Forscher über museale Erwerbspraktiken: „Die Kolonisierten wurden eingeschüchtert“
Erpressung war gang und gäbe: Provenienzforscher Aziz Sandja ergründet, wie in der Kolonialzeit rituelle Objekte in europäische Museen kamen.
taz: Herr Sandja, welche Provenienzen erforschen Sie aktuell in Hamburgs Museum am Rothenbaum (MARKK)?
Oussounou Abdel-Aziz Sandja: Wir erforschen, wie sich der deutsche Afrikaforscher Leo Frobenius und französische Sammler in Mali – damals französische Kolonie – zwischen 1880 und 1914 Objekte der Bevölkerung vor Ort angeeignet haben. Und wie diese Dinge in deutsche Museen wie das MARKK und das Musée du Quai Branly in Paris kamen. Da es auch um die malische Perspektive geht, ist neben dem Frankfurter Frobenius-Institut auch das Nationalmuseum Mali an dem deutsch-französischen Projekt beteiligt.
taz: Was für Objekte untersuchen Sie?
Sandja: Religiöse Masken und andere rituelle Gegenstände, die zentraler Bestandteil der Bamanakultur sind. Um herauszufinden, ob sie freiwillig oder unter Druck gegeben wurden, arbeiten wir mit malischen Forschenden zusammen. Abordnungen aus Mali haben schon mehrfach die Hamburger und Pariser Bestände begutachtet. Parallel laufen in Mali Gespräche mit der Bevölkerung und Ritualspezialisten zu den religiösen Objekten.
taz: Was wird da abgefragt?
Sandja: Zum Beispiel, ob eine bestimmte Maske jemals verkauft worden wäre. Die kolonialen Forscher und Sammler haben oft gesagt, sie hätten die Objekte rechtmäßig erworben. Wenn aber Menschen aus dem Herkunftsland sagen: „Ein spirituell so wichtiges Objekt wäre niemals verkauft worden“, ist das – neben dem Studium der Archive – für uns ein wichtiger Hinweis für die Einschätzung der Erwerbungsskontexte.
taz: Wie kam zum Beispiel Frobenius an die Objekte?
Sandja. Indem er Kontakt zu Geheimgesellschaften suchte, um Zeremonien beizuwohnen und zum Beispiel wichtige Gegenstände oder Masken zu erhalten, die ihm sonst verwehrt worden wären.
taz: Ging das so leicht?
Sandja: Eigentlich ist der Zugang zu diesen Geheimgesellschaften und Zeremonien reglementiert. Selbst innerhalb der Community dürfen nur erwachsene Männer teilnehmen, die mehrere Initiationsstufen durchlaufen haben. Aber Frobenius hat seine Position als weißer Forscher im Kontext des kolonialen Herrschaftssystems ausgenutzt, um Druck auszuüben, damit sie wider besseres Wissen initiierte und spirituelle Objekte herausgaben.
„Provenienz-Parcours“ – Werkstattgespräch mit Provenienzforschenden und Kurator:innen des MARKK: 9. April, 19 Uhr, MARKK, Rothenbaumchaussee 64, Hamburg. Eintritt frei.
taz: Womit hat er gedroht?
Sandja: Wenn ihm Dinge verweigert wurden, drohte er, die Einheimischen bei der französischen Kolonialmacht zu verleumden, sie wegen vorgeblicher Verbrechen anzuzeigen. Vorm französischen Militär hatten die Leute Angst, also gaben sie ihm oft, was er wollte. Frobenius soll bei Verhandlungen auch eine Bewaffnung zur Schau getragen haben, um einzuschüchtern.
taz: Und die Franzosen haben weggeschaut?
Sandja: Nein. Aber ihre eigenen Forscher arbeiteten mit ähnlichen Methoden. Irgendwann haben sie Frobenius dann Spionage vorgeworfen, aber ohne Konsequenzen. Tatsächlich hat Frobenius für das deutsche Kaiserreich Berichte darüber verfasst, wie schlecht die Franzosen ihre Kolonien verwalten. Das war Teil des Konkurrenzkampfs zwischen Kolonialmächten. Dabei waren sowohl die Deutschen als auch die Franzosen – wie alle Kolonialmächte – zu Unrecht in Afrika und hatten kein Recht, Boden- und Kulturschätze zu rauben.
taz: Sie werten auch erstmals Frobenius’ Expeditionsberichte aus. Welche Haltung spricht aus ihnen?
Sandja: Seine Dokumentationen sind vom rassistischen Duktus seiner Zeit geprägt. Zugleich zeigt sich eine Ambivalenz: Frobenius wertet die Einheimischen ab und betont zugleich die Einzigartigkeit und den künstlerischen Wert ihrer Artefakte. Dieser Widerspruch schockiert mich auch persönlich immer wieder.
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