Gefährdete Ateliers in Berlin: Lärm gegen Verdrängung
Mehr als 150 Künstler*innen arbeiten im Atelierhaus Prenzlauer Promenade. Nun wurde jenen gekündigt, die es in eine Genossenschaft überführen wollen.
„Berlin steht für Kultur und die freie Szene“, ruft Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl, beherzt ins Mikrofon. „Aber wir müssen jetzt aufpassen. Wenn Orte wie diese einmal weg sind, dann sind sie weg.“
Vorm Atelierhaus in der Prenzlauer Promenade, mit mehr als 150 Künstler*innen einem der größten Produktionsstandorte für Kultur in der Stadt, antworten am Freitagnachmittag über 100 bunt angezogene Leute mit einem Johlen, das selbst den Verkehr auf diesem Autobahnzubringer übertönt. Holzratschen knattern, Tröten mischen sich in den kreativen Lärm. Auf Transparenten steht: „Berlin braucht Kunst“ und „Selbstorganisation ist kein Kündigungsgrund“.
Der Protest richtet sich gegen Kündigungen, die vor wenigen Tagen sieben Künstler*innen zugestellt wurden, die hier arbeiten. Drei von ihnen engagieren sich in einer entstehenden Genossenschaft, die das Gebäude erwerben will. Vermieterin ist die Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE), die das Haus treuhänderisch für das Land Berlin verwaltet, Besitzerin die landeseigene Immobilienfirma Berlinovo. Ausgerechnet jene, die Verantwortung für die Zukunft des Standorts übernehmen wollen, sollen zum Jahresende gehen.
Dass hier weit mehr als ein Mietstreit vorliegt, zeigt die Redner*innenliste. Neben Vertreter*innen der Grünen wie der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Daniela Billig sind auch solche aus der aktuellen Koalition gekommen, darunter der Vorsitzende des Kulturausschusses, Peer Mock-Stümer (CDU). Das hat eine seltsame Ironie. Denn ausgerechnet Politiker*innen demonstrieren gegen die Folgen einer Politik, die ihre eigene Regierung mitzuverantworten hat.
Der Konflikt spielt sich nämlich nicht nur zwischen GSE, Berlinovo und der Genossenschaft ab. Er ist auch das Ergebnis des Berliner Kultursparkurses. Während die anwesenden Politiker*innen wahlkampftauglich den Erhalt des Atelierhauses beschwören, wurden unter Stefan Evers, CDU-Senator für Finanzen und inzwischen auch der Kultur, alles zusammengestrichen, was solche Orte langfristig sichern könnte.
Solidarität ist das eine, der Haushalt ist das andere
Das Berliner Arbeitsraumprogramm wurde im vergangenen Haushalt fast halbiert; die Mittel für den Ausbau neuer Ateliers sogar um mehr als 85 Prozent eingedampft. Rund ein Drittel der geförderten 1.027 Ateliers in mehr als 60 Häusern gilt als akut bedroht.
Solidarität auf der Straße ist das eine, Haushaltsentscheidungen sind das andere. Hinzu kommt, dass die GSE, die in einer Pressemitteilung von letzter Woche verlauten ließ, das Mietverhältnis zu den betroffenen Künstler*innen sei „zerrüttet“, eigentlich im Sinne des Landes Berlin handeln sollte. Eine Anfrage der taz vom Freitag ließ das Unternehmen bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Nach der Kundgebung draußen geht es hinein zu Mechthild Beckmann. Seit 2010 arbeitet die Künstlerin hier. Ihr Atelier ist licht und luftig, die hohen Fenster öffnen den Blick in die Baumkronen. Beckmanns Zeichnungen an den Wänden verdichten Naturbeobachtung zu einer grafischen Bildsprache zwischen Gegenständlichkeit, Spiegelung und Abstraktion. In der Reduktion erinnern sie an chinesische Tuschemalerei, kommen aber spröder daher.
Erst von Beckmanns Atelier aus erschließt sich auch das Gebäude richtig. Ende der 1970er Jahre entstand der Plattenbau für die Akademie der Wissenschaften der DDR, nach der Wiedervereinigung zog die Humboldt-Universität ein. Anfang der 2000er Jahre übernahmen Künstler*innen die leerstehenden Räume. Aus einem Verwaltungsbau wurde ein Produktionsort. Ein Stück DDR-Architektur blieb nicht als Denkmal erhalten, sondern durch wertschätzende Nutzung.
„Im Moment bleibt allerdings kaum Zeit für die Kunst“, sagt Beckmann wie derzeit viele andere Künstler*innen in der Stadt, zu nervenaufreibend seien die Konflikte, zu zeitfressend die Gespräche mit den Mitstreiter*innen. Die Kündigungen führt sie auf den eskalierten Streit um den Verkauf des Hauses zurück. Die Genossenschaft habe das Gutachten der Berlinovo nicht akzeptiert und ein Gegengutachten erstellen lassen, das den erheblichen Sanierungsstau berücksichtigt. Dementsprechend weit lägen die Preisvorstellungen auseinander. Hinzu kommt eine Mieterhöhung: Statt der ursprünglich vereinbarten Obergrenze von 7 Euro sollen künftig 11 Euro warm pro Quadratmeter gezahlt werden.
Nach den Kürzungen liegt das Projekt auf Eis
Wie groß dieser Sanierungsstau ist, lässt sich im Haus leicht erkennen. Ein ganzer Gebäudeteil wurde bereits entkernt. Dort sollten mit Mitteln des erwähnten Arbeitsraumprogramms weitere Ateliers entstehen. Doch nach den Kürzungen liegt das Projekt auf Eis. Das Atelierhaus ist damit nicht nur Opfer eines festgefahrenen Immobilienkonflikts, sondern auch unmittelbare Folge einer Kulturpolitik, die zwar den Erhalt bestehender Räume beschwört, deren Ausbau aber kaum noch finanziert.
Dabei schien der Standort lange gesichert. 2015 gründeten die Nutzer*innen das Atelierhaus Prenzlauer Promenade e. V., zwei Jahre später schloss die GSE einen Generalmietvertrag über 25 Jahre. Parallel entstand die Idee der Gründung einer Genossenschaft. Doch die exklusiven Verhandlungsrechte der Mieter*innen laufen Ende des Jahres aus. Wenn es bis dahin keine Einigung gibt, könnte die Berlinovo das Gebäude verkaufen oder anderweitig nutzen.
Der Streit um das Atelierhaus in der Prenzlauer Promenade zeigt, woran sich Berlins Kulturpolitik derzeit selbst zerlegt. Kaum jemand stellt den Wert der Kultur infrage. Auf der Kundgebung herrscht darüber sogar parteiübergreifend Einigkeit. Doch zwischen politischem Bekenntnis und Handeln wächst eine peinliche Lücke. Es geht also auch um die Mangelware Glaubwürdigkeit – zumal in einer Stadt, in der zuletzt die Fördergeldaffäre gezeigt hat, wie schnell kulturpolitische Entscheidungen unter Verdacht geraten, wenn Nähe, Einfluss und Geld nicht sauber voneinander getrennt werden.
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