Internationale Bauausstellung in Berlin: Von Brüssel lernen
Mit einer Ausstellung im Flughafen Tempelhof startet die neue Berliner IBA in ihre erste Phase. Vorbild ist ein Stadtentwicklungsprojekt in Brüssel.
„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein städtebauliches Projekt die ganze Stadt verändern kann.“ Kristiaan Borret steht vor der Leinwand im Hangar 7 im ehemaligen Flughafengebäude Tempelhof und entführt das Publikum in seinem Vortrag auf eine Reise nach Brüssel. Dort hat der „Bouwmeester Maître Architecte“, also gewissermaßen der leitende Architekt der Stadt, das Projekt „Grand Canal“ begleitet.
Brüssel, sagt Kristiaan Borret, war lange Zeit eine Stadt, die vom Kanal in einen reichen bürgerlichen und in einem armen, peripheren Teil getrennt wurde. Also hat sich das Team um den Stadtarchitekten 2012 überlegt, wie man Brücken über den Kanal schlagen kann – städtebaulich, aber auch mental.
Inzwischen gibt es am Kanal neue Brücken, es gibt einen Park, ein Museum, eine neue Brauerei, die das industrielle Erbe fortleben lässt. „Lange Zeit war der Kanal nicht in den Mental Maps der Bewohner präsent“, sagt Borret. „Nun ist er das neue Zentrum.“ Ähnliches kann sich der Brüsseler Stadtarchitekt auch für den S-Bahn-Ring in Berlin vorstellen.
Die erste IBA in Berlin fand 1957 statt. Mit der „Interbau“ reagierte West-Berlin auf den Bau der Stalinallee im Ostteil der Stadt.
Die zweite IBA 1987 setzte das Thema behutsame Stadterneuerung auf die Agenda. Gleichzeitig wurden neue Quartiere in der West-Berliner Innenstadt gebaut, zum Beispiel in der südlichen Friedrichstadt.
Für eine dritte IBA gab es insgesamt neun Anläufe. Mit dem Beschluss im März legte sich der Senat auf den Ausstellungszeitraum 2034-2037 fest. Räumliche Kulisse soll der S-Bahn-Ring sein, dort, wo „Ring auf Radiale trifft“. Das Thema ist bisher noch abstrakt: „Urbane Transformation der gebauten Stadt“. wera.
Borrets Vortrag am Dienstagabend stand am Anfang der Eröffnung einer Ausstellung, mit der in Berlin der Auftakt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 2034–2037 startet. Und er war insofern überraschend, weil die bisherige Überschrift über die dritte Berliner IBA wenig konkret schien. Unter „urbane Transformation der gebauten Stadt“ können sich vielleicht Architektinnen und Stadtplaner etwas vorstellen. Das Kanal-Projekt in Brüssel ist dagegen für alle mit Händen greifbar.
Kann Berlin am Ring zusammenwachsen?
Schon bevor die Ausstellung in der Alten Feuerwache des Flughafens eröffnet wurde, war der Andrang zum Auftakt im Hangar riesig. Offenbar hat auch die dritte IBA, die Berlin nach 1957 und 1987 ausrichten wird, die nötige Strahlkraft, kann Ideen und Menschen mobilisieren. Aber hat sie auch diese bildliche Kraft, wie es das Kanalprojekt in Brüssel hatte? Kann Berlin wie Brüssel an einem Wasserlauf am Berliner-S-Bahn-Ring zusammenwachsen?
Cordelia Polinna
Die Ausstellung gibt da tatsächlich erste Anhaltspunkte. „Auch der S-Bahn-Ring ist eine Barriere“, sagt die Stadtplanerin Cordelia Polinna, die zusammen mit dem Architektursoziologen Harald Bodenschatz die Ausstellung kuratiert hat. Also sollen auch am Ring reale wie mentale Brücken geschlagen werden.
Vier „Suchräume“ haben die Kuratoren dafǘr ausgewählt. Einer davon liegt im Südosten, wo die Radialen der Hermannstraße, der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee den Ring, aber auch die A 100 kreuzen und zahlreiche „Insellagen“ bilden. „Gewerbegebiete, Sportanlagen, Kleingärten und Grünflächen“, heißt es im Begleitkatalog zur Ausstellung, „liegen hier nebeneinander, ohne miteinander zu leben“.
Zugleich konzentrierten sich im „Suchraum Südost“ außergewöhnliche Ressourcen. „Viele Gewerbeflächen bieten Raum für Zukunftstechnologien und neue Ideen“, heißt es im Katalog. „Die Lage zwischen Spree, Kanälen und dem Treptower Park eröffnet Potenziale für wasserbezogene, klimaresiliente Stadträume sowie Sport und Erholungsnutzungen.“
Klimaresilienter Umbau der Stadt
Die Darstellung der Suchräume gehört zum ersten der vier Kapitel der Ausstellung mit der Überschrift „Aufbruch“. Ihm folgt das Kapitel „Rückblick“, in dem vor allem die Lehren der IBAs 1957 und 1987 für die Gegenwart herausgearbeitet werden. Zum Kapitel „Positionen“ steuern Büros wie Raumlabor, Verbände wie die Architektenkammer oder das Bauhaus Erde ihre Vorstellungen von einem nachhaltigen, ressourcensparenden und klimaresilienten Umbau der Stadt bei.
Im vierten Kapitel „Ausblick“ geht es dann auch um die konkrete Umsetzung. „Wir richten heute den Blick nach vorne“, sagt Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) zu Beginn der Auftaktveranstaltung. Neben der Kernbotschaft „Ring trifft Radiale“ enthalte die IBA auch ein Angebot an Brandenburg, sich zu beteiligen. „Wir wollen uns nicht nur auf die Berliner Innenstadt konzentrieren, sondern auch Partnergemeinden in Brandenburg einbeziehen.
Das wäre dann ein weiterer Ring im „Ringszenario“ der IBA 2034–2037. An ihm, dem „goldenen Kreis der Städte der zweiten Reihe“ in Brandenburg, liegen unter anderem Beeskow, Brandenburg (Havel), Neuruppin und Lübben.
Bevor die Projektphase 2030 und die Ausstellungsphase 2034 bis 2037 starten, wünscht sich Gaebler „produktiven Streit“, will aber gleichzeitig die „üblichen Grabenkämpfe“ vermeiden. Ob er damit den Streit um die autofreie Friedrichstraße meint?
Brücken und Verkehrsachsen
Wollte Berlin wirklich von Brüssel lernen, sollte es nicht nur auf die Brücken schauen, die seit 2012 über den „Grand Canal“ geschlagen wurden. In der Zeit, in der Kristiaan Borret Stadtarchitekt wurde, wurde 2015 auch der zentrale Boulevard Anspach vom Autoverkehr befreit. Seitdem ist die zentrale Verkehrsachse ein lebendiger Ort, kaum vergleichbar mit der halbherzigen Fußgängerzone in der Friedrichstraße, die Gaeblers SPD dennoch vehement bekämpfte.
Vergleichbar wäre der autofreie Boulevard Anspach eher mit einer autofreien Karl-Marx-Straße vom Hermannplatz bis zum S-Bahn-Ring. Wäre das nicht ein spannendes Projekt im „Suchraum Südost“? Eines, das, wie es Kristiaan Borret sagt, „die ganze Stadt verändern kann“?
Und ein Beitrag für „klimaresiliente Stadträume“, dort, wo Radiale auf Ring trifft?
Ausstellung „Ring frei für die IBA“. Alte Feuerwache Flughafen Tempelhof. Tempelhofer Damm 45. 30. Juni bis 26. Juli 2026. Donnerstag bis Sonntag, 11 bis 19 Uhr
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