Kultur in Berlin: Motor für Wirtschaft und Wohlbefinden
Eine neue Studie beziffert den Nutzen der Berliner Kultur erstmals umfassend. Die Stadt verliert durch den aktuellen Kulturabbau Millionen.
Oft werden Menschen, die in Berlin Kultur machen, von der Politik belächelt. Mal gelten sie als hoffnungslose Träumer, die sich ja schließlich freiwillig auf ihren brotlosen Job eingelassen haben, mal als ökonomische Randerscheinung: als Sahnehäubchen und Luxus, den sich eine Stadt erst einmal leisten können muss.
Dass das Gegenteil keine Frage der Überzeugung ist, sondern sich mit nüchternen Zahlen belegen lässt, zeigt eine neue datenbasierte Studie des Instituts für kulturelle Teilhabeforschung. Vorgestellt wurde sie am Montagvormittag im Foyer der Deutschen Oper; gefördert wurde sie von der Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Zu den eindrücklichsten Befunden gehört dieser: Jeder Euro, der in Kultur investiert wird, erzeugt im Schnitt 3,50 Euro, die in die Hauptstadt zurückfließen. Die meisten Einnahmen entstehen durch Ausgaben vor, während und nach Kulturveranstaltungen, der größte Anteil entfällt auf Tourist*innen, die zu 63 Prozent angeben, dass sie wegen der Kultur nach Berlin gekommen sind. Würde man Publikumsmagnete wie die Stiftung Berliner Mauer, die Topographie des Terrors und die Gedenkstätte Hohenschönhausen einbeziehen, läge der Effekt noch höher: Dort fließen für jeden Euro 7 Euro zurück.
190 Millionen in zwei Jahren verschenkt
Insgesamt, so errechnet es das Institut, verdient Berlin jährlich 1,35 Milliarden Euro mit Kultur. Man kann sich also leicht ausrechnen, auf wie viele Einnahmen die Stadt durch den Kulturabbau der letzten beiden Jahre freiwillig verzichtet hat: 2025 gab es rund zwölf Prozent weniger Fördergelder, in diesem Jahr knapp elf Prozent. Zusammen ist das ein Gewinn von knapp 190 Millionen Euro, die sich Berlin auf diese Weise durch die Lappen gehen ließ.
Ebenfalls bemerkenswert: Die Politik thematisiert längst, dass Kultur in Berlin ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, spricht aber ungern darüber, in welchem Maße. Nun liegen auch dazu Zahlen vor. Mit einer Bruttowertschöpfung von 12 bis 14 Milliarden Euro, 200.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mehr als 40 Milliarden Euro übertrifft die Berliner Kultur- und Kreativwirtschaft klassische Industriebranchen der Stadt wie die Pharmaindustrie oder den Maschinenbau. Da fragt man sich schon, warum die Senator*innen für Kultur und Wirtschaft in Berlin nicht enger zusammenarbeiten.
Eine weitere eindrückliche Zahl betrifft nicht die Wirtschaft, sondern das Wohlbefinden. Mithilfe repräsentativer Umfragen unter Berliner*innen zu ihrer Haltung gegenüber Kultur, ihrem Einkommen sowie weiterer Studien der Glücksforschung kommt das Institut zu dem Ergebnis, dass Kultur selbst in homöopathischen Dosen das Leben messbar verbessern kann. Im Statistiker*innensprech heißt das Well-Being. Vier oder mehr Besuche von Kulturveranstaltungen steigern das Wohlbefinden laut Thomas Renz vom Institut so stark wie ein um bis zu 2.700 Euro erhöhtes Jahreseinkommen. „Kein Wunder, dass es anderswo längst Kultur auf Rezept gibt“, sagt Vera Allmanritter, ebenfalls vom Institut.
Nur in einem Punkt widersprechen die Zahlen des Instituts den gängigen Erzählungen nicht. Tatsächlich verdienen drei Viertel der 32.420 solo-selbständigen Künstler*innen in Berlins freier Szene sehr schlecht: weniger als 22.000 Euro im Jahr. Wie es um deren Well-Being steht, führten die Institutsmitarbeiter*innen am Montagmorgen nicht weiter aus.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 60 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert