Gebrauchtwaren-Kaufhaus in Berlin: Eine Warenwelt, die gefällt
Mit dem Niedergang der Kaufhäuser geht auch eine Einkaufskultur zu Ende. In Berlin gibt es einen Ersatz, der ankommt: die NochMall. Eine Hommage.
Es gibt das Glücksgefühl. Und das Solidaritätsgefühl. Das Wirgefühl auch. Und noch eins, das unterm Radar läuft: das Kaufhausgefühl. Diese Melange aus Erwartung, Sicherheit, Neugierde und schwebender Zeitlosigkeit stellt sich bei vielen ein, die ein Warenhaus besuchen. Bei mir auch. Sicher fühle ich mich, dass ich das, was ich haben will, bekomme. Und neugierig bin ich auf das, was es beim Stöbern im Kaufhaus zu entdecken gibt und mich anspricht. Als schärfe ich dabei mein Gefühl für das, was ich schön finde. Kaufen muss ich es nicht. So vergeht die Zeit. Wer ein Kaufhaus betritt, erlebt, wie er sich vom Alltagsstatisten des Einkaufens zum Komparsen des Begehrens wandelt.
Halt. Stopp! Da stimmt etwas nicht. Richtiger wäre, die vorherigen Sätze kämen nicht im Präsens daher, sondern im Präteritum. „Betrat“, nicht „betritt“. „Erlebte“, nicht „erlebt“. Warum? So viele Kaufhäuser haben dichtgemacht. Hertie, Karstadt, Kaufhof – mancherorts gibt es gar keine mehr. Passé der Kaufhausslogan „Alles, was ich will.“ Oder: „Der Kaufhof bietet tausendfach alles unter einem Dach.“
Doch jetzt die gute Nachricht: Aufs Kaufhausgefühl muss ich dennoch nicht verzichten. Ich spüre es neuerdings wieder, und zwar in der NochMall in Berlin-Reinickendorf, im Norden der Hauptstadt. Dort geht es nicht szenig zu. Ich wohne nicht weit davon.
„NochMall“ ist ein geniales Wort. Gefunden von den PR-Leuten der Berliner Stadtreinigung BSR, einem kommunalen Versorger. Das Unternehmen wirbt gern mit Sprachwitz. „Gib’s mir“, steht auf Mülleimern in Berlin. Oder: „Müllorca“, „Kot d’Azur“, „Im nächsten Leben werd ich Briefkasten“ und vieles mehr. Witzig ist das, auch wenn es kaum dabei hilft, der Vermüllung der Hauptstadt Herr zu werden.
Second Hand auf 2.000 Quadratkilometern
Nun also die NochMall. Die Mall steckt drin und noch mal – und das ist keine Lüge. Alles, was es zu kaufen gibt, wurde vorher von der BSR aus dem rausgefischt, was auf den Recyclinghöfen landet, aber noch brauchbar ist. Second Hand auf 2.000 Quadratmetern und zwei Etagen. Die sind unterteilt in diverse Bereiche. Haushaltswaren, Möbel, Deko, Sport, Kleidung, Bücher, Elektrogeräte, Musikinstrumente, Spielwaren, Medien.
Zero Waste – das ist der schöne Begriff, der das alles leitet. Die Müllentsorger haben eigens eine Abteilung, die sich mit Müllvermeidung beschäftigt. Und eine für Innovation. Frieder Söling gehört dazu. Jetzt sitzt er im Café der NochMall an einem Tisch, den es für 49 Euro zu kaufen gibt und auf einem Stuhl für 28 Euro. Das Inventar des Cafés wechselt ständig, wie auf einem Basar.
Söling, bis vor Kurzem Geschäftsführer der NochMall GmBH, oder nostalgischer: Kaufhausdirektor, kann davon berichten, wie es zum Gebrauchtwarenkaufhaus kam. Dass sie in andere Städte gefahren seien, wo es ähnliche Einrichtungen gibt, München, Wien, Stockholm, um zu gucken, wie die das machen. Dass sie auf jeden Fall Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt schaffen wollten, was ihnen gelungen ist, 35 sind es. „Annehmen, sortieren, säubern, Regale auffüllen, Kunden beraten, kassieren – das sind zeitintensive Aufgaben.“
An ein Kaufhaus sei nicht zuerst gedacht worden, als sie 2018 anfingen, erzählt Söling. Zuerst hätten sie aus dem, was auf den Recyclinghöfen ankommt, noch brauchbare Waren aussortiert und es etwa von Sozialkaufhäusern oder Büchertischen abholen lassen. Das war für die betreffenden Projekte, die meist mit Ehrenamtlichen arbeiten, jedoch nicht zu leisten gewesen. Zu viel sei angefallen. Deshalb die Idee mit dem Kaufhaus, sagt Söling: „2020 haben wir dann die NochMall eröffnet, mitten in der Coronapandemie.“
Frieder Söling, NochMall-Betreiber
Zu ihren Zielen zählt dabei, dass sie den bestehenden Second-Hand-Strukturen keine Konkurrenz machen wollten. Zu den Besonderheiten gegenüber vergleichbaren Konzepten gehört auch, dass sie das ganze Warensortiment bedienen wollen, um möglichst viele Dinge aus dem Müll zu retten. Und dass sie ein Ambiente vor sich sahen, das an die Kaufhäuser von früher erinnerte. Deshalb die großzügige Gestaltung. „Da soll Luft zwischen den Dingen sein“, sagt Frieder Söling.
Mehr als eine halbe Million Waren verkauft
Es scheint zu funktionieren. „2025 hatten wir 420.000 Besucher und Besucherinnen.“ Am Eingang ist ein Kundenzähler installiert. An Tagen unter der Woche seien um die 1.000 Kund*innen in der NochMall. „An Samstagen aber ist der Zulauf riesig, da kommen im Schnitt 2.000“, sagt Söling, „Manchmal sind die Regale leer geräumt und müssen schnell wieder aufgefüllt werden.“ 650.000 Waren seien im vergangenen Jahr über den Ladentisch gegangen, 550 Tonnen Müll so vermieden worden.
Anders gerechnet: 1.500 Tonnen CO2 wurden durch den Wiederverkauf gebrauchter Waren eingespart. „Mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, immerhin entspricht es über 500.000 Liter verbranntem Diesel.“ Frieder Söling mag es nicht, wenn Leute sagen, sie könnten nichts bewirken.
Eine Idee, um die Wahrnehmung zu stärken, dass bewusster Konsum einen Unterschied macht, gibt es. Nämlich auf den Kassenbons auszuweisen, wie viel CO2 durch den Kauf von etwas eingespart wurde. Bisher sei es bei der Idee geblieben. „Innovation darf man nicht nur wirtschaftlich und technisch denken, sondern auch sozialökologisch und nachhaltig“, sagt Söling. Deshalb auch die vielen Veranstaltungen in der NochMall – Repair-Cafés, Versteigerungen, Workshops zur Nachhaltigkeit und zum Upcyceln. Selbst Weihnachtsfeiern und Totenschmause seien schon im Café veranstaltet worden. So entsteht Community.
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2027 will die NochMall schwarze Zahlen schreiben. „Und wenn das gelingt, ist an Expansion gedacht.“ Wohin? In den Süden der Stadt, dahin, wo Berlin szeniger ist. „Wir müssen der BSR echt danken, dass sie das Konzept so unterstützt.“
Viele Waren, die wiederverkauft werden, werden von den Berliner*innen direkt zur NochMall gebracht – es gibt eine Annahmestelle vor Ort. „Ich bin beeindruckt, was die Leute uns schenken“, sagt Frieder Söling. Inzwischen kann man Sachen gegen eine Gebühr abholen lassen. Bringt man gute Sachen hin, kriegt man einen 10-Prozent-Gutschein für den nächsten Kauf. So geht Kundenbindung.
Bei mir wirkt’s. Ich komme gern. Gleich hinter der Eingangssperre der NochMall gibt es die Haushaltswaren. Sie sind mein Safe Space. Denn wenn ich in den anderen Abteilungen nichts finde, finde ich sicher ein Glas, eine Tasse, einen Teller. Manchmal auch eine Blumenvase. Wenn ich später merke, die gefällt mir doch nicht, gebe ich sie beim nächsten Mal wieder ab. So ist mein Konsumverhalten Teil eines Kreislaufs.
Die Lampe in unserem Arbeitszimmer, der Stuhl im Wohnzimmer, der Toaster, alles haben wir aus diesem Kaufhaus. Das Beste ist das Schränkchen, das nun in unserem Flur steht. Vollholz, Design der 50er/60er Jahre. „Mit Midcentury können Sie keinen Fehler machen“, sagt ein junger NochMall-Mitarbeiter. Der Satz versöhnt mit dem Muff von damals.
Und jetzt das Allerbeste: Selbst Freundinnen aus dem In-Bezirk Kreuzberg besuchen uns, um mit uns in der NochMall zu shoppen. Dort frönen wir dem Kaufhausgefühl. Wir sind so oldschool.
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