Einsturzgefährdetes Hochhaus in New York: Kein Stau nach oben
Ein Hochhaus in Manhattan schien einzustürzen und lähmte die Innenstadt. Dahinter steckt ein Rekordimmobilienprojekt mit Statikproblemen.
Foto: Angelina Katsanis/ap
Was der britische Kunsthistoriker Francis Haskell für die bildende Kunst diagnostizierte, gilt für die Architektur vielleicht sogar viel mehr. Entsteht ein Meisterwerk, so Haskell, ist es auch das Verdienst seiner Auftraggeber:innen. Und entsteht ein Malheur, könnte man im Umkehrschluss sagen, so sagt dies auch sehr viel über die Auftraggeber:innen aus.
In Manhattan droht nämlich ein Hochhaus mit über 30 Stockwerken in der East 42nd Street teilweise einzustürzen. Es musste am Dienstag geräumt werden. Stützpfeiler auf der 21. Etage des Baus seien eingeknickt, Metallstreben verbogen, Ziegelsteine herabgefallen, melden die Nachrichtenagenturen. Die gesamte umliegende Gegend sei daraufhin zur Sperrzone erklärt worden. New Yorker:innen sollten das Gebiet zwischen dem berühmten Chrysler Building und dem Hauptquartier der Vereinten Nationen meiden, eines der betriebsamsten der Millionenmetropole.
Was ist passiert? Der New Yorker Immobilienentwickler MetroLoft und der Investor David Werner Real Estate wollen die ehemalige Firmenzentrale des Pfizer-Konzerns zu einem Hochhaus mit Loftwohnungen umwandeln, 1.600 Apartments auf rund 121.000 Quadratmetern Fläche. Wenn das Vorhaben 2027 fertiggestellt sein sollte, dann wäre es New Yorks größte Konversion eines Bürogebäudes in ein Wohnhaus. Ein Rekordprojekt. Das muss in dieser Stadt schon was heißen, wo das Stauen und Stapeln ein urbanistisches Prinzip ist – Rem Koolhaas attestierte 1978 in seinem Essay „Delirious New York“ dem dichten Manhattan eine regelrechte „Kultur des Staus“.
Dafür aber muss der bestehende, gerade statisch ins Wanken geratene Pfizer-Büroturm erweitert werden. Der ist eigentlich ein funktional modernistischer „Mad Men“-Bau aus den 1960ern, geplant von Emery Roth & Sons, die über Generationen hinweg für New York Hochhäuser entwarfen, zum Beispiel The El Dorado am Central Park. Ihm liegt ein kleinerer Bau von nur zehn Stockwerken an, dem das US-Architekturbüro Gensler jetzt für MetroLoft 21 Stockwerke aufsetzen soll, aus allen alten und neuen Teilen soll ein einheitlicher Bau entstehen.
Dass im Zuge der Bauarbeiten Träger einknickten, deute auf „typische Konstruktionsfehler“ des 60er-Jahre-Baus hin. Wahrscheinlich seien die Stahlträger nicht oder nicht ausreichend verstärkt worden, sagte ein Sprecher von MetroLoft der New York Times. Von Einsturzgefahr könne keine Rede sein. Das von der Stadtverwaltung genehmigte Projekt sei „perfekt“, die Fertigstellung werde sich bloß um ein paar Wochen verzögern.
Mittlerweile wurde die Evakuierung auch wieder aufgehoben, melden die Agenturen. Weiter geht’s in einem Städtebau des „höher, dichter, mehr“ – auch wenn die Rekordprojekte Statikprobleme haben.
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