Frustrierte Jugend in Indien: Proteste gegen Rekrutierungsreform
Weil sie sich um die Aussichten auf einen sicheren Job beim Militär gebracht fühlen, protestieren junge Inder:innen gegen eine Reform der Rekrutierung.
![Polizisten und Demonstranten stehen sich direkt gegenüber Polizisten und Demonstranten stehen sich direkt gegenüber](https://taz.de/picture/5623843/14/Indien-1.jpg)
Viele Anwärter:innem vermuten, dass die Regierung damit Leistungen der Renten- und Krankenversicherung sparen will. Auch wurde das Rekrutierungsalter auf bis zu 23 Jahre angehoben, was jetzt die Zahl der Bewerber:innen erhöht.
„Wir werden reingelegt“, sagte ein Anwärter aus Bihar dem TV-Sender NDTV enttäuscht. Er sorge sich, was nach den ersten vier Ausbildungsjahren passieren wird. „Wir werden dann arbeitslos sein,“ fürchtet ein anderer.
Bisher war das Rekrutierungsalter bis 21 Jahre beschränkt gewesen. Doch sollen laut der Regierung nun auch Anwärter:innen der vergangenen zwei Pandemiejahre eine Chance bekommen.
Brennende Eisenbahnzüge, zertörte Busse, zwei Tote
Die Ankündigung des neuen Nachwuchsprogramms für die Streitkräfte erboste allerdings so viele, dass es von Bihar im Osten bis ins südliche Secunderabad sogar zu gewaltsamen Unruhen kam.
Eisenbahnzüge wurden in Brand gesteckt, Busse wurden zerstört. Bisher gab es schon zwei Tote. Die Wut zielt darauf, dass selbst nach einem Erfolg beim Auswahlverfahren die Aussichten auf Weiterbeschäftigung bei Militär samt lebenslanger Krankenversicherung und später einer Pension sinken könnten.
Auch Militärexperten warnen vor dem neuen Rekrutierungsprogramm, doch oft nur anonym. Auf der Online-Plattform The Wire wird vor „Touristensoldaten“ gewarnt, die sich negativ auf das Organisationsethos und die operative Effizienz des Militärs auswirken würden.
Doch letztlich zeigen die Proteste vor allem, wie frustriert Indiens Jugend und wie groß das Problem der Arbeitslosigkeit ist.
Hindunationalisten sehen in Reform Chance für Disziplin
Generalleutnant Anil Puri erklärte, in die Randale verwickelte Anwärter würden von der Aufnahmeprüfung ausgeschlossen. Laut Verteidigungsminister Rajnath Singh werde die Reform nicht zurückgenommen.
Hindunationalistische Regierungpolitiker lobten die Reform als Chance für junge Menschen, Disziplin und Gehorsam zu entwickeln, was ihrem Leben zugute käme. Andere warfen der Opposition vor, Jugendliche zum Protest anzustiften.
Die Oppositionspolitikerin Priyanka Gandhi Vadra (Kongress-Partei) erklärte: „Dieses Vorhaben wird die Jugend des Landes zugrunde richten, wird die Armee zerstören“.
Andere Oppositionsparteien, Gewerkschaften und Jugendorganisationen schlossen sich den Protesten an. Versuche, die Wut auf der Straße einzudämmen, haben bisher noch keinen großen Erfolg gebracht.
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