Housing-First-Angebote in NRW: Im Kampf gegen die Wohnungsnot
Nordrhein-Westfalen will Wohnraum ohne Vorbedingungen schaffen. Doch Kritiker aus der Düsseldorfer Obdachlosenhilfe warnen.
Nordrhein-Westfalen verstärkt den Kampf gegen Wohnungs- und Obdachlosigkeit und will sogenannte Housing-First-Angebote gezielter fördern. Dabei hat das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) in Düsseldorf ein Umsetzungskonzept geschaffen, um interessierte Kommunen und Träger bei der Einführung von lokalen Housing-First-Angeboten zu unterstützen. Es soll ein weiterer, neuer Baustein der landesweiten Initiative „Endlich ein Zuhause“ sein und fokussiert auf eine spezielle Gruppe von Wohnungslosen: „Den Schwächsten der Schwachen unter den wohnungslosen Menschen“, wie Sozialminister Karl Josef Laumann (CDU) sie nennt.
Am Dienstag ist die Implementierungsphase offiziell angestoßen worden und das Konzept im Ministerium vor diversen Vertreterinnen und Vertretern der Kommunen, von Verbänden und Institutionen im Bereich Housing First sowie der Wohnungsnotfallhilfen in NRW vorgestellt worden. Laut Laumann ist nun für „zukünftige Träger in ganz NRW eine direkte Praxishilfe zur zielgerechten Konzeption und Umsetzung von Housing-First-Angeboten vor Ort“ geschaffen worden.
Housing-First-Angebote verfolgen den Ansatz, ohne jedwede Vorbedingungen Wohnraum in enger Zusammenarbeit mit Vermietern für obdach- und wohnungslose Menschen in komplexen Problemlagen zur Verfügung zu stellen.
Die Lücke bleibt
Zwar hat NRW zahlreiche Projekte zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit aufgelegt. Das Land soll nach Angaben Laumanns mehr Geld in den sozialen Wohnungsbau investiert haben als alle anderen Bundesländer. Dennoch fielen immer noch mehr als 5.000 Menschen durch das Raster und müssten ohne ein Dach über dem Kopf auf der Straße leben. Oft seien es Menschen, die neben ihrer Obdach- und Wohnungslosigkeit zugleich mit weiteren Problemen wie einer Suchterkrankung zu kämpfen haben. Sie hätten praktisch keine Chance auf dem ohnehin sehr angespannten Wohnungsmarkt und die bestehenden Hilfsstrukturen erreichten sie zu oft nicht.
Genau für diese Menschen ist Housing First das richtige Angebot, um wieder Stabilität im Leben zu bekommen – durch eine feste Wohnung mit Mietvertrag und bei Bedarf wohnbegleitender und sozialpädagogischer Unterstützung, finanziert von der öffentlichen Hand oder Trägern. „Housing First bietet Menschen ohne Umwege einen stabilen Wohnraum und damit die Chance auf ein neues Leben“, erklärt etwa Marco Schmitz von der Sozialstiftung NRW. Erfahrungen und Studien zeigten, dass Housing First die gesundheitliche und soziale Stabilisierung deutlich verbessere und Betroffenen neue Perspektiven eröffne, so Schmitz.
Die Sozialstiftung NRW ist mit ihren Fördermöglichkeiten „ein wichtiger Baustein für die Schaffung entsprechender Angebote gegen Wohnungslosigkeit“, lobt Laumann die Stiftung, die in seinem Haus angesiedelt ist. Konkret stellt die Sozialstiftung NRW nach eigenen Angaben für Anschubfinanzierungen im Bereich Housing First bis zu fünf Millionen Euro bereit. Nur einen Bruchteil müssten die Kommunen oder Träger anfangs selbst stemmen. Allerdings ist es ein großes Problem, was nach der Anschubfinanzierung kommt und wie eine dauerhafte Regelfinanzierung aussehen könnte. Dieses Problem steht weiterhin im Raum und Verbände werben für eine weitere Beteiligung des Landes bei der notwendigen, langfristigen Finanzierung von Housing First.
Förderung bis zu 90 Prozent
Ein konkretes Beispiel zur Verdeutlichung von Housing First, was es mittlerweile bundesweit gibt: Seit Frühjahr 2025 vermittelte der Caritasverband für die Dekanate Dinslaken und Wesel in NRW 20 wohnungslosen Menschen eine eigene Wohnung. Dieses Housing-First-Projekt wird mit mehr als 300.000 Euro Anschubfinanzierung für Personal- und Sachausgaben über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren von der Stiftung unterstützt.
Gefördert werden im Rahmen eines Housing-First-Konzepts auch der Erwerb und Umbau von Immobilien, Umbaumaßnahmen sowie der Neubau von Gebäuden. Die Höhe der Förderung beträgt bis zu 90 Prozent. Antragsberechtigt sind Mitglieder eines Spitzenverbandes der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen.
Der Pionier von Housing First in NRW ist sicherlich die Obdachlosenhilfe „Fifty-Fifty“ aus Düsseldorf. Sie begrüßt den Schritt der Landesregierung, nun verstärkt auf Housing First zu setzen. „Allerdings kommt diese Initiative reichlich spät“, so Gründer Hubert Ostendorf auf redaktionelle Anfrage. Der Bund habe bereits 2024 im nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit das Ziel formuliert, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden. „Aus Sicht von ‚Fifty-Fifty‘ darf deshalb durchaus die Frage gestellt werden: Wie soll dieses Ziel noch erreicht werden?“, fragt Ostendorf.
Denn Housing First funktioniert nur, wenn es auch Wohnungen gibt. Und genau daran fehlt es in NRW in dramatischem Ausmaß. Nach Berechnungen des Pestel-Instituts fehlten in NRW Ende 2024 rund 376.000 Wohnungen – mehr als in jedem anderen Bundesland. Besonders groß ist der Mangel bei bezahlbarem Wohnraum. Zugleich verliert NRW sogar weiterhin Sozialwohnungen durch auslaufende Bindungen. „Allein 2025 entstanden rund 6.800 neue Sozialwohnungen, während mehr als 26.000 Wohnungen aus der Sozialbindung fielen – unter dem Strich also ein Verlust von rund 18.500 Sozialwohnungen“, rechnet Ostendorf vor. Minister Laumann weiß um diesen Tatbestand und rechnet auch nicht damit, dass das Ziel, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beseitigen, erreichen werden könne.
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