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Influencer und WerbestrategieLeute, ihr nervt!

Übertriebene Mimik beim Pre-Release, Verkostungslöffel, die vor Begeisterung durch die Luft fliegen. Wann ist Overacting vor der Handykamera endlich over?

W enn andere spontan, impulsiv und ausgelassen sind, zögere ich gern. Mal bereue ich es im Nachhinein, mich von Gefühlen abgehalten zu haben, die das Leben vielleicht erst lebenswert machen. Meistens bin ich aber auch erleichtert, von den Konsequenzen der überschwänglichen Aufs und Abs verschont zu bleiben, weil ich mir den einen oder anderen Gefühlsausbruch verkniffen habe.

Kürzlich wollte ich aber doch einmal ausbrechen: hin zur Pre-Release Listening Party für das neue Album einer meiner Lieblingsbands, The Strokes. Also rasch überteuertes Ticket kaufen und rein in einen Plattenladen in Neukölln, um dort zu hören, was ich Stunden später sowieso for free auf Spotify hören würde.

wochentaz

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Ich ging nicht unbedingt der Musik wegen dorthin, vielmehr wollte ich mich an das Gefühl aus alten Schulzeiten erinnern, als ich freitags blaumachte, um als Erster die neueste Veröffentlichung von irgendwem zu ergattern und diese dann auf dem Wohnzimmerteppich liegend rauf und runter hörte, bis ich jede Zeile mitsingen konnte.

Noch vor den ersten Klängen filmen sie sich beim Hören: Augen verdreht, Mund aufgerissen, Hand auf der Brust

Aus meinem nostalgischen Gefühl wurde nix. Es wurde mir von einer Horde InfluencerInnen verhagelt, die mit mir in den Record Store rammelte, weniger aus Nostalgie als aus Berufsgründen. Denn gefilmte Gefühle spielen kostbare Aufmerksamkeit ein. Noch vor den ersten Klängen zückten sie ihre Telefone und filmten sich beim Hören: Augen verdreht, Mund aufgerissen und mit der Hand verschlossen, die andere Hand auf der Brust fühlt den erhöhten Puls. Manche hielten ihre Unterarme in die Kamera, Gänsehaut als Beleg authentischer Ekstase. Und ich so: Echt jetzt?

Ja klar, wer bin ich, über die Gefühle anderer zu urteilen. Trotzdem kaufe ich euch nicht ab, wie unfassbar lecker euer Gurkensalat ist, wenn ihr die Faust auf die Edelstahlanrichte hämmert, den Verkostungslöffel durch die Küche pfeffert und fassungslos den Kopf schüttelt. Ich habe schon Gurkensalat gegessen. Ich kaufe euch nicht ab, wie fantastisch sich das Work-out anfühlt, wenn ihr demonstriert, wie witzig ihr die Übungen findet. Ich habe schon Klimmzüge gemacht. Und keinesfalls kann ich euch eure Begeisterung über diese neue Platte abkaufen. Sie ist nicht besonders gut.

Wenn Gefühle zum Produkt werden

Mimik ist Universalsprache. Die meisten Menschen auf der Welt verstehen, ob jemand glücklich, traurig, wütend, ängstlich, überrascht oder angewidert ist. Wir nehmen uns diese Gesichtsausdrücke zu Herzen, sie lösen eigene Gefühle in uns aus, das emotionale Drama unterhält uns. So werden in den sozialen Medien nachweislich Videos mit expressiven Gesichtern häufiger angeschaut. Der Algorithmus belohnt den Überschwang, also liefern die Content-Creators mehr davon. Das Publikum gewöhnt sich an die Übertreibung, sodass schon die nächste Reaktion umso heftiger ausfallen muss.

Wenn aber Gefühle nicht länger Reaktion sind, sondern Produkt werden: Stumpft dann unser Verständnis für Gefühle ab?

Hoffentlich nicht. Die Konsumentenforschung wusste doch schon vor Social Media, dass übertriebene Werbung weniger angenommen wird als authentische. Vielleicht hat das Publikum bald genug von der Emotionsinflation. Schon jetzt gibt es eine Gegenbewegung des Deinfluencings, die übereuphorische Unboxing-Videos entlarvt.

Denkt also dran, wenn ihr euch auf Reisen filmt, wie doll ihr euren Urlaub genießt. Denkt dran, wenn ihr euch im Museum filmt, wie deep die Kunst auf euch wirkt. Denkt dran, wenn ihr uns zeigen müsst, wie ihr die beste Zeit eures Lebens habt, die ihr vielleicht sogar hättet, wenn ihr euch nicht filmen würdet: Wir misstrauen euch.

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