DFB-Test in Mainz vor der WM: Voll nett hier
Beim 4:0-Erfolg der DFB-Elf erfreut sich das Mainzer Publikum besonders an dem frechen Lennart Karl, an Nathaniel Brown und den zuvorkommenden Finnen.
Es war ein überaus freundliches Fußballvölkchen, das sich da eingefunden hatte in Mainz. Beinahe alles gefiel den Leuten, die gekommen waren, um der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer noch einmal alles Gute zu wünschen für die anstehende Mission Fußball-WM. Sie freuten sich über die Torwand, die das ZDF vor dem Stadion aufgebaut hatte, ebenso wie über die „original Check24-Deutschlandtrikots“ und das Freibier, das „euer Vergleichsportal“ auf dem Weg zum Stadion verteilt hat. Die Spieler, die zum Warmmachen von der Bank aufstanden, wurden beinahe ebenso bejubelt wie die vier Tore, die die Deutschen gegen Finnland geschossen haben.
Ach ja, ein Fußballspiel hat ja auch noch stattgefunden an diesem Abschiedsabend. Finnland hieß der Gegner und war mindestens ebenso höflich wie die deutschen Fans. Schon nach ein paar Minuten konnte man sich vorstellen, dass diese Mannschaft auch deshalb an der WM-Qualifikation gescheitert war, weil sie einmal mit 0:1 gegen Malta verloren hat. Wenn etwa der 18-jährige Lennart Karl auf der rechten Seite zu einem seiner zahlreichen Dribblings angesetzt hat, wird er gewiss gestaunt haben, wie oft er damit durchgekommen ist.
Am Ende bekam er jede Menge Lob, auch weil er an allen Toren beteiligt hat. Er sollte „frech“ spielen, habe ihm Bundestrainer Julian Nagelsmann mitgegeben. Und das habe er dann eben gemacht. Was denn das für einen Fußballer heiße, „frech“, wurde er nach dem Spiel in der Mixed Zone gefragt. „Dass man mal jemanden verarscht vielleicht, dass man sich nichts scheißt.“ Dann wäre auch das jetzt geklärt.
Ob er bei der WM in der Startelf spielen wird, war eine der ernsthafteren Diskussion nach diesem harmlosen Fußballabend. Gründe hat er durchaus geliefert. Er macht eben Dinge, die nicht unbedingt vorhersehbar sind. Als er in der zweiten Hälfte mal an der Seitenauslinie mit dem Ball auf das Tor zulief, hätten wohl alle mit einem Pass in die Mitte gerechnet. Karl aber hat einfach mal geschossen. Pfosten.
Interessante Option auf der linken Abwehrseite
Die Mainzer hätten ihm das Tor gewiss gegönnt. Sein Konkurrent auf der Position rechts vorne ist wohl Leroy Sané, der spät für Karl eingewechselt wurde. Von dem wissen die Gegner, wie er spielt. Bei Karl vielleicht nicht. Auch Sané, der in Stuttgart beim letzten Test gegen Ghana noch ausgepfiffen worden war, bekam lauten Mainzer Höflichkeitsapplaus.
Und noch eine Diskussion gab es nach dem Spiel, weil Nathaniel Brown auf der linken Abwehrseite eine solche ansehnliche Partie gespielt hat, dass sich die Frage stellt, ob er auf dieser Position nicht besser geeignet ist als David Raum, der sonst immer so schön zur gegnerischen Grundlinie zieht, um eine seiner Präzisionsflanken zu schlagen. Der 22-jährige Brown, der bei Eintracht Frankfurt im Schatten der ganz großen Aufmerksamkeit gereift ist, dagegen zieht eher mal in die Mitte, was Florian Wirtz vielleicht mehr Platz für seine Spielfreude gibt. Brown jedenfalls war ganz happy nach dem Spiel. Er schien es genossen zu haben. Ob er jetzt „geil“ sei auf die WM in den USA, wurde er gefragt. Natürlich freut er sich. Auch die Journalistenfragen waren so nett wie das Publikum in Mainz.
Joshua Kimmich war schon ein paar Minuten zuvor an den Pressevertretern vorbeidefiliert. Beinahe väterlich, wie es sich vielleicht für einen Kapitän gehört, sprach er über die jungen Burschen im Team. Sie sollen genießen, was sie da gerade erleben, meinte er. Die Verantwortung liege in den USA dann eh bei den erfahreneren Spielern. Deren Aufgabe ist es nun, nach zwei verkorksten Weltmeisterschaften mal so weit zu kommen, dass der deutsche Fußball wieder ernst genommen wird in der Welt.
Ansonsten war er ganz zufrieden mit dem, was auf dem Platz stattgefunden hat. „Wir haben bewiesen, dass wir aus vielen verschiedenen Phasen des Spiels Tore machen können – aus dem hohen Pressing, aus einem Konter und einem Standard. Da war schon viel von dem dabei, was wir sein wollen“, sagte er. Jetzt müssen die Gegner der Deutschen in den USA nur noch ebenso höflich sein wie die Finnen, deren Spieler am Montag zu einem weiteren, kleinen Trainingsspiel gegen die Deutschen, die am Sonntag nicht zum Einsatz gekommen sind, angeheuert wurden.
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Aber hat nicht doch etwas gefehlt an diesem Abend? Klar, die Torwartdebatte. Weil Manuel Neuers Wade noch juckt, spielte Oliver Baumann. An ihm lag’s nicht, dass die Deutschen ohne Gegentor blieben. Das lag an den harmlosen Finnen. Keine Keeperdebatte also. Auch das passte zu diesem freundlichen Frühlingsabend.
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