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Aus Berlin Gabrielle Meton (Text) und Piotr Pietrus (Fotos)
Die Hubarbeitsbühne schaukelt ein wenig im Nieselregen an diesem kühlen Junitag. Geschickt manövriert der in einen Schutzanzug gekleidete Baumpfleger die Plattform durch die Eichenäste. In den Verstecken der Äste um ihn herum hängen kleine, flatternde weiße Kugeln fest an den Stämmen. 20 Meter tiefer erstrecken sich die Gemeinschaftsgärten, die Eichen und die Sportplätze der Rehberge, einem Volkspark in Berlins Bezirk Mitte.
An einem Ast, nur wenige Zentimeter von einem Nest entfernt, sind die kleinen, dunklen Körper der Eichenprozessionsraupen zu erkennen. Mit einem scharfen Kameraobjektiv könnte man auch ihre Haare sehen, ebenso weiß wie ihr seidiges Nest. Özcan Özvural sprüht etwas Klebstoff auf das Nest, schiebt die Enden ein paar Mal mit einem Spatel über den Ast – und lässt das Raupennest schließlich zusammen mit einigen Eichenästen in seinen Plastikeimer fallen.
Die rund drei bis vier Zentimeter lange Raupe hat es geschafft, für veritable Aufregung in der Hauptstadt zu sorgen. Überforderte Grünflächenämter in den Bezirken riefen die Landesregierung um Hilfe an, die wollte zunächst nicht zuständig sein. Dann wurden Sportstätten geschlossen, Stadtteilfeste abgesagt, der Druck wurde größer. Am Ende berief der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) dann doch für Dienstagnachmittag eine Krisensitzung mit den Bezirken ein. Wie konnte es dazu kommen?
Im Mai war zunächst alles wie immer. Die Jungraupen dieser Nachtfalterart schlüpften und begannen, die Eichenbäume in der Hauptstadt emporzukrabbeln. Für Menschen sind vor allem die langen, sogenannten Brennhaare am Körper der Raupe ein Problem, die leicht vom Wind verweht werden können. Sie können einen brennenden, juckenden Hautausschlag verursachen. Auch im benachbarten Brandenburg, in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sind die Raupen im Frühling ein vertrauter Anblick. Aber dann wurde ziemlich schnell klar: Dieses Jahr wird in Berlin besonders.
„Die Raupen nur zu verteufeln, ist Quatsch“
„Es sind so viele, es hört einfach nicht auf“, seufzt Özcan Özvural. Der Geschäftsführer der Gartenbaufirma „Meister Özi“ zieht seine Schutzmaske vom Mund. Von Kopf bis Fuß ist der Mann in einen Einweg-Schutzanzug gehüllt. Aber selbst der Anzug schützt nicht vollständig. Özvural zieht den Ärmel ein Stück hoch. Zwischen dem Ende seines Schutzhandschuhs und dem Ärmelabschluss sind kleine rote Flecken zu sehen.
Seit Anfang Juni ist Özvural mit der Bekämpfung der Raupen beschäftigt. Seit letzten Mittwoch hätten sie im Volkspark Rehberge 40 Bäume behandelt, erzählt sein Neffe, der ihm am festen Boden dabei assistiert, die Nester in Mülltüten wegzuwerfen. „Und noch 25 stehen an“, sagt er. Auf der Wiese im hinteren Teil des Parks sind fast alle Bäume mit rot-weißen Absperrbändern umwickelt. „Vorsicht Eichenprozessionsspinner“, ist auf den Bändern zu lesen.
„Dieser Baum hier hat aber keine Markierung“, bemerkt Biologin Laura Damerius und zeigt auf eine Eiche am Wegesrand. Im Stamm hat sich ein großes weißes Raupennest gebildet. Das Grünflächenamt komme vermutlich kaum hinterher, alle betroffenen Bäume zu markieren, stellt die Stadtnatur-Rangerin der Stiftung Naturschutz Berlin fest.
Damerius und ihre Kollegin Simone Völker sind seit sechs Jahren als Rangerinnen für die Grünflächen im Berliner Bezirk Mitte zuständig. Zu ihrer Jobbeschreibung gehören Umweltbildung für Schulklassen, aber auch die Erfassung von Biodaten. Damerius war schon als Kind viel in den Rehbergen unterwegs, ihre Familie hat dort eine Kleingartenanlage. Auf die Eichenprozessionsspinner ist sie erst aufmerksam geworden, seit sie Stadtnatur-Rangerin ist.
„Eigentlich sind Eichenprozessionsspinner Nachtfalter“, erklärt die Biologin. Im Frühwinter legen die Schmetterlinge ihre Eier auf den Ästen ab, wo sie den Winter überdauern. Wenn die Raupen schlüpfen, ernähren sie sich von den Blättern der Bäume – manchmal bis zum Kahlfraß. Dann klettern die Raupen wieder herunter und wandern zum nächsten noch bewachsenen Baum, wo sie ihre Nester bauen. Diese Phase dauert von Mai bis Anfang Juli. Von ihrer charakteristischen, prozessionsartigen Fortbewegung in Kolonnen leitet sich auch ihr Name ab.
„Je weiter in seiner Entwicklung der Eichenprozessionsspinner ist, desto länger seine Haare“, sagt Damerius. Die weißen Haare dienen den Raupen als Schutzmechanismus gegen ihre Fressfeinde, nur wenige Vögel können sie verdauen. Und beim Menschen verursachen sie eben Hautausschlag. Gelangen die Haare in die Lunge, können Atembeschwerden entstehen. Gelangen die Brennhaare in die Augen, kommt es meist zu einer Entzündung. „Besonders sensible Gruppen wie Kinder können einen allergischen Schock bekommen oder kriegen starke Ausschläge“, sagt Damerius.
Biologin Laura Damerius
An der nur wenige Schritte vom Park entfernten Möwensee-Grundschule sind Ende Mai Raupennester an zwei der am Schulhof angrenzenden Bäume entdeckt worden. Die Bäume wurden daraufhin vom Grünflächenamt abgesperrt, erzählt die Schulsekretärin. Im Bezirk mussten zudem drei Sportanlagen für das Training geschlossen werden.
Letzte Woche hat Özvural die Bäume auf dem Gelände des Napoleon-Stadions – weiter nördlich im Bezirk – und auf den Sportanlagen des Rehberge-Stadions „befreit“. Die Mannschaften des BSC Rehberge mussten einen anderen Platz zum Trainieren finden. Auf einem weiteren Fußballplatz im Park sind die Tore nach wie vor mit zwei kreuzweise aufgehängten, weiß-roten Bändern abgesperrt.
Natürlich störe der Eichenprozessionsspinner in einer Großstadt nochmal besonders, sagt Damerius. Hier seien die Menschen auf die Parks und Grünflächen für Erholung und Sport besonders angewiesen. Dabei sollten die Raupen aber nicht dämonisiert werden, sagt Damerius. „Sie sind ein Teil des Ökosystems. Sie haben einen Sinn in der Nahrungskette und leisten auch einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des gesamten Kreislaufs. Sie nur zu verteufeln, ist Quatsch.“
Berlintypischer Behörden-Ping-Pong
Eigentlich hätte man die Raupenschwemme kommen sehen müssen. Seit mehreren Jahren gibt es ein Monitoring in Berlin, der Wildtierbeauftragte des Berliner Senats Derk Ehlert hat es gemeinsam mit dem Pflanzenschutzamt der Senatsverwaltung für Umwelt eingerichtet. Zwischen 2020 und 2024 hat sich die Zahl der Fundorte, an denen die Raupen beobachtet wurden, fast verdoppelt.
Einerseits werden die Raupen offenbar immer häufiger von der Bevölkerung bemerkt und gemeldet, erklärt Ehlert. Vor allem aber wäre ihre Ausbreitung in Berlin wie auch deutschlandweit durch trockene Frühjahre begünstigt, die aufgrund des Klimawandels immer häufiger auftreten. „Zwar unterscheiden sich die Frühjahre in Berlin von denen in Hamburg. Aber grundsätzlich sind die Raupen schon längst ein bundes- und europaweites Phänomen“, sagt Ehlert.
Jedes Jahr erhielten Eigentümer öffentlicher und privater Grundstücke „einen ganzen Sack voller Hinweise“ von ihm, sagt Ehlert, um sie auf die Ankunft der Eichenprozessionsspinner vorzubereiten. Das beste wäre zum Beispiel gewesen, sagt Ehlert, hätte man bereits im Frühjahr mit dem natürlichen biologischen Gegenspieler der Raupe gearbeitet: Nematoden, auch Rundwürmer genannt.
Nematoden lieben Raupeneier. Bringt man sie rechtzeitig aus, vernichten sie die Raupen, bevor sie schlüpfen können. Bereits im November hätte er die Bezirksämter vor der sich abzeichnenden Situation gewarnt. In den Bezirken würde das jedoch immer ein bisschen unter den Tisch fallen, sagt Ehlert. „Es ist auch eine politische Entscheidung. Nimmt man dafür Geld in die Hand oder hofft man, dass der Frühling nass und kalt wird, damit es nicht so auffällt?“
Erwartet habe der Bezirk den Befall schon ein bisschen, aber auch nicht so stark „da es immer ein bisschen vom Klima im Jahr abhängt“, sagt Christopher Schriner, Umweltstadtrat im Bezirksamt Mitte. Erst bei einer zentralen Steuerung des Senats mit zusätzlichem Personal und einer Finanzierung der Bekämpfungsmaßnahmen könnte der Einsatz von Nematoden infrage kommen.
Ein Problem sieht der Stadtrat aber auch in mangelnden Futterquellen für natürliche Fressfeinde des Nachtfalters, etwa Meisen. Und der Einsatz giftiger Biozide scheide in Wasserschutzgebieten ohnehin aus. In Berlin gibt es rund 13 Trinkwasserschutzgebiete mit einer Gesamtfläche von 212 Quadratkilometern, das ist gut ein Viertel des Stadtgebiets.
Für die kommenden Jahre seien jedoch präventive Maßnahmen im Gespräch, versichert der Stadtrat Schriner. So wolle man etwa eine bezirkseigene Gruppe für die Raupenbekämpfung aufbauen. Auch der Senat will nun mehr auf Prävention setzen. Wie genau, blieb allerdings auch nach der Krisensitzung am Dienstag wolkig. Man habe „vereinbart, die bestehenden Beratungsangebote und Instrumente weiterzuentwickeln“, verkündete Umweltstaatssekretär Andreas Kraus lediglich.
Doch, und das ist der Knackpunkt, gegen den sich die Bezirke zuletzt gewehrt hatten: Für die Bewältigung der Krise sollen sie weiterhin allein zuständig sein – ein „enttäuschendes Ergebnis“, sagte Schriner dann auch nach dem Raupen-Gipfel. „Es ist weder effizient noch vermittelbar, dass jeder Bezirk eigene Standards bei Art und Größe der Absperrungen und der Priorisierung der Beseitigung entwickelt und umsetzt“, kritisiert der Stadtrat. Zudem würden sich die Bezirke gegenseitig die Fachkräfte für die Bekämpfung streitig machen.
Späte und teure Lösungen
„Entschuldigung! Sind Sie wegen des Eichenprozessionsspinners hier?“, ruft ein Mann auf dem Fahrrad von der Straße aus. Yasin Şahin nickt. An diesem Tag Mitte Juni inspiziert der Geschäftsführer der Schädlingsbekämpfungsfirma „Adler GmbH“ die Bäume auf einem Spielplatz im Norden der Stadt. Sein Unternehmen gehört zu den sechs Fachfirmen, die vom Bezirksamt Mitte beauftragt wurden, bei der Entfernung der Raupen im Bezirk zu helfen. „Super, denn mein Sohn hat am Wochenende dort gespielt und jetzt überall Ausschlag“, ruft der Radfahrer. Am Mittwoch werde er sich um die Nester rund um den Spielplatz kümmern, versichert der Geschäftsführer der Firma. Er gibt dem Vater noch den Tipp mit auf den Weg, Flächen mit vielen Eichen in dieser Zeit des Jahres „bei stürmischem Wetter“ besser zu meiden.
Direkt neben Şahin hängen an einer Eiche zwei graue Nester am unteren Ende des Stammes. Sie sind schon alt und die Eichenprozessionsspinner haben sich bereits eingesponnen. Durch die dunklen Fäden hindurch sind einige braune Gespinste zu erkennen. Etwas weiter oben liegt ein ovales, weißes, fadenförmiges Gebilde sicher auf dem Stamm. In den Büschen flattern die zerrissenen Sicherheitsbänder. Wahrscheinlich hat der starke Wind der letzten Tage auch das Warnschild weggeweht, meint Şahin.
„In diesem fortgeschrittenen Larvenstadium bleiben nur noch mechanische Bekämpfungsmethoden“, erklärt Şahin, und holt seinen blauen Profistaubsauger aus dem Transporter. Ab dem dritten Larvenstadium, das sie im Mai und Juni erreichen, bekommen die Raupen ihre Brennhaare. Danach müssen die Nester – alte wie neue – vollständig und sorgfältig entfernt werden, um zu verhindern, dass die Haare vom Wind verweht werden.
In Brandenburg würden seine Kollegen von den Forstämtern bereits vor dem Schlüpfen der Larven beauftragt. Vom Bezirksamt habe er in den letzten Jahren noch keine Aufträge für präventive Maßnahmen im Auftrag bekommen.
Die Technik der Absaugung hat der 50-Jährige schon 2014 in den Niederlanden erlernt, als er sich dort mit seinem Team weiterbilden ließ. Dort sei die Problem-Raupe schon damals bekannt gewesen, erzählt der Schädlingsbekämpfer. „Seitdem werden wir in Berlin jedes Jahr mehr mit diesem Tier beauftragt“, sagt Şahin. Neben den Aufträgen des Grünflächenamts Mitte arbeite er allgemein vorrangig an Anfragen von privaten Kitas sowie von Schulen.
Zusätzlich zum Verkleben oder Absaugen werden die Raupen in der Hauptstadt auch durch Abbrennen oder eine Heißschaumbehandlung entfernt. Dabei wird heißer Wasserdampf durch eine Lanze auf die Raupen gesprüht, wodurch ihre Haare unschädlich gemacht und sie getötet werden.
Die Raupenbekämpfung hat dem Bezirk geschätzte 100.000 Euro Mehrkosten in diesem Jahr verursacht – doppelt so viel wie im Vorjahr. In den am stärksten betroffenen Bezirken, wie Charlottenburg-Wilmersdorf oder Treptow-Köpenick, belaufen sich die Kosten sogar auf bis zu 500.000 Euro. Die Mehrkosten für die aktuelle Bekämpfung würden sich letztlich auf das insgesamt vorhandene Budget für die Baumpflege und damit auch längerfristig auf das Aussehen der Grünflächen im Bezirk auswirken. „Der Vorteil ist aber, dass man die Grünanlagen immerhin betreten kann“, sagt Schriner lakonisch.
Noch vor dem Krisentreffen mit dem Senat hatte der Umweltstadtrat des Bezirksamts Mitte auf eine Rückerstattung der Mehrkosten durch den Senat gehofft. Für dieses Jahr wird es jedoch nichts, stellte sich bei dem Gipfel heraus.
Der Senat will die Raupe auch nach wie vor nicht als Gesundheitsgefahr einstufen, sondern sieht sie offiziell weiter als ökologisches Problem, da die Brennhaare nur sehr kurzzeitig eine Gefahr für Menschen darstellen. Dabei würde der Stempel Gesundheitsgefahr den Bezirken schnellere Eingriffsmöglichkeiten in Notfällen und wirksamere Maßnahmen ermöglichen, erklärt Schriner. Der Wildtierbeauftragte des Senats stößt aktuell an die Grenzen dessen, was er im Rahmen des Pflanzenschutzamts empfehlen kann. „Wir müssen die Lage als Gesamtaufgabe des Landes verstehen und auch anerkennen, dass es eine Aufgabe sein wird, die uns noch wahrscheinlich ein paar Jahrzehnte beschäftigen wird“, sagt Shriner.
„Guck mal, hier ist ein Rotschwanzweibchen!“, sagt Laura Damerius im Volkspark Rehberge. Der kleine Vogel fliegt an den beiden Stadtnatur-Rangerinnen vorbei direkt in Richtung eines Nistkastens in den Eichen. Bald sind seine Astnachbarn auch weg. Anfang Juli verpuppen sich die Raupen und verwandeln sich dann in völlig harmlose Schmetterlinge. Die an einigen Stellen verstreuten Haare hingegen können noch ein bis zwei Monate lang unangenehme Nebenwirkungen haben. Dann ist die Panik vorbei. Es wäre dann Zeit für Prävention. Der nächste Mai kommt bestimmt.
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