Frauen*streik am 09. März: Störung im Betrieb
Ein Tag nach dem Frauentag wird am 9. März zum Frauen*streik aufgerufen. Das Töchter-Kollektiv will sichtbar machen, wer den Alltag trägt.
Am 9. März soll die Arbeit in Büros oder Betrieben, sondern auch in Küchen, Kitas, Pflegeheimen oder Wohnzimmern stillstehen. Unter dem Motto „Ohne uns steht alles still“ ruft das Töchter-Kollektiv zum Frauen*streik auf. Auch andere feministische Initiativen wie das Bündnis Enough! Genug! mobilisieren rund um dieses Datum zu Aktionen. Der Streik folgt bewusst auf den Internationalen Frauentag am 8. März, der in diesem Jahr ja auf einen Sonntag fällt. Gemeint ist mehr als nur ein Demonstrationstag: Frauen sollen bezahlte und unbezahlte Arbeit niederlegen – und damit sichtbar machen, wer den Alltag eigentlich trägt und was geschieht, wenn diese Arbeit kollektiv verweigert wird.
Warum gerade jetzt? Die Widersprüche sind längst messbar. Noch immer verdienen Frauen in Deutschland im Durchschnitt rund 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Über das Erwerbsleben summiert sich dieser Abstand und erhöht das Risiko von Altersarmut. Gleichzeitig übernehmen Frauen weiterhin den Großteil unbezahlter Sorgearbeit: Pflege von Angehörigen, Kinderbetreuung, Organisation des Alltags. Während Gleichstellung politisch beschworen wird, geraten soziale Infrastrukturen unter Druck, Kitas und Pflegeeinrichtungen arbeiten am Limit.
Für Jennifer Follmann vom Töchter-Kollektiv ist der Aufruf gerade jetzt kein Zufall. Viele Menschen hätten sich zuletzt politisch ohnmächtig gefühlt. Der Streik solle diese „Schockstarre“ durchbrechen. „Wir haben gerade nur noch diese Möglichkeit der Kehrtwende“, sagt sie. Wenn Rechte beschnitten würden und politische Debatten sich verschärften, müsse man den Moment nutzen, „um noch etwas herumreißen zu können“.
Jennifer Follman, Töchter-Kollektiv
Politische Streiks setzen dort an, wo die empfindlichen Stellen von gesellschaftlichen Abläufen liegen: bei der Arbeit. Produktionsstillstand gilt seit jeher als Druckmittel sozialer Bewegungen. Der Frauenstreik greift diese Logik auf – erweitert sie aber. Denn nicht nur Fabriken oder Büros halten Gesellschaften am Laufen. Auch die Sorgearbeit in Haushalten, Pflege und Betreuung sichert täglich die sozialen Grundlagen des Alltags. Bis heute leisten Frauen den Großteil dieser oft unbezahlten Arbeit und sind auch überdurchschnittlich häufig in schlecht bezahlten Care-Berufen beschäftigt.
Die Voraussetzung wirtschaftlicher Produktivität
Was oft als private Aufgabe gilt, trägt tatsächlich das Funktionieren der ganzen Gesellschaft. Die feministische Ökonomie beschreibt Care-Arbeit seit Jahrzehnten als zentrale Voraussetzung wirtschaftlicher Produktivität. Follmann spricht deshalb von „unsichtbarer Arbeit“, ohne die der Alltag nicht funktionieren würde. Gleichzeitig betont sie eine Grenze der Strategie. Anders als manche Unterstützer:innen formuliert das Töchter-Kollektiv seinen Aufruf bewusst nicht als Generalstreik.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Politische Generalstreiks sind im deutschen Streikrecht nicht vorgesehen und könnten Beschäftigte ohne gewerkschaftlichen Schutz rechtlichen Risiken aussetzen. „Wir wollen niemanden in Gefahr bringen“, sagt Follmann. Stattdessen setzt die Bewegung auf unterschiedliche Formen der Beteiligung – von Demonstrationen bis zu „stillem Protest“ im Alltag, etwa durch kurze Arbeitsunterbrechungen, Banner aus Fenstern oder das bewusste Aussetzen von Sorgearbeit.
Eine Idee mit Tradition
Der Blick zurück zeigt, dass diese Idee Tradition hat. Am 24. Oktober 1975 legten in Island rund 90 Prozent der Frauen ihre Arbeit nieder, um gegen Lohnungleichheit und mangelnde Anerkennung von Care-Arbeit zu protestieren. Reykjavik kam ins Stocken, Betriebe schlossen, Kinderbetreuung fiel aus. Der „Women’s Day Off“ machte sichtbar, dass gesellschaftliche Ordnung täglich reproduziert wird – und unterbrochen werden kann.
Auch in Deutschland wurde diese Machtprobe bereits versucht: 1994 riefen feministische Gruppen im Streit um die Neuregelung des Paragrafen 218 zu einem bundesweiten Frauenstreik auf. Hunderttausende beteiligten sich an Aktionen und Demonstrationen. Doch der Protest blieb anlassbezogen und entwickelte weder dauerhafte Strukturen noch eine breite gewerkschaftliche Verankerung.
Heute sind die Voraussetzungen andere. Mobilisierung funktioniert schneller, Netzwerke entstehen über soziale Medien. „Die Zugänge sind barrierefreier geworden“, sagt Follmann. Auch das Töchter-Kollektiv – das sich als Reaktion auf die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz, man solle doch „seine Töchter fragen“, was er mit „Problemen im Stadtbild“ meine, formierte – ist rasch gewachsen: Inzwischen organisieren sich Hunderte Menschen in lokalen Gruppen, viele von ihnen erstmals politisch aktiv.
Der Frauenstreik steht zudem in einem internationalen Zusammenhang. In Argentinien mobilisierte die Bewegung „Ni Una Menos“ mit Streiks gegen Femizide, in Spanien beteiligten sich Millionen an feministischen Arbeitsniederlegungen rund um den 8. März, in Polen gingen Frauen massenhaft gegen Abtreibungsverbote auf die Straße. Solche Erfahrungen dienen auch in Deutschland als Bezugspunkt. Gleichzeitig sieht Follmann Unterschiede in der politischen Kultur. In Deutschland, sagt sie, ordneten sich viele Menschen stärker bestehenden Strukturen und Regeln unter. Protest müsse hier oft erst gelernt werden. „Wir sind nicht renitent genug gegenüber unseren Strukturen.“
Ob am Ende tatsächlich Betriebe stillstehen oder vor allem Plätze gefüllt werden, ist noch offen. Kritiker:innen werden den 9. März als Symbolpolitik abtun. Für Jennifer Follmann greift dieser Vorwurf zu kurz. Die Reaktionen auf den Aufruf – von Spott bis zu offenen Angriffen in sozialen Medien – deuten für sie eher darauf hin, dass das Thema nervös macht. „Ich glaube, das ist Angst“, sagt sie.
Für das Töchter-Kollektiv ist der 9. März ohnehin ein Anfang. Die dezentralen Strukturen der Bewegung sollen bestehen bleiben, weitere Demonstrationen sind geplant. Bleibt politische Reaktion aus, müsse man überlegen, so Follmann, „wo man nachschärfen kann und wo es für Institutionen unbequemer wird“.
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