Greta Thunberg fährt Deutsche Bahn: Reisen auf harten Gnubbeln

Die Klimaaktivistin sitzt im ICE auf dem Boden vor der Klotür – und bewegt damit die deutsche Twittergemeinde. Warum eigentlich? Ein Brief an Greta.

Greta Thunberg sitzt auf dem Boden eines Zuges der Deutschen Bahn. Um sie herum stehen Koffer und Taschen und eine Box von einem Imbiss.

Greta Thunberg in einer Position, die man in Deutschland gut kennt Screenshot: Greta Thunberg/twitter

Liebe Greta Thunberg,

du hast das möglicherweise noch nicht mitbekommen, weil du mittlerweile zu Hause bei deiner Familie angekommen bist. Oder weil du nach strapaziöser Reise vom UN-Klimagipfel gen Stockholm in einem Zug der schwedischen Bahn im Takt der Schienen eingeschlafen bist. Aber hier in Deutschland geht gerade die Post ab wegen eines Fotos, das du aus einem Zug der Deutsche Bahn AG getwittert hast.

Du kauerst da auf dem Boden aus grauem Teppichfilz und schaust müde schräg nach oben aus dem Fenster. Hinter dir stapeln sich Koffer und Reisetaschen, rechts neben deinem Fuß steht eine Pappbox für Fastfood. Du trägst Jogginghose und Stricksocken, Kapuzenjacke und blaue Sneaker. Das Kinn hast du auf deinen linken Handballen gestützt. Und geschrieben hast du: „Reisen in überfüllten Zügen durch Deutschland. Und ich bin endlich auf dem Heimweg!“

Dieses Bild bewegt die deutsche Öffentlichkeit über alle Maßen. Ich würde dir gern kurz erklären, warum. Damit du nicht allzu überrascht bist, wenn du – nach deinem schwedischen Bahn-Schlummer – in deinen Twitter-Account schaust und dort unangemessen viele Kommentare aus Deutschland vorfindest.

Die anhaltende Twitterbeweinung

Zuerst einmal musst du wissen, dass die Deutschen zu ihrer Bahn ein sehr persönliches Verhältnis pflegen. Viele Menschen – sehr gerne JournalistInnen und PolitikerInnen – beweinen Tag für Tag auf Twitter jede Verspätung, jeden veränderte Wagenreihung und jeden kaputten Kaffeeautomaten im Bordbistro.

Der hieß früher Speisewagen – aber seit die Deutsche Bahn vor 15 Jahren in eine zu hundert Prozent dem Staat gehörende Aktiengesellschaft umgewandelt worden ist, bemüht sich die Konzernführung um so viel Englisch wie möglich.

Die Deutschen schätzen derlei nicht. Zwar geben sie nicht gern zu, dass ihr Englisch nicht das allerbeste ist (the german Bildungssystem is Ländersache). Sie kriegen sich vor Häme auch fast nicht mehr ein, wenn sie der Zugchef über die Bordlautsprecher in genuscheltem Englisch zutexten muss, auf welcher platform ihr verspäteter Zug hält und welche connecting trains sie heute wieder verpassen. Because the Deutsche Bahn is a global operierendes Unternehmen with passengers from all over the world, you know?

Der komische Geruch

Zum anderen bewegt viele BürgerInnen dein Foto so sehr, weil jeder, wirklich jeder hierzulande weiß, wie sich das anfühlt, zwischen Chemieklo und schlammigen Botten der Mitreisenden dem Reiseziel entgegenzudämmern. Es riecht komisch und der Filzboden hat so harte Gnubbel, stimmt's? Gut, dass du die Jogginghose dabeihattest. In Deutschland nennt man das „Reisen in vollen Zügen genießen“ – ein Wortspiel. Anyway.

Interessant finde ich ja, dass dir niemand einen Platz angeboten hat. Ich meine, Greta Thunberg steigt in meinen ICE, um heim gen Norden zu reisen? Ich hätte dir vielleicht meinen Platz angeboten, dir was Nettes gesagt – in my broken English – und dir, der weltberühmten Klimaaktivistin, einen erholsamen Schlaf gewünscht. Vielleicht.

Tatsächlich aber hätte ich dich wohl kurz gemustert, wie du mit deinen Koffern und Taschen und der Chinanudelbox durch die Gänge treckst. Ich hätte aus sicherer Entfernung ein Handyfoto von dir gemacht und noch mal ein bisschen an meiner Ellbogenfreiheit gegenüber meinem Sitznachbarn gearbeitet.

Die heilige Sitzplatzreservierung

Denn da verstehen wir Deutschen keinen Spaß. Bei uns gibt es die heilige Sitzplatzreservierung. Und wer nicht schnell genug war, wer seine Reisepläne ändert oder unbedingt gen Schweden aufzubrechen gedenkt, der oder die muss halt sehen, wo sie bleibt. Greta hin oder her – meine vierfuffzich Verlust erstattet mir ja keiner. Du, die vom Time Magazine gerade zur Person des Jahres 2019 gekürt wurdest, kriegst nicht meinen Sitzplatz. Come clear.

Liebe Greta, noch was Positives, bevor du zu Hause ankommst und idealerweise über die Weihnachtstage deinen Twitter-Account stilllegst.

Mich hat sehr gefreut, dass du Netz hattest. Dass du also überhaupt dieses Foto aus einem fahrenden Zug senden konntest. Die Deutsche Bahn ist berüchtigt für ihr schlechtes Internet, das natürlich WifiOnICE heißt, aber eigentlich WifiOffICE heißen müsste. Du siehst: Da entwickelt sich was in Deutschland.

Auf dem von dir geposteten Bild sieht man ja auch die Werbung des Staatskonzerns für den digitalen Komfort-Check-in. Hättest du eh nicht verstanden, ist ja fast komplett auf Deutsch geschrieben. Und ist auch egal. Du hattest ja Platz: anderthalb Quadratmeter Nadelfilz. Gute Reise und bis bald mal wieder hier in Berlin, wo dir die Politikerinnen und Politiker sehr wahrscheinlich auch einen Sitzplatz anbieten werden.

Herzliche Grüße von Anja Maier

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1965, ist taz-Parlamentsredakteurin. Sie berichtet vor allem über die Unionsparteien und die Bundeskanzlerin.

Die Erderwärmung bedroht uns alle. Die taz berichtet daher noch intensiver über die Klimakrise. Alle Texte zum Thema finden Sie unter taz.de/klimawandel.

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