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Auf der Plauderbank in LichtenbergPlaudern gegen die Einsamkeit

Im Fennpfuhlpark steht die einzige Plauderbank des Bezirks Lichtenberg. Wird das Angebot genutzt? Heidemarie Micke sitzt täglich hier – und plaudert.

Im Fennpfuhlpark in Lichtenberg ist an diesem Nachmittag nicht viel los. Nicht, dass der weitläufige Park je überlaufen gewesen wäre. Seit Corona gehen mein Mann und ich hier immer mal wieder spazieren, weil es keine Menschenmassen wie im Volkspark Friedrichshain gibt, dafür jede Menge zutraulicher Eichhörnchen, die einem gerne Nüsse aus der Hand fressen. Aber die meisten Parkbänke sind verwaist, nur hie und da sitzt eine einzelne Person in den Himmel blickend, hie und da auch Paare, die sich unterhalten, öfter noch schweigen – oder ein Eis verputzen.

Mehr Menschen treffen sich am Anton-Saefkow-Platz gleich um die Ecke: In der Eisdiele sowie in der alteingesessenen Lichtenberger Bäckerei Plötner herrscht Hochbetrieb. Im Außenbereich sitzen ältere Damenrunden und Rentnerpärchen bei Kaffee und Kuchen oder beim Mittagstisch. Hier wird geplaudert, was das Zeug hält. Braucht es da überhaupt das Angebot einer „Plauderbank“?

Sommerserie „Unter anderen“

Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Berlin ist voller Orte, an denen Menschen noch ins Gespräch kommen – beiläufig, ungeplant und oft überraschend. Räume des urbanen Zusammenlebens, offen, widersprüchlich und sozial durchlässig. Für unsere Sommerserie erkunden wir diese alltäglichen Kontaktzonen, in denen Menschen Verbindung und Verschiedenheit suchen, aushalten und verhandeln.

Alle Texte zur Serie sind hier auf taz.de versammelt.

Seit Juli 2023 steht eine solche im Fennpfuhlpark, es ist die erste und einzige ihrer Art im Bezirk Lichtenberg. Genaugenommen sind es zwei, die beiden holzfarbenen Parkbänke mit der Aufschrift „Plauderbank“ stehen dicht beieinander. Ein Schild zwischen beiden ragt an einem Pfahl hoch hinaus. „Du suchst Gesellschaft oder ein nettes Gespräch? Dann bist du hier richtig“, verspricht eine Sprechblase. Eine zweite ergänzt: „Indem du hier Platz nimmst, zeigst du: Ich habe Lust auf ein Gespräch.“ Anfangs saß jeden Mittwoch eine ehrenamtliche Plauderin für zwei Stunden auf der Bank und hatte ein offenes Ohr für alle, die Lust auf ein zwangloses Gespräch hatten.

Finanziell sind solche Angebote keine große Sache

Die Kosten für Einbau und Beschaffung lagen laut Bezirksamt bei rund 800 Euro, finanziell sind solche Angebote also keine große Sache. Zumal weitere Kosten für die Instandhaltung bisher nicht angefallen sind, wie Filiz Keküllüoğlu (Grüne), Bezirksstadträtin für Verkehr, Grünflächen, Ordnung, Umwelt und Naturschutz, der taz sagt. „Wir freuen uns, hier ohne übermäßige Kosten einen Mehrwert für die Menschen geschaffen zu haben und eventuell ein klein wenig zur Verringerung des immer größer werdenden Einsamkeitsproblems und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beigetragen zu haben.“

Solche Gelegenheit des ungezwungenen Austausches gibt es auch in anderen Bezirken. Plauderbänke stehen zum Beispiel im Park am Weißensee und im Wedding, aufgestellt vom Verein Silbernetz.

Aber hey, wer nimmt in einer anonymen Großstadt so ein Angebot, mit wildfremden Leuten zu quatschen, überhaupt an? Auf meinen unzähligen Spazierrunden am späteren Nachmittag saß auf der Plauderbank niemand – oder selten mal junge Leute, die sich anschwiegen und aufs Smartphone schauten.

Nun, es kommt auf die Uhrzeit an. Das jedenfalls sagt an diesem Mittwoch gegen 13.30 Uhr eine Frau, die schon auf der Plauderbank Platz genommen hat, als ich vorbeikomme. Und bereitwillig Auskunft gibt. Wenn sie kann, kommt Heidemarie Micke jeden Tag in den Fennpfuhlpark und setzt sich auf die Plauderbank. „Jeden Nachmittag!“, betont sie. „Ich bleibe nicht in der Wohnung sitzen wie die anderen Frauen in meinem Alter.“ Die würden alle um die Uhrzeit ein Mittagsschläfchen halten. „Das mache ich nicht“, sagt sie und erzählt, dass sie nun, wo sie nicht mehr so gut zu Fuß, statt langer Spazierrunden eben hier auf der Plauderbank sitzt.

„Einsamkeit ist wie eine Krankheit“

Darf man nach dem Alter fragen? Heidemarie Micke lächelt: „Ich bin 83 Jahre.“ Seit 1981 wohnt sie hier im Kiez. Sie setzt sich bewusst auf die Plauderbank – „sie steht zum Glück im Schatten!“ – und nicht irgendeine beliebige Bank, denn sie macht damit „ein Angebot“, wie Frau Micke sagt. „Es kommen immer mal wieder Leute vorbei, mit denen ich mich unterhalte.“

Dieser Austausch lenke vom Alltag ab und mache obendrein Spaß. „Viele Menschen sind einsam. Einsamkeit ist schlimm, das ist wie eine Krankheit.“ Sie würde schon an den Gesichtern der vorbeigehenden Menschen erkennen, wer einsam ist. Auch jüngere Leuten wirken einsam, wie ihr in letzter Zeit immer öfter auffalle. Und oft kämen an der Plauderbank die gleichen Spazierenden vorbei. „Kennt man sich vom Sehen, wird gegrüßt, obwohl man in Berlin ja eigentlich nicht grüßt. Hier aber schon!“

Über was für Themen tauscht sie sich aus? „Ach, über Alltägliches, Krankheiten, aber auch übers Wetter oder Haussanierungen, solche Themen, von denen man selbst betroffen ist.“ Auch über das Alleinsein und Übrigbleiben, wenn ein langjähriger Partner stirbt. Sie hat das vor Jahren selbst erlebt, erzählt Heidemarie Micke, als ihr Mann starb. „Ich habe mich danach einsam gefühlt.“

Und wenn die älteren Leute nicht gut laufen können und den Weg zur Plauderbank nicht mehr schaffen? Bräuchte es solche zum Gespräch einladenden Bänke nicht vor jeder Haustür? Gerade vor den vielen Hochhäusern, die rings um den Fennpfuhlpark stehen?

Da nickt Heidemarie Micke und hat noch eine schöne Geschichte parat: Nach der Corona-Zeit hat sie hier – und sie klopft auf das Holz der Bank – ihren neuen Partner kennengelernt. „Wirklich, hier auf der Plauderbank.“ Sie hätten sich gleich unterhalten, nachdem er gefragt hatte, ob er sich setzen darf. „Seitdem sind wir ein Paar“, lacht Micke. Die beiden leben in getrennten Wohnungen, erzählt sie, unternehmen viel zusammen und sitzen oft gemeinsam auf der Plauderbank im Fennpfuhlpark.

Nun plaudern wir zu dritt

Heidemarie Micke bleibt meist zwei Stündchen auf der Plauderbank, je nachdem, was noch so ansteht, was in der Wohnung zu tun ist oder ob die Gymnastikgruppe ruft. „Damit muss man früh anfangen und dranbleiben“, rät die 83-Jährige. Auch ihr Partner gehe regelmäßig zur Gymnastik.

Wie aufs Stichwort erreicht Dieter Schumacher die Plauderbank und begrüßt seine Partnerin mit einem „alles gut?“. Auch er gibt bereitwillig Auskunft. „Im Moment sind ja wenig Leute im Park unterwegs“, sagt der 79-Jährige, „das muss mit den Ferien zu tun haben.“ Aber viele der Älteren würden ja nicht mehr wegfahren, oder? „Denen ist bestimmt zu heiß und sie bleiben zu Hause“ – anders als die beiden, sie zieht es nach draußen.

Themen eben, die bei alten Leuten auf der Hand liegen

Dieter Schumacher erzählt, dass er „aus einer gescheiterten Ehe“ kommt, „wir waren 44 Jahre verheiratet“. Auf Heidemarie Micke deutend, sagt er: „Sie hat mich so ein bisschen ins Leben zurückgerufen.“

Nun plaudern wir zu dritt, unter anderem über Plötners Café. Da gehen die beiden aber nicht hin. „Zu teuer“, sagt sie, „Kalorien sparen“, sagt er, der früher selbst als Bäcker und Konditor gearbeitet hat. Wir reden über die Regelungen des Erbes, wenn man keiner Kinder hat, die viel zu hohen Honorare von Rechtsanwälten – und darüber, dass beide vorgesorgt haben. Wir sprechen über Wohnungseinbrüche und Trickbetrüger, die ältere Mitmenschen übers Ohr hauen wollen. Sie haben da allerhand Beispiele parat und wären dementsprechend vorsichtig.

Themen eben, die bei alten Leuten auf der Hand liegen. Ein anregender Austausch, ganz unverhofft an diesem frühen Mittwochnachmittag. Und nur, weil ich mich auf eine Plauderbank gesetzt habe und zwei Menschen zum Reden fand.

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