Hamburg im November: Warum sind wir so einsam?
Bei einem Spaziergang durchs graue Hamburg denkt unser Kolumnist über Vereinzelung nach. Und an seinen Besuch in Syrien, den ersten nach zehn Jahren.
A n einem herbstlichen Abend in der vergangenen Woche spazierten meine Frau und ich am Jungfernstieg entlang. Es war schon grau und kalt, wie Hamburg eben oft im November ist. Wir sahen einen jungen Mann, der Lieder sang, und es bildete sich eine Menschentraube um ihn. Seine Stimme war nicht perfekt, aber trotzdem blieben immer mehr Menschen stehen, hörten ihm zu.
Meine Frau sagte dann, dass diese Szene sie erinnere an das Zitat einer Bekannten: „Menschen sind hungrig nach menschlicher Verbindung.“
Das war vielleicht schon immer so, aber gilt besonders heute, in einer Zeit, in der uns Social Media unendlich viel Zeit stiehlt. Wir verbringen Stunden allein mit unseren Handys und haben immer weniger echten Kontakt. Dabei sind echte, spontane, ungefilterte Kontakte doch entscheidend für uns Menschen?
Solche Verbindungen sind besonders wichtig für unser psychisches Wohlbefinden. Viele junge Leute – auch Studierende – leben in großen Städten und lernen immer weniger Menschen kennen. Sie brauchen Nähe, Gespräche, Begegnungen. Deshalb nutzen viele Apps, nicht nur um romantische Partner zu finden, sondern auch um Freundschaften zu schließen. Eine jüngere Kollegin von mir erzählte, dass sie vor ein paar Monaten nach Hamburg gezogen ist. Sie hatte hier kaum Kontakte und nutzte Apps, um neue Menschen kennenzulernen und Freundinnen zu finden. Ist das traurig? Dass wir immer weniger Verbindungen dem Zufall überlassen? Oder ist es eine innovative Lösung für das gesellschaftliche Problem der Einsamkeit?
Ich vermisse Wärme und Zusammenhalt
Aus einer küchen-philosophischen Perspektive – ich bin schließlich kein Philosoph – könnte man sagen: Handy und Social Media sind die Produkte eines übertriebenen Individualismus. Tools und Systeme, die uns Freiheit versprechen, aber immer mehr Einsamkeit erzeugen. Sie sind nicht die Ursache für alle Probleme, aber sie verstärken viele davon.
Ich erinnere mich zurzeit oft an meinen Besuch bei meiner syrischen Familie im letzten Februar, das erste Mal nach zehn Jahren. Ich war nur fünf Tage dort – aber kaum war ich angekommen, hatte ich das Gefühl, die ganze Straße kam, um mich zu umarmen. Nachbarinnen, Freunde, Verwandte: jeden Tag kamen Menschen vorbei, begrüßten mich, waren einfach da. Diese Wärme, dieser Zusammenhalt – das vermisse ich hier manchmal sehr. Und viele andere auch, denke ich.
Natürlich hat jede Lebensweise ihre Vor- und Nachteile. Hier in Deutschland habe ich viel mehr Privatsphäre, mehr Ruhe, mehr Entscheidungsfreiheit.
Wie können wir als Gesellschaft wieder Nähe herstellen? Wie stärken wir das Nachbarschaftsgefühl? Wie schaffen wir Gemeinschaften, in denen Menschen ohne Angst miteinander sprechen, einander vertrauen und füreinander da sind?
Das sind Fragen, die mich umtreiben. Eine Lösung, an die ich öfters denke, ist wieder mehr physische Räume zu schaffen, in denen man sich begegnet. Orte, an denen Menschen sich sicher fühlen, miteinander reden, spielen, lachen, einander unterstützen können. Ein bisschen wie damals, zu der Hochzeit der Willkommenskultur.
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