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Initiatorin über Festival zu Einsamkeit„Es lohnt sich, Utopien zu entwickeln“

Das Superzart*-Festival im Deutschen Schauspielhaus sucht nach Wegen aus der gesellschaftlichen Einsamkeit. Binäres Denken müsse überwunden werden.

Jonas Kähler

Interview von

Jonas Kähler

taz: Vergangenes Jahr hat das Superzart*-Festival dem Patriarchat den Kampf angesagt, dieses Jahr der Einsamkeit. Wieso haben Sie jetzt dieses Thema gewählt?

Insina Lüschen: Ich glaube, es ist eine gute Fortführung. Dem Patriarchat den superzärtlichen Kampf anzusagen, hängt ja auch damit zusammen, wie wir Gesellschaft strukturiert haben. In einer Weise, die uns in die Vereinzelung, in die Einsamkeit führt. Neuere Studien und Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen, wie bedrohlich diese Einsamkeit gesundheitlich und psychisch ist, dass sie als Pandemie wahrgenommen wird. Wir würden vermutlich alle sagen, nicht einsam sein zu wollen. Und doch passiert es uns, weil man sich der Einsamkeit strukturell kaum entziehen kann.

taz: Wo genau in der gesellschaftlichen Struktur sehen Sie Gründe für die massive Einsamkeit?

Lüschen: Im binären Denken eigentlich. Die Welt ist einfach mehr als ja/nein, schwarz/weiß, wir/ihr oder Mann/Frau.

Im Interview: Insina Lüschen

ist Moderatorin, Sängerin und Schauspielerin. Seit 2024 ist sie gemeinsam mit Micha Krause Initiatorin und künstlerische Leitung des Superzart*-Festivals.

taz: Und das wirkt ausschließend?

Lüschen: Ja, binäres Denken wird der Komplexität von Gesellschaft einfach nicht gerecht. Zum Beispiel in der absoluten Ausrichtung auf Kernfamilien, denen sich alles unterzuordnen hat. Wir haben Strukturen, die auf romantischer Liebe beruhen. Und das kann klappen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass uns das aus der Einsamkeit führt, ist gering.

taz: Wer ist besonders von Einsamkeit betroffen?

Lüschen: Letztendlich alle gesellschaftlichen Gruppen. Wir haben eine riesige Einsamkeit unter Müttern. Auch Kinder sind betroffen, auf eine ganz andere Weise. Bei marginalisierten Gruppen, die von Rassismus, Queer- oder Behindertenfeindlichkeit betroffen sind, ist Einsamkeit natürlich immer noch ein größerer Faktor.

taz: Was können wir dagegen tun?

Lüschen: Wenn wir ins Verbündetsein kommen wollen, müssen wir sagen: Solange auch nur eine einzelne Person in der Gesellschaft nicht frei von Diskriminierung oder Einsamkeit ist, betrifft es uns alle. Wir haben alle die Verantwortung, dem zu begegnen. Und ich glaube, es lohnt sich, da Utopien zu entwickeln und auch wirklich auszugestalten.

Veranstaltung

Festival „Superzart* wider die Einsamkeit“, initiiert von Insina Lüschen und Micha Krause, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Sa.,17.10.2026, 14 Uhr

taz: Utopien wollen Sie nun auch mit dem Superzart* entwickeln. Wie sieht das aus?

Lüschen: Wir versuchen, so konkret wie möglich zu überlegen, wie eine Welt ohne Patriarchat, ohne Einsamkeit, mit einer Umverteilung auf der kapitalistischen Ebene, aussehen kann. Denn in dem Konkreten liegt die Möglichkeit, den Weg dorthin leichter zu finden, als wenn unbewusst bleibt, wo man überhaupt hinwill.

taz: Inwieweit ist eine künstlerische Herangehensweise sinnvoll, um Utopien zu konkretisieren?

Lüschen: Es geht auch um das Erleben. Man kann ganz toll darüber sprechen, wie sich Einsamkeit manifestiert. Aber was Kunst ja kann, ist, einen emotionalen Zugang schaffen. Wir lernen besser, wenn wir etwas wirklich erleben und mit einem Gefühl verknüpfen. Zu sehen: Wir sind eigentlich nicht alleine. Dieses Gefühl kann uns mehr Kraft geben, füreinander einzustehen.

taz: Wo sehen Sie derzeit Möglichkeiten, Strukturen für ein Zusammenleben wider die Einsamkeit zu etablieren?

Lüschen: Vor allem geht es um den gedanklichen Ansatz. Was lasse ich überhaupt zu oder was ist in Ordnung? Konkret wollte ja zum Beispiel die Ampelregierung Verantwortungsgemeinschaften ermöglichen, in denen man mit mehreren Personen Erziehungs- und Sorgearbeit leisten kann. Das in ein Gesetz mit rechtlicher Anerkennung und Absicherung zu gießen, wäre auf struktureller Ebene ein Weg für Utopien gewesen. Ist nicht gekommen und momentan auch nicht in Sicht.

taz: Die Möglichkeiten für utopische Projekte scheinen derzeit auf Eis gelegt.

Lüschen: Aber gerade, weil es so wenig in Sicht ist, brauchen wir umso mehr Visionen und vor allem mehr Sehnsucht. Ich glaube daran, dass wir unsere Sehnsucht schüren sollten nach dieser Welt, in der wir gerechter, selbstbestimmter und freier sein können. Es werden nie alle Widerstände aus dem Weg geräumt sein. Aber der Umkehrschluss wäre, aufzugeben. Das mag ich nicht denken und will ich nicht zulassen. Je bedrohlicher es von außen wird, desto näher müssen wir zusammenrücken.

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