Global Sumud Flotilla für Gaza: Aktivisten unter Verfolgungsdruck
Organisatoren der Global Sumud Flotilla für Gaza werden in Tunesien verhaftet. Die Flotilla kann auf Solidarität in der Bevölkerung hoffen.
Auf dem Weg zum Hafen von Sidi Bou Saïd war die Stimmung am vergangenen Donnerstag noch gelassen. Das tunesische Organisationskomitee der Global Sumud Flotilla wollte zusammen mit Greta Thunberg und dem bekannten brasilianischen Menschenrechtsaktivisten Thiago Ávila den Helfern der Gaza-Solidaritätsaktion vom letzten Sommer danken.
Doch das Treffen mit Hafenarbeitern in dem Vorort der tunesischen Hauptstadt endete für die Aktivisten mit einem Schock. Die Gruppe wurde von mit Helmen und Plastikschilden ausgerüsteten Polizeibeamten abgedrängt. Sechs tunesische Aktivisten wurden am nächsten Morgen verhaftet und sitzen seitdem in Untersuchungshaft.
Am 31. August 2025 waren Dutzende Boote der Global Sumud Flotilla aus Barcelona in Richtung Gaza aufgebrochen. Aktivist:innen aus Italien und Tunesien schlossen sich der Aktion an, die weltweit für Aufsehen sorgte. In Thiago Avila wurden Medikamente und Lebensmittel für Gaza geladen.
Tausende Tunesier strömten aus Solidarität mit der Zivilbevölkerung in Gaza in den kleinen Hafen.
Die Flotilla schaffte es fast bis Gaza
Doch kurz vor der Weiterfahrt brachen auf mehreren ankernden Schiffen Feuer und kleine Explosionen aus. Sie konnten schnell wieder gelöscht werden. Die Aktivisten machten Drohnenangriffe Israels dafür verantwortlich und forderten eine Antwort der Behörden. Die folgende Solidaritätsdemonstration in Zentrum von Tunis wurde als Wiedererstarken der tunesischen Zivilgesellschaft gefeiert, die in den Vormonaten durch Verhaftungen unter Druck geraten war.
Die Behörden hatten die Vorbereitung der Flottilla stillschweigend unterstützt. Doch in einer ersten Stellungnahme bestritt das Innenministerium den Einsatz ausländischer Drohnen und machte Unachtsamkeit der Aktivisten für die Brände verantwortlich.
Streit hatte es auch innerhalb der Bewegung zwischen liberalen und konservativen Teilnehmern gegeben. Doch das war alles vergessen, als es die internationale Grassrootsbewegung trotz weiterer Angriffe und Drohungen aus Israel tatsächlich fast bis Gaza schaffte, begleitet von mehreren europäischen Kriegsschiffen.
Obwohl die Besatzungen schließlich von der israelischen Armee festgesetzt wurden, sahen die Organisatoren die Aktion als Erfolg. Ihre vorübergehende Inhaftierung in Israel und ihre Aussagen über die brutale Behandlung durch die Wärter schafften mediale Aufmerksamkeit für die katastrophale humanitäre Lage in Gaza. Das war das eigentliche Ziel der Aktion.
Die nächste Flotilla soll noch größer werden
Für Ende März ist eine noch größere Flotilla nach Gaza geplant. Von bis zu 1.000 Freiwilligen ist in Kreisen der Aktivisten die Rede. Dass Sidi Bou Saïd auf dem Weg von Spanien nach Gaza diesmal wieder ein Zwischenstopp wird, soll offenbar verhindert werden.
Die Organisatoren wären trotz eines behördlichen Verbots der Veranstaltung nach Sidi Bou Saïd gekommen, hieß es im Staatssender Watania am Freitag. Auch eine geplante Podiumsdiskussion mit Greta Thunberg und den anderen internationalen Gästen war untersagt worden.
Unter den sechs verhafteten Organisatoren sind auch Jawaher Channa und Wael Naoura. Das Ehepaar hatte im Sommer auch ein Landkonvoi nach Gaza organisiert, der von ostlibyschen Behörden gestoppt wurde.
Tunesische Medien berichten von finanziellen Unregelmäßigkeiten im Umgang mit den Spenden für die Global Sumud Flotilla als Grund für die Haftbefehle.
Die Ziele der Ermittler bleiben unklar
Mit Vorwürfen wie diesem und wegen Empfangs von Geldern aus dem Ausland sind zuletzt immer wieder Menschenrechtsaktivisten und Gründer von NGOs verhaftet worden. Oft sitzen die Angeklagten monatelang in Untersuchungshaft, bis konkrete Anklagen oder Beweise vorgelegt werden oder die Verfahren beginnen.
Nach Meinung der Anwälte und Mitstreiter der Flotilla geht es den Ermittlern eher um die politischen Kontakte des Organisationskommittees. Kritiker der Global Sumud Flottilla werfen den Organisatoren Nähe zu den Muslimbrüdern vor, bisher, ohne dafür Beweise vorzulegen.
Grund für das De-facto-Verbot der Solidaritätsaktion mit Gaza könnte auch ein für vergangenen Samstag geplanter Solidaritätsmarsch mit Iran sein.
Nach einer gegen ihn gerichteten Kampagne in den sozialen Medien reiste der palästinensische Aktivist Seif Abu Kishk am Samstag aus Tunesien aus. Kishk hatte zuvor das Vorgehen der Sicherheitskräfte kritisiert. Der Brasilianer Thiago Ávila wurde nach seiner Ankunft in Brüssel aus bisher unbekannten Gründen am Samstag vorübergehend festgehalten.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert