Geschichte der Lufthansa in Berlin: Der Kranich im Schatten
Im THF Tower zeigt eine neue Ausstellung die frühe Lufthansa als Teil von Aufrüstung und NS-Kriegswirtschaft – eindrucksvoll und schmerzhaft aktuell.
Zuerst ist da diese Aussicht. Oben im THF Tower, im ehemaligen Flughafen Tempelhof, öffnet sich der Blick: das große Feld, die monumentalen Hallen, die Stadt bis zum Horizont. Neben den Fenstern kontrastieren große Banner mit historischen Fotografien die spektakuläre Weite der Gegenwart mit Flugzeugen, Werkhallen, Zerstörung. Die Vergangenheit schiebt sich über den Ausblick – und plötzlich wird vorstellbar, was hier organisiert wurde: Technikstolz, nationale Inszenierung, Aufrüstung, Zwangsarbeit, Krieg. Die Ausstellung „Lufthansa. Berlin-Tempelhof 1926–1945. Zwischen ziviler und militärischer Luftfahrt“ nutzt diesen Ort nicht dekorativ, sondern politisch.
Dass die Lufthansa tief in den Nationalsozialismus verstrickt war, dürfte vielen bekannt sein. Und doch trifft dies beim Gang durch diese Ausstellung mit neuer Wucht. Denn die Ausstellung zeigt es nicht als eine Fußnote unter vielen, sondern als wichtigsten Teil der DNA dieses Unternehmens, das dieses Jahr 100 Jahre alt wird. Sie arbeitet mithilfe zahlreicher Originalquellen, Fotos, Filmen und Dokumenten haptisch heraus, wie eng zivile Luftfahrt, staatliche Förderung, militärische Planung und nationaler Machtanspruch von Anfang an in dem Unternehmen zusammengingen.
Der Einstieg in die Ausstellung führt über die Begeisterung für das Fliegen: in den 1920er und 1930er Jahren galten Flugzeuge als Wunderwerke der Technik. Noch konnten sich die wenigsten Menschen einen Flug leisten, wie der Ausstellungstext beschreibt. Das machten sich die Nazis mithilfe der Lufthansa zunutze. Ab 1935 bot sie auf dem Tempelhofer Flughafen Rundflüge an. 1938 nahmen etwa 350.000 Berliner Schüler*innen teil. Es ist perfide: Die Nazis mussten den Traum vom Fliegen nicht erfinden. Sie konnten ihn besetzen, weil zivile Luftfahrt und militärisches Denken längst ineinandergriffen.
Formal ging es um Passagierverkehr
Von dort führt die Ausstellung zu den Wänden „Rüstung“, „Luftwaffe“ und „Aufarbeitung“. Schon in der Weimarer Republik war die angeblich zivile Luftfahrt von früherem Militärpersonal geprägt. Formal ging es um Passagierverkehr, internationale Strecken und technischen Fortschritt. Tatsächlich wurde schon zur Zeit der Gründung der Lufthansa 1926 in Berlin-Tempelhof unter dem Deckmantel der zivilen Luftfahrt angeschoben, was nach dem Ersten Weltkrieg verboten war: der Aufbau von Flugplätzen, Pilotenschulen, Industrie.
Die Lufthansa machte dabei nicht nur irgendwie mit. Als staatlich gestützte und eng gelenkte Fluggesellschaft war sie Teil einer Infrastruktur, die für eine künftige Luftwaffe nutzbar blieb. Der Kranich flog also nicht nur für Fortschritt und Fernweh.
Ab 1933 wurde diese vorbereitete Struktur offen in die nationalsozialistische Macht- und Kriegspolitik eingegliedert. Hermann Göring rettete die Lufthansa vor dem finanziellen Ruin. Die Lufthansa profitierte von Subventionen, Aufträgen und symbolischer Bedeutung. Umso wertvoller ist es, dass es für diese Phase besonders viele biografische Stationen in der Ausstellung gibt.
So erhält beispielsweise Klaus Bonhoeffer ein eigenes Kapitel. Der Name ruft meist seinen Bruder Dietrich auf, den Theologen und Widerständler. Der weniger bekannte Klaus Bonhoeffer war Jurist und arbeitete bei der Lufthansa, zuletzt als Leiter der Rechtsabteilung und Mitglied des Aufsichtsrats. Gerade diese Position macht seine Biografie so beklemmend: Er führte ein Doppelleben und hielt aus dem Inneren eines belasteten Unternehmens heraus Kontakt zu Widerstandskreisen, wusste um das geplante Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 und versprach seinen Komplizen nach dem Staatsstreich Flugzeuge.
Als das Attentat misslungen war, bekannte er sich im Verhör offen gegen den NS-Staat. Das alles ist in der Ausstellung aufbereitet und schärft die Frage nach Mittäterschaft und Handlungsspielräumen, die andere sicher auch gehabt hätten. Klaus Bonhoeffer wurde im April 1945 ermordet, wenige Tage nach seinem Bruder, als die Rote Armee bereits vor den Toren der Stadt stand.
Ähnlich schmerzhaft ist es, beim Ausstellungsbesuch in die Geschichte des französischen Zwangsarbeiters Jean Rozière eingeführt zu werden. Auf ihn wurden die Ausstellungsmacher*innen durch die Forschungen des Historikers Lutz Budrass aufmerksam, der die dunklen Kapitel in der Geschichte der Lufthansa in seinem Buch „Adler und Kranich“ aufgearbeitet hat. Aufgrund seiner Schilderungen fanden sie Fotos, Briefe, Spuren eines Lebens. Rozière kam 1943 nach Berlin und wurde in die deutsche Kriegswirtschaft gezwungen. Besonders bitter ist der Kontrast zu Propagandabildern, die ein scheinbar geselliges Lagerleben zeigen sollten.
Die Fotos behaupten sehr viel Normalität und verdecken Zwang, Gewalt und Entrechtung. Doch Rozière verweigerte sich hinter dieser Kulisse auch der Arbeit und leistete im Kleinen Widerstand. Er wurde mehrmals mit Bußgeldern belegt, weil er beispielsweise zu lang in der Toilette geblieben war.
Die ausgestellten Dokumente und Fotos holen diesen Menschen aus der Statistik der Zwangsarbeit heraus: Zeitweise arbeiteten für die Lufthansa am Flughafen Tempelhof bis zu 10.000 Menschen, darunter auch Kinder und Jugendliche, weil sie mit ihren kleinen Händen besser in die verwinkelten Ecken der Flugzeuge kamen. Sie lebten dort unter erbärmlichen Umständen. Und je weiter der Krieg voranschritt, desto mehr musste die Lufthansa beschädigte Flugzeuge der Luftwaffe reinigen und zusammenflicken.
Die Ausstellung „Lufthansa. Berlin Tempelhof 1926–1945. Zwischen ziviler und militärischer Luftfahrt“ findet im THF TOWER statt, direkt am U-Bahnhof Paradestraße. Mittwoch bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro.
Veranstaltungen Am Mittwoch, den 10. Juni um 19 Uhr, findet eine Diskussionsrunde zur Geschichte und Verantwortung der Lufthansa mit Lutz Budrass, Manfred Grieger und Roman Köster unter der Moderation von Irmgard Zündorf statt. Eine Woche später, am 17. Juni um 19 Uhr, gibt es einen Vortrag von Carolin Liebisch-Gümüş zum Thema „Flüge ins Exil. Die Lufthansa vor dem Nationalsozialismus“.
Vermittlung Es gibt umfangreiche Programme für Schulklassen und Familien, außerdem ein Begleitheft zum Mitmachen für jüngere Besucher*innen. (taz)
Die Wand zur „Aufarbeitung“ führt schließlich in die Nachkriegszeit – und stellt damit den größten Aufreger bereit. Nach 1945 wurde die alte Lufthansa aufgelöst, die neue Lufthansa 1953 gegründet. Nach außen hin nutzte die Firma die unfreiwillige Zäsur als bequemen Abstandhalter. Der Konzern beschönigte, verzögerte, verwies auf Nichtidentität, pflegte aber Name, Symbol und Tradition weiter. Nur die profiliertesten Nazifunktionäre wurden nicht übernommen, jüdische Mitgründer dagegen systematisch ausgegrenzt.
Die Sprache bleibt eingebettet in Markenpflege
In den 1990er Jahren gab das Unternehmen bei Lutz Budrass eine Studie zur Zwangsarbeit in Auftrag und hielt diese so lang zurück, dass dieser sein erwähntes Buch „Adler und Kranich“ selbst publizierte. Inzwischen spricht das Unternehmen offener über die Verbrechen der „Vorgängergesellschaft“, über Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion, aber die Sprache bleibt eingebettet in Markenpflege, Jubiläen und Zukunftserzählungen, so die Ausstellungsmacher*innen.
Alles in allem ist diese Ausstellung also unbedingt sehenswert. Die Schwellen, die sie setzt, sorgen nicht für Verflachung, sondern sind Voraussetzung dafür, dass die Härte des Materials richtig ankommt: über klare Texte, Originalquellen, starke Biografien. Auch die partizipativen Formate sind super. Wenn Besucher*innen am Ende notieren sollen, wie Unternehmen generell heute Verantwortung übernehmen sollten, steht diese Frage nicht im luftleeren Raum. Zurück bleiben Wut und Entsetzen – und die Frage, warum es eigentlich immer noch Ausstellungen braucht, damit die Wahrheit offenkundig genug wird.
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