. Storia di un amore clandestino“. Neri Pozza, Mailand, 2026. 160 Seiten, € 18,00, E-book, € 9,99
taz: Und wie hat Ihr Umfeld reagiert?
Culicchia: Mein Vater hat uns leider schon vor 30 Jahren verlassen. Aber er wusste natürlich um meine etwas bizarre Leidenschaft. Denn er unterstützte natürlich Italien! Über die sozialen Netzwerke habe ich schon ziemlich unangenehme Kommentare bekommen. Aber das war mir schon vorher klar, das muss wohl so sein.
Der Autor
Culicchia wurde 1965 in Turin geboren und ist Fan des Torino FC. Auf Deutsch ist unter anderem sein preisgekrönter Debütroman „Knapp daneben“ von 1994 erschienen. Bei Wagenbach liegt vor: „Turin ist unser Haus. Reise durch die zwanzig Zimmer der Stadt“.
Das Buch
„La mia Germania. Storia di un amore clandestino“ („Mein Deutschland. Geschichte einer heimlichen Liebe“, 160 Seiten, 18 Euro) ist beim Mailänder Verlag Neri Pozza erschienen.
taz: Mit Ihrer Leidenschaft stehen Sie jedenfalls ziemlich allein da. Spiegelt sich darin die Lage des Künstlers, des Schriftstellers wider, der ja auch ganz auf sich allein gestellt seiner artistischen Vision hartnäckig folgen muss?
Culicchia: Da ist schon was dran. Wer als Schriftsteller mit dem Zeitgeist konform geht, hat dieses Problem natürlich nicht. Sie stoßen auf Zustimmung beim Publikum und bei der Kritik, das macht es einfacher. Ich denke aber, dass der Schriftsteller immer in der Opposition sein sollte, ein Nein-Sager, ein Querkopf auch. Und ich fürchte, ich bin so ein Typ.
taz: Dann können Sie jetzt zur Abwechslung was Positives sagen: Wie stark ist die deutsche Nationalmannschaft für diese WM?
Culicchia: Fangen wir so an: Das letzte wirklich sehr, sehr starke deutsche Team war die Weltmeistermannschaft von Brasilien 2014. Die war wirklich unglaublich, mit Kroos, Schweinsteiger, Klose, Thomas Müller. Nach der Ära Löw musste experimentiert werden, das ist klar, ein Generationswechsel stand an. Aber wie alle Fans von Deutschland setze ich auf den Erfolg. Florian Wirtz etwa wird uns sehr schöne Momente bescheren, hoffe ich, und auch der junge Lennart Karl von Bayern München – der ist ja nun wirklich das Gegenteil von einem „Panzer“.
taz: Was halten Sie vom Comeback von Manuel Neuer?
Culicchia: Da muss man immer an die Stimmung in der Kabine denken. Welchen Effekt hat die Rückkehr eines absoluten Champions auf die Jungen? Gerade eines Torwarts, die sind immer ein wenig verrückt – denken Sie an Toni Schumacher! Wenn ein Vierzigjähriger auf eine stark verjüngte Mannschaft trifft, kann das gut sein. Er kann die Erinnerung verkörpern an die großen Erfolge. Aber er kann auch als ein alter Löwe rüberkommen, der sich nicht mehr zurechtfindet unter Jungs, die nicht mal halb so alt sind wie er. Da wird es auf den Trainer ankommen, ob er die Balance findet. Die Stimmung in der Kabine ist immer eine delikate Angelegenheit – und bei den Nationalmannschaften noch mal besonders, weil es da Rivalitäten geben kann aus der abgelaufenen Saison.
taz: Trauen Sie dem Trainer Julian Nagelsmann denn zu, diese Balance herzustellen? Sehen Sie schon seine Handschrift im deutschen Spiel?
Culicchia: Die sehe ich noch nicht. Aber auch als Joachim Löw Trainer wurde, waren doch alle etwas überrascht. Der hatte auch keine große Karriere als Spieler hinter sich – und hat dann abgeliefert. Bei der letzten EM hatte ich den Eindruck, dass Nagelsmann noch keine ganz klare Idee hat, wie er spielen will. Wir müssen abwarten.
taz: Wer ist Ihr Lieblingsspieler in der deutschen Nationalmannschaft?
Culicchia: Mir gefällt Joshua Kimmich sehr. Der ist wirklich die Seele des Teams. Und dann hoffe ich, Leon Goretzka spielen zu sehen.
taz: Jetzt mal ganz ehrlich: Eine Weltmeisterschaft ohne die „Azzurri“ – macht Ihnen das wirklich gar nichts aus?
Culicchia: Das gefällt mir überhaupt nicht – denn das hindert mich ja daran, eines der großen Duelle zu sehen, zwischen Italien und Deutschland, einen Klassiker! Und dann wird natürlich die Atmosphäre etwas gedämpft sein in Italien, und das ist sehr schade, gerade auch für die jungen Leute, die nun bereits die dritte WM nacheinander ohne italienische Beteiligung verfolgen müssen.
taz: In Turin feuern Sie die Außenseiter an. Sie sind Fan des Torino FC und nicht von Juventus. Gibt es so jemanden auch bei der kommenden Weltmeisterschaft: eine Mannschaft, die diesen Biss hat, diesen „tremendismo“, wie er dem Torino FC traditionell zugeschrieben wird?
Culicchia: Biss, diese Weigerung, jemals aufzugeben, ist das, was ich am meisten mit den Deutschen verbinde. Ich habe immer gehofft, dass mein Torino FC mal einen deutschen Spieler verpflichtet. Aber das gab es leider nur einmal für längere Zeit in unserer Geschichte, mit Horst Buhtz in den 1950er Jahren. Ich hoffe also, dass Deutschland seiner Rolle gerecht wird, gerade wenn es gegen Teams wie Frankreich geht, das mehr Ausnahmespieler hat und wo es auf den Kampfgeist ankommen wird.
taz: Ist Frankreich dann Ihr Favorit für diese WM?
Mein Favorit ist natürlich Deutschland! Ich bin Fan, da ist man nicht rational.
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