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Abgeordnetenhauswahl am 20. SeptemberEin Elf-Punkte-Versprechen für Berlin

SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach legt sich 86 Tage vor der Wahl fest, was er in seinen ersten 100 Tagen als Regierungschef sofort angehen würde.

Vielleicht ist Regierungschef Kai Wegner (CDU) am Freitagvormittag gegen halb elf auf eine Zigarettenpause auf den Balkon vor seinem Amtszimmer im Roten Rathaus getreten. Dann hat er in Richtung Neptunbrunnen eine Gruppe von knapp zehn Männern ausmachen können, die vor zwei Papptafeln standen. Einen davon dürfte er sicher erkannt haben: Steffen Krach von der SPD. Der will nach der Abgeordnetenhauswahl am 20. September Kalif anstelle des Kalifen werden und Wegners Amt samt Zimmer übernehmen.

Elf Versprechen stehen durchnummeriert auf den beiden Pappen, stets eingeleitet mit „Ich setze durch“, „Ich sorge wieder“ und ähnlichen Formulierungen. „Mein Berlin-Versprechen“, schreibt Krach noch handschriftlich drüber und signiert das Ganze auch noch, als Foto- und Handykameras auf ihn gerichtet sind, das Rote Rathaus fotogen im Hintergrund.

Baustellen, an denen sich trotz oft stark behindernder Absperrung nichts tut, sind der erste Punkt auf dieser Liste. Passenderweise ist neben der Gruppe auch der Neptunbrunnen eingerüstet und komplett verhüllt. „Schlafbaustellen“ dürfe es nicht mehr geben, sagt Krach. Er räumt zwar ein, dass auch der aktuelle Senat, an dem seine SPD ja beteiligt ist, jüngst Maßnahmen dagegen auf den Weg gebracht hat. „Das geht mir aber alles nicht weit genug“, sagt Krach, da müsse noch mehr gehen.

Auch von ihm selbst war schon manches zu hören, was nun auf diesen Pappen steht – etwa die Forderung nach einer Mietenpolizei. Die soll gegen Mietwucher vorgehen, bevor ab 2027 das Mietenkataster greift, das die schwarz-rote Koalition nächsten Donnerstag im Abgeordnetenhaus beschließen will.

„Herr Wegner will die Expo-Bewerbung nicht“

In gleicher Weise wiederholt Krach seinen Ruf nach einer Bewerbung für die Expo – und kritisierte den Mann, dem aktuell das angestrebte Amtszimmer keine 100 Meter entfernt gehört. „Mein Eindruck ist: Herr Wegner will die Expo-Bewerbung nicht“, sagt Krach. Punkt 6 auf den Tafeln ist ein Handyverbot an Grundschulen, zu dem es beim SPD-Landesparteitag Anfang Mai mehrere heftige Gegenreden gab.

Ebenfalls im Mai hatte Krach auch Punkt 10 vorgeschlagen: dass der Senat Ehrenamtlichen das monatlich 63 Euro teure Deutschlandticket bezahlt. In irgendeiner Weise ehrenamtlich tätig sind in Berlin laut Krach rund eine Million Menschen. Ehrenamtler im engeren Sinne ist aber nur, wer die Anforderungen für den Erhalt der Ehrenamtskarte erfüllt, die noch weitere Vergünstigungen mit sich bringt: Dazu sind bisher jährlich 200 Stunden entsprechender Tätigkeit nötig, künftig sollen dafür 150 reichen. Derzeit haben knapp unter 20.000 Berlinerinnen und Berliner eine Ehrenamtskarte.

Zudem verspricht Krach grundsätzlich Tempo 30 vor Schulen und Kitas. Und, was nicht unter Punkt 7 auf den Pappen steht, vielleicht noch mehr: „Da kann man auch über noch weniger Tempo nachdenken“, sagt Krach vor den Journalisten. Kostenlose Sperrmüllabholung zweimal jährlich für jeden Haushalt soll dazu beitragen, dass weniger Müll einfach vor der Haustür landet. Und schließlich will Krach auch noch das Problem der im Weg stehenden oder liegenden Elektroroller lösen.

Alles das soll – wenn es dazu kommt – in seinen ersten 100 Tagen als Regierender Bürgermeister geschehen, besiegelt durch jene Unterschrift, die unten rechts unter Punkt 11 auf der zweiten Pappe prangt. An diesem Freitagmorgen hat Krach allerdings noch eine andere Zahl im Kopf: „Noch 86 Tage“, sagt er zu den Journalisten – so lange ist es noch bis zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September.

In der jüngsten Umfrage reicht es für Rot-Grün-Rot

Wobei die ihm entgegenhalten, dass dann ja noch längst kein Regierungschef gewählt und auch noch gar nicht klar ist, wer mit wem regiert – und dass dann noch Koalitionsverhandlungen anstehen. Krach will gehört haben, dass die Linkspartei dann erst noch abstimmen lassen will, ob man überhaupt regieren wolle. Ob die SPD ihre Mitglieder direkt über eine Koalition abstimmen lässt, ist laut Krach, der ja auch ihr Landesvorsitzender ist, noch offen: Das sei „nicht ausgeschlossen, aber auch nicht gesetzt“.

Die SPD lag in der jüngsten Berliner Wahlumfrage Mitte Mai zwar mit 16 Prozent nur auf Platz 3 hinter CDU (20) und AfD (18). Zusammen mit Grünen und Linkspartei (beide 15) würde ein solcher Wahlausgang aber für eine Mehrheit der Sitze im Abgeordnetenhaus reichen und damit zumindest rechnerisch für eine rot-grün-rote Koalition.

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11 Kommentare

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  • Ein paar Geldgeschenke, ein paar Versprechungen zu Sachen, die es schon gibt oder die Schwarz-rot schon angeleiert hat.

    Das war's.

    Damit kann er gerne in Hannover bleiben.

    Ich würde mir in Berlin mal einen Kandidaten wünschen, der eine vernünftige Vorstellung davon hat, wo die Stadt in 20 und 50 Jahren stehen soll.

    Ich würde ihn wählen, egal welche Partei.

    Warum hat Berlin eigentlich immer nur drittklassige Politiker?

    • @rero:

      Es gab mal Ernst Reuter, Brandt, Albertz, einmal einen Wahlkampf zwischen Weizsäcker und Hans-Jochen Vogel! Zuletzt fällt mir nur Künasts Kurzbesuch ein.



      Heute wird es ein Wegner, weil die SPD trotz möglicher Gestaltungsmehrheit nicht mehr kann oder will. Die Landespolitik ist nicht mehr so attraktiv, und Berlin ist von Diepgen/Landowsky in die Schulden getrieben worden und von Sarrazin ausverkauft. Spaß macht das wohl weniger als ein Bundestagsmandat mit ebenso kurzen Wegen.

      • @Janix:

        Heute gibt es einen Wegner in Berlin, weil Rot-Grün-Rot dermaßen ineffektiv war, dass die Messlatte extrem niedrig lag.

        Wegner konnte sich sogar aussuchen, ob ihm Schwarz-Rot oder Schwarz-Grün lieber war.

        • @rero:

          Habe ich es falsch in Erinnerung, dass Giffey das Rote Rathaus für sich oder jemand anderen der Partei hätte sichern können? Einfach Grün, Links und Rot zusammenführen, das wäre ihr Job gewesen.

          So sicherte sie sich den Senatorinnenposten mit zweiter Geige und einem leider ziemlich unmusikalischen Ersten Geiger.



          Das Katzenkonzert wird ja womöglich bald enden.

          • @Janix:

            Die CDU hat nun mal die Wahl gewonnen.

            Es war der Job der CDU, eine Koalition zusammenzuführen.

            Am lautesten hatte da Jarasch sich darum bemüht.

            Die hatte dann aber zu hoch gepokert.

            Auf eine weitere Auflage von Rot-Grün-Rot hatte niemand Lust.

            Nicht die Wähler, nicht die Parteien.

            Wenn man auf dem absteigenden Ast sitzt, ist mehr vom Gleichen tendenziell blöd.

            Nee, das Katzenkonzert wird gnadenlos weitergehen.

            Nur vielleicht in anderer Besetzung.

            Der Artikel oben deutet das doch schon an.

            • @rero:

              PS: Berlin hat zumeist eine linke Mehrheit, in Deutschland eher die Ausnahme.



              Hier können also sozialer orientierte Ansätze auch mal gespielt werden, vielleicht wären Wien und Graz Beispiele, wie handfeste und harte Regierungsarbeit von links auch Stimmen bringt in Großstädten.



              Wegner sollte eher Tennistrainer und Autovermieter werden, das war eine m.E. unglückliche Zufallsbesetzung im Amt.

            • @rero:

              Kohl hatte 1976 auch "gewonnen", aber keine Mehrheit, und es war wohl gut so mit Schmidt am Ruder in kritischer Zeit. Damals hat sich keiner von der Springerpresse die Koalitionsbildung einreden lassen.

              • @Janix:

                Kohl hatte damals halt keine zwei potentiellen Koalitionspartner, die darum buhlten, mitregieren zu dürfen.

                Weil beide die alte Koalition nicht weiterführen wollten.

                Die Öffentlichkeit sah ja, dass es nicht lief.

                Dass Jarasch nun sich ihre Koalitionsbegeisterung von der Springerpresse hat einreden lassen, bezweifle ich.

                • @rero:

                  Daraus hat Kohl ja auch für später gelernt. Genscher hat ihm schon 1976 vor laufender Kamera verbal zugeklimpert, doch die CDU/CSU hatte das Programm, das Personal, die Konzepte nicht, die SPD v.a. war zu stark, regierungsbewusst und mit Schmidt: Genscher hätte gar nicht springen können.

                  Ja, die Grünen haben mindestens wie die SPD mit der CDU geflirtet. Danach hätte mensch aber: Grüne, SPD, Linke noch mal in Ruhe überlegen können, ob es wirklich dieser Wegner, diese CDU mit einem sehr mauen Programm für Berlin sein soll oder ob aus eigener Sicht bessere Lösungen nicht weiterhin mit der vorhandenen linken Mehrheit zu erreichen wären. Auch wenn eine kleine Beziehungstherapie da evtl. noch fällig gewesen wäre.

                  Da sehe ich die Gestaltungsmüdigkeit schon am ehesten bei der Berliner SPD, konkret Frau Giffey. Gute Regierungshandwerker, doch auch das Kapitänsamt beanspruchen dürfen entgegen einem bundesdeutschen Vorteil Menschen auf der eher linken Seite schon.

  • Klar, es ist Wahlkampf und Wahlkampfgetöse gehört dazu. Aber etwas Realitätssinn sollte doch dabei sein. Die SPD war in Berlin fast durchgehend an der Regierung beteiligt, meistens als Senior-, jetzt als Juniorpartner. Lediglich in den 80er Jahren war die SPD in Westberlin nicht in den Regierungen der Herren Weizsäcker und Diepgen. Und im geeinten Berlin stellte die SPD durchgehend bis 2023 den oder die regierende(n) Bürgermeister(in) und ist seitdem Juniorpartner.



    Und jetzt soll innerhalb 100 Tagen alles besser werden, was die SPD in den letzten 77 Jahren nicht geschafft hat - abgesehen davon, welche Pläne die möglichen Koalitionspartner haben und was dann bei den Koalitionsgesprächen rauskommt.

  • Gute Punkte wohl, doch sind es die wichtigsten? Bei der Hitze gerade in Städten: Muss da nicht z.B. Klima auch bei einem Sozialdemokraten prominenter vorkommen?



    Hört sich wie eine Bewerbung zum Kellner an, nicht zum Koch.