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Humanitäre Hilfe in Palästina„Die Menschen kämpfen ums nackte Überleben“

Seit 2025 gelten neue Regeln für Hilfsorganisationen, die in den palästinensischen Gebieten aktiv sein wollen. Ärzte ohne Grenzen zieht Bilanz.

Serena Bilanceri

Interview von

Serena Bilanceri

Seit März 2025 müssen sich internationale Menschenrechtsorganisationen, die in Gaza und dem Westjordanland Hilfe leisten wollen, einem neuen israelischen Registrierungssystem anpassen. Unter anderem sollen die NGOs Listen ihrer Mit­ar­bei­te­r*in­nen vorlegen. Diese dürfen in den vergangenen Jahren nicht öffentlich, etwa in sozialen Netzwerken, für einen Boykott israelischer Produkte oder für die internationale Strafverfolgung israelischer Streitkräfte plädiert haben. Anfang des Jahres haben mehrere Organisationen ihre Erlaubnis verloren – unter ihnen Ärzte ohne Grenzen. Wieso und was für Folgen dies hatte, erklärt deren Palästina-Missionsleiter Filipe Ribeiro.

taz: Herr Ribeiro, Sie sprechen gerade mit mir aus der jordanischen Hauptstadt Amman. Denn Sie dürfen jetzt nicht mehr in Jerusalem arbeiten, oder?

Filipe Ribeiro: Ja, ich bin jetzt in Amman. Wir sind nicht mehr in Israel als NGO registriert. Wir dürfen kein internationales Personal mehr nach Palästina schicken – weder nach Gaza noch ins Westjordanland oder nach Ostjerusalem. Und wir können unsere Projekte dort nicht direkt beliefern.

taz: Ihre NGO ist gegen die Entscheidung der israelischen Behörden rechtlich vorgegangen.

Ribeiro: Ja. Das Oberste Gericht hat dann entschieden, dass Israel durchaus berechtigt war, uns nicht zu registrieren, da wir das vorgeschriebene Verfahren nicht eingehalten haben. Man darf uns jedoch nicht dazu zwingen, unsere Tätigkeit in den besetzten palästinensischen Gebieten einzustellen, da wir bei der Palästinensischen Autonomiebehörde sehr wohl registriert sind. Allerdings hat Israel die volle Kontrolle über die Grenzen, und die israelischen Behörden verfügen über Mittel, um uns zu blockieren.

taz: Unter dem neuen Verfahren hätten Sie Listen aller Ihrer Mit­ar­bei­te­r*in­nen vorlegen müssen, und Sie haben sich geweigert. Wieso?

Ribeiro: Wir erleben immer wieder, dass medizinisches Personal und humanitäre Helferinnen und Helfer, die in den palästinensischen Gebieten arbeiten, Ziel israelischer Angriffe werden. Aus diesem Grund weigern wir uns, die vollständige Liste unserer Kol­le­g*in­nen herauszugeben.

Im Interview: Filipe Ribeiro

Filipe Ribeiro arbeitet seit 2000 für Ärzte ohne Grenzen. Nach vier Jahren als Nothilfekoordinator wechselte er in die Pariser Zentrale der Organisation, die er fünf Jahre lang leitete. Anschließend kehrte er zu den Hilfseinsätzen vor Ort zurück und war unter anderem für vier Jahre als Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan tätig. Aktuell ist Ribeiro Landeskoordinator für die palästinensischen Gebiete.

taz: Israel bestreitet, medizinisches Personal gezielt zu töten.

Ribeiro: Wir haben 15 unserer Kollegen verloren; mehr als 1.700 Mitarbeitende des Gesundheitswesens und der humanitären Hilfe in Gaza wurden durch israelische Angriffe getötet – sie wurden ins Visier genommen, übrigens ebenso wie Journalist*innen.

taz: Welche Art von Arbeit leisten Sie gerade in Gaza und im Westjordanland?

Ribeiro: Im Gazastreifen betreiben wir weiterhin einige Krankenhäuser und unterstützen diverse Kliniken und Gesundheitszentren. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf der Versorgung von Traumapatienten, Brandverletzten und orthopädischen Fällen sowie auf Geburtshilfe, Pädiatrie und allgemeinmedizinischer Versorgung. Im Westjordanland konzentrieren wir uns vor allem auf mobile Kliniken sowie auf Projekte im Bereich der psychischen Gesundheit.

taz: Was genau soll man sich unter einer mobilen Klinik vorstellen?

Ribeiro: Das sind Teams aus Ärzten und Pflegekräften, die in die Dörfer fahren. Das Westjordanland gleicht gerade einer Ansammlung kleiner, voneinander getrennter Inseln; die israelische Armee hat dort zahlreiche Barrieren und Checkpoints errichtet. Das bedeutet, dass sich Dorf­be­woh­ne­r*in­nen oft nicht sicher sind, ob sie rechtzeitig zu ihrem Arzttermin oder ins Krankenhaus kommen. Und genau hier setzten die mobilen Kliniken an: Sie sollten sicherstellen, dass medizinische Versorgung verfügbar ist.

taz: Ich habe gelesen, dass Sie einige Ihrer mobilen Kliniken einstellen mussten.

Ribeiro: Ja, wir haben tatsächlich acht von zwölf mobilen Kliniken geschlossen, weil wir aufgrund der Aberkennung unseres Status unsere Bewegungen nicht mehr mit den israelischen Behörden koordinieren können. Nehmen wir zum Beispiel Hebron: Es gibt dort einige Orte, die wir nur mit Genehmigung und in Abstimmung mit den israelischen Behörden aufsuchen dürfen. Da wir jedoch nicht mehr mit ihnen interagieren können, können wir die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort nicht mehr gewährleisten.

taz: Was heißt das für die Patient*innen?

Ribeiro: In einigen Dörfern gibt es nun keine Gesundheitsversorgung mehr und die Pa­ti­en­t*in­nen sehen sich mit all diesen Blockaden und Hindernissen konfrontiert. Wir haben erlebt, dass Menschen entweder starben oder so viel Zeit verloren, dass ihr medizinischer Zustand sich drastisch verschlechterte.

taz: Wie ist momentan die allgemeine Lage im Westjordanland?

Ribeiro: Wir erleben den Zusammenbruch öffentlicher Dienste. Die Palästinensische Autonomiebehörde wird finanziell regelrecht abgeschnürt. Israel hält die eingenommenen Steuergelder zurück. In der Folge hat sich der Zugang zur medizinischen Versorgung verschlechtert. Hinzu kommt ein Anstieg der Gewalt, sowohl von der israelischen Armee als auch von Siedlern. Aus psychologischer Sicht ist das Leben an einem Ort, der ständigen Angriffen ausgesetzt ist, traumatisch. Die Menschen sitzen in ihren Dörfern fest. Ihr Leben hängt vom Wohlwollen der Siedler und der Streitkräfte ab.

Und in Gaza?

Ribeiro: Wir haben etwa 1.500 Mitarbeiter dort im Einsatz, und die Lage ist katastrophal. Seit dem sogenannten Waffenstillstand im Oktober 2025 hat die militärische Aktivität zwar nachgelassen, doch sie dauert weiterhin an. Die Menschen überleben auf schrumpfendem Raum in Notunterkünften, ohne Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist nach wie vor stark eingeschränkt, ebenso der zum Wasser. Im Grunde kämpfen die Menschen dort ums nackte Überleben.

Wie halten Sie Ihre Tätigkeiten am Laufen, wenn Sie nichts mehr importieren dürfen?

Ribeiro: Wir hatten Vorräte. Und da wir wussten, worauf es hinauslief, haben wir Maßnahmen ergriffen, um die Hilfe aufrechtzuerhalten. Wir haben jedoch große Schwierigkeiten; einige Medikamente sind gar nicht mehr erhältlich. Es gibt einen akuten Mangel an Medikamenten, Laborreagenzien und dem, was man für Krankenhäuser braucht. Ganz zu schweigen davon, dass es ein Albtraum ist, Dinge wie Motoröl für die Generatoren zu beschaffen.

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