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Geschichte des ArbeitskampfsAls der Mindestlohn in die Welt kam

1890 scheitert ein Streik neuseeländischer Seeleute am Hafen von Auckland. Doch der Arbeitskampf ebent den Weg zum weltweit ersten Mindestlohn.

N euseeland im Sommer 1890. Im Hafen von Auckland stellen sich Arbeiter entlang der Kais auf, Schulter an Schulter. Ihr Ziel: Keine Kiste, kein Sack, kein Fass soll das Hafenbecken verlassen. Die Finanzkrise und daraus resultierende Niedriglöhne wollen sie nicht mehr akzeptieren. Aber vor allem kämpfen sie für das Recht, eine Gewerkschaft zu bilden. Was hier beginnt, geht später als erster großer Arbeitskampf in die Geschichte Neuseelands und Australiens ein.

Der Streik ist mehr als ein lokales Ereignis. Bereits im März 1890 legen Arbeiter in Australien die Arbeit nieder, der Aufstand schwappt bis nach Neuseeland, nach Tasmanien und in die Häfen des gesamten Pazifikraums. Solidarität zwischen Seeleuten, Hafenarbeitern und Schafscherern entsteht. In Sydney organisieren sich Vertreter aus Häfen in ganz Australien zur Wharf Labourers’ Federation, der ersten landesweiten Hafenarbeitergewerkschaft. Kurz darauf schließen sich auch Schiffsoffiziere zusammen. Eine brenzlige Situation für die Eigner der Schiffe. Mithilfe von Regierung und Polizei versuchen sie, die Gewerkschaft davon abzuhalten Mitglieder zu rekrutieren.

Gewerkschaften und Schiffsbesitzer verhandeln zwar miteinander, aber letztlich ohne Ergebnis. Als Marineoffiziere ihre Posten verlassen und die Bergarbeitergewerkschaft aus Solidarität Kohlelieferungen an Schiffe verweigert, eskaliert die Situation. Massenhaft heuern die Schiffsbesitzer Männer, die aufgrund der Wirtschaftskrise arbeitslos waren, als Streikbrecher an. Am Ende können sich die Gewerkschaftsmitglieder mit ihren Interessen nicht durchsetzen. Gewerkschaften werden zerschlagen, viele kehren arbeitslos an die Kais zurück. Doch der Aufstand hinterlässt Spuren.

Getragen von den vorangegangen Arbeitskämpfen gewinnt 1891 erstmals eine liberale Reformregierung in Neuseeland die Wahl. Einer ihrer zentralen Köpfe: William Pember Reeves, Arbeitsminister und Sozialreformer. 1894 bringt er den Industrial Conciliation and Arbitration Act auf den Weg. Das Gesetz verpflichtet Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Schlichtung vor staatlichen Gerichten – und erlaubt es diesen erstmals, verbindliche Mindestlöhne festzulegen.

Menschen aus Asien waren für Reeves „schmutzig“

Als Geburtshelfer des ersten staatlich festgelegten Mindestlohns geht Reeves damit in die Geschichte ein. Doch seine Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit gilt nicht allen Menschen gleichermaßen. Asiatische Mi­gran­t:in­nen beschreibt er als „schmutzig und geizig“, als „Gefahr für die öffentliche Gesundheit“. Zeitgenossen berichten von einem Gesetz, mit dem er Armen und Asia­t:in­nen die Einreise nach Neuseeland verbieten will. Das Gesetz wird nie verabschiedet. Reeves’ Mindestlohn wird zum Instrument sozialer Befriedung – allerdings nur für einen eng definierten Teil der Gesellschaft.

Trotzdem: Das Vorbild Neuseeland inspiriert. Australien folgt 1907 mit dem Harvester Judgement, das einen „existenzsichernden Lohn“ festschreibt. Großbritannien führt 1909 Mindestlöhne für besonders ausgebeutete Branchen ein. Die USA ziehen 1938 nach, im Zuge des New Deal. Deutschland dagegen lässt sich Zeit: Ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn kommt hier erst 2015.

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