Haitis Nationalmannschaft bei der WM: All-Star-Team in der Diaspora
Zum ersten Mal seit 1974 ist Haiti bei einer WM dabei. Nur einer der Spieler lebt tatsächlich dort. Die WM ändert das Bild der Haitianer in den USA.
Foto: Rebecca Blackwell/ap
Vor dem ersten Spiel gegen Schottland, das Haiti mit 1:0 unglücklich verlor, demonstrierten Tausende Bewohner der zweitgrößten haitianischen Stadt Gonaïves zur Unterstützung ihres Teams. Eingehüllt in haitianische Flaggen und ausgestattet mit dem ursprünglichen Nationaltrikot, das die Fifa kurz vor WM-Beginn als zu politisch ablehnte, feierten sie den „historischen Moment für unser Land“, wie es ein Teilnehmer ausdrückte. „Das Resultat ist nicht wichtig. Wir sind schon stolz, teilzunehmen.“
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Hier in Gonaïves verkündete Jean-Jacques Dessalines 1804 die Unabhängigkeit Haitis. Und genau dieser historische Moment, in dem sich die erste Kolonie selbst befreite, war in Blassblau auf dem Trikot angedeutet.
Schon das Trikot der kleinen Nationalmannschaft für die Winterspiele hatte ähnlichen Ärger verursacht. Das Trikot zeigte den in Frankreich ermordeten Revolutionsführer und Nationalhelden Toussaint Louverture rittlings auf einem Pferd. Das wurde auch verboten, sodass die Olympioniken nur mit Pferd auf dem Trikot antraten.
Die haitianische Nationalmannschaft, im Volksmund „Les Grenadiers“ genannt, nimmt seit 1974 zum ersten Mal wieder an einer Fußballweltmeisterschaft teil. Die Umstände könnten schwieriger nicht sein. Nur Woodensky Olivier Pierre, geboren 2004 im größten und ältesten Slum Cité Soleil, kommt aus Haiti. Markhus (Duke) Lacroix und Derrick Etienne Jr., sind in den USA geboren. Die Mehrheit der anderen Spieler sind Franzosen mit haitianischen Wurzeln.
Haitis „Heimspiele“ fanden in Curaçao oder Florida statt
Die meisten haben in ihrer Kindheit oder Jugend Haiti verlassen und spielen heute in Zweitliga-Clubs in Europa. Die Nationalmannschaft hat aufgrund der politischen Lage nie in Haiti gespielt. „Heimspiele“ fanden notgedrungen in Curaçao statt. Der seit 2024 engagierte Nationaltrainer, der Franzose Sébastien Migné, managt das überall verstreute Team weitestgehend über Telefon.
Das erste wirkliche Spiel vor eigenem Publikum fand im US-amerikanischen Fort Lauderdale statt: ein Freundschaftsspiel gegen Neuseeland, kurz vor Beginn der WM. In Florida lebt eine große haitianische Diaspora, auf Kreol Japora. Das Stadion war gefüllt mit blauen Nationaltrikots, auf denen immer noch, von der Fifa verboten, die Schlacht von Vertières abgebildet war, und trug das Team zu einem 4:0-Sieg.
Haiti ist ein transnationaler Raum. Das haitianische Wir besteht aus historischen Daten. Im November 2025 gewann die Nationalmannschaft gegen Nicaragua und sicherte sich so die WM-Teilnahme. Im November 1803 schlug Dessalines in besagter Schlacht von Vertières die Franzosen. In einem Interview gefragt, was er empfunden hätte, antwortete der in Belgien aufgewachsene Nationalspieler Delcroix: Er hätte eine ungeheure Hoffnung seines Volkes gespürt, das tatsächlich überall lebe.
In „Wir Flüchtlinge“ spricht Hannah Arendt davon, dass die Flüchtlinge die Avantgarde ihres Volkes seien, wenn sie in der Diaspora ihre Identität bewahrten. Nicht nur die haitianische Fußballnationalmannschaft, sondern all die Künstlerinnen und Künstler, die in der Diaspora ihre haitianische Herkunft in Inspiration verwandeln, stehen dafür.
Trumps Rassismus trifft besonders Haitianer
In der jüngsten Ausgabe des New Yorker, der regelmäßig Texte der in der USA lebenden haitianischen Schriftstellerin Edwidge Danticat veröffentlicht, sagt der in Südflorida lebende Journalist Wilkline Brutus: Überall erlebten Haitianer dank der WM-Teilnahme eine Renaissance. Es finde „eine Art Humanisierung und Sichtbarkeit statt, wie sie ihnen lange nicht zuteilwurde“.
Da spielt er an auf die Trump’sche Spielart von Rassismus, die sich insbesondere gegen Haitianer in den USA richtet. Dieses Antihaitianische von Trump, der im Wahlkampf behauptete, die Haitianer würden die Haustiere der Amerikaner verspeisen, bekam auch der einzige aus Haiti stammende Spieler zu spüren. Woodensky Olivier Pierre wurde zunächst das Einreisevisum in die USA verweigert, erst Anfang Juni konnte er zum bereits in den USA trainierenden Team stoßen.
Am Freitag spielt Haiti gegen Brasilien. Das ist ein besonderes Match, weil die Haitianer seit 50 Jahren Fans von Brasilien sind – als Ersatz für die normalerweise bei den Weltmeisterschaften fehlende eigene Nationalmannschaft. Egal, wie das Spiel und die WM für die Grenadiere ausgehen, die positive Sichtbarkeit, die die Nationalmannschaft verkörpert, ist ein kleiner Befreiungsschlag wider den Diskurs vom nicht enden wollenden haitianischen Elend.
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