Forschende über K.-o.-Tropfen: „Es kann genauso tagsüber passieren“
Jede 15. Frau fürchtet, ihr wurden heimlich K.-o.-Tropfen verabreicht. Die Ängste seien teils fehlgeleitet, sagen Antonia Bendau und Twyla Michnevich von der Charité.
taz: Frau Michnevich, Frau Bendau, Sie forschen an der Berliner Charité zu K.-o.-Tropfen. Was genau versteht man darunter?
Antonia Bendau: Wir forschen zur heimlichen Verabreichung von psychoaktiven Substanzen. Wissenschaftler*innen sprechen dabei von „Spiking“, im Sinne von „beimischen“. Den Begriff K.-o.-Tropfen nutzen wir nicht, weil er suggeriert, dass immer Substanzen zum Einsatz kommen, die k. o. machen, die Schwindel, Müdigkeit oder Erinnerungslücken auslösen.
taz: Ist das nicht so?
Bendau: Es können auch stimulierende Stoffe wie MDMA verwendet werden, bei denen man einen erhöhten Herzschlag hat, schwitzt und vielleicht kontaktfreudiger ist als normalerweise. Der Begriff Tropfen legt zudem nahe, dass die verabreichten Substanzen immer flüssig sind. Es kann sich jedoch auch um Pulver handeln oder um zerriebene Tabletten.
taz: Die Bundesregierung hat im Februar eine große Dunkelfeldstudie zu Gewalterfahrungen veröffentlicht, „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“, kurz LeSuBiA. 6,7 Prozent der Frauen gaben darin an, schon mal K.-o.-Tropfen bekommen zu haben, also jede 15. Frau. Hat Sie diese hohe Zahl überrascht?
Twyla Michnevich: Zunächst muss man sagen, dass diese Studie einmalig ist in der bisherigen Forschung. Erstmals gibt es repräsentative Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland vermuten, Spiking erlebt zu haben. Das ist ein großer Fortschritt.
Bendau: Wir haben selbst eine Studie durchgeführt im Nachtleben, da vermutete sogar ein Viertel der Befragten, dass ihnen das passiert sei. Insofern hat uns die Zahl in der LeSuBiA-Studie nicht überrascht. Wichtig finde ich zudem festzuhalten, dass nicht nur jede 15. Frau, sondern auch rund jeder 30. Mann in Deutschland davon ausgeht, Opfer von Spiking geworden zu sein. Dieser Aspekt wird im Diskurs oft nicht beleuchtet. Es gibt viele Vorurteile über Spiking, die die Realität nur verkürzt wiedergeben.
Twyla Michnevich ist Assistenzärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin. Seit 2023 ist sie Mitglied der Arbeitsgruppe Recreational Drugs und leitet Projekte zum Spiking.
Antonia Bendau ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Sie ist Co-Leiterin der Arbeitsgruppe Recreational Drugs.
taz: Was meinen Sie?
Michnevich: Schon die Bandbreite der Stoffe ist deutlich größer, als man gemeinhin annimmt. In der öffentlichen Debatte über K.-o.-Tropfen werden meist die als Liquid Ecstasy bezeichneten Substanzen GHB und GBL genannt. Allerdings gibt es in internationalen Befunden keinen Anhaltspunkt dafür, dass diese Substanzen am häufigsten verabreicht werden. Es werden zum Beispiel auch Cannabinoide sowie sedierende Mittel wie Benzodiazepine nachgewiesen und eben stimulierende Substanzen wie Amphetamine und MDMA.
Bendau: Wir stellen auch fest, dass Stereotype – der anonyme männliche Täter mischt mir im Club etwas ins Getränk – nicht das ganze Spektrum von mutmaßlichen Verdächtigen abbilden. Auch im Bekanntenkreis kann Spiking vorkommen, nicht nur an öffentlichen Orten, auch im häuslichen Setting oder bei privaten Treffen wie Dates. Man verbindet Spiking meist mit dem Nachtleben, aber es kann genauso tagsüber passieren.
Michnevich: Die Annahmen und Ängste, die durch die gesellschaftlichen Narrative befeuert werden, sind ein Stück weit fehlgeleitet.
taz: Bei den Angaben in der LeSuBiA-Studie handelt es sich um Selbsteinschätzungen. Wie oft können heimlich verabreichte Substanzen im Labor nachgewiesen werden?
Michnevich: Das ist nicht einfach, weil manche Substanzen nur innerhalb von zwölf Stunden im Blut und Urin aufscheinen. In Studien in Großbritannien und Australien wurden Proben von Menschen untersucht, die sich mit dem Verdacht auf Spiking innerhalb dieses Zeitfensters in die Notaufnahme begeben hatten. Auch wir forschen dazu an der Charité. Die Ergebnisse ähneln sich. Viele der mutmaßlich Betroffenen geben an, wissentlich Alkohol konsumiert zu haben, es wird oft eine Alkoholintoxikation festgestellt. Häufig lassen sich auch andere Drogen nachweisen, die die Menschen absichtlich konsumiert haben. In 5 bis 20 Prozent der Fälle wird eine Substanz gefunden, die die Betroffenen nicht wissentlich konsumiert haben.
taz: Das heißt, nur bei einem Bruchteil bestätigt sich der Verdacht auf K.-o.-Tropfen auch im Labor?
Michnevich: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das so ist.
taz: Kann man daraus schließen, dass das Phänomen insgesamt überschätzt wird?
Bendau: Nein, das würden wir so nicht sagen. In den Notaufnahmen lässt sich Spiking zwar nur bei einem kleinen Teil nachweisen. Allerdings gibt es auch Betroffene, die gar nicht wissen, dass sie Opfer von Spiking sind. Das hat der Pelicot-Prozess in Frankreich ja drastisch gezeigt.
Michnevich: Recherchen von Strg_F haben Chatgruppen aufgedeckt, in denen sich Nutzer dazu austauschen, wie sie Frauen betäuben und vergewaltigen können. Diese Gruppen haben bis zu Zehntausende Mitglieder. Wir wissen schlicht nicht, wie viele Menschen von diesen Straftaten betroffen sind.
taz: Könnte es auch sein, dass Täter neue Substanzen nutzen, die im Labor noch unbekannt sind?
Michnevich: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr, sehr gering. Die Proben werden im Labor in ihre chemischen Bestandteile aufgetrennt, die Ergebnisse werden dann mit ständig aktualisierten Datenbanken abgeglichen. Bei neuen Designerdrogen wird das molekulare Grundgerüst nur leicht abgewandelt, das kann man dann auch zuordnen.
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taz: Sie sagen, dass sich in den Proben häufig Alkohol nachweisen lässt. Welche Rolle spielt der beim Spiking?
Michnevich: Es wird vermutet, dass wahrscheinlich die meisten Menschen mit Alkohol gespikt werden, also dass ihnen heimlich mehr Alkohol verabreicht wird, als sie eigentlich konsumieren wollen, wenn etwa ein Extrashot untergemischt wird.
taz: Alkohol ist die verbreitetste Form von K.-o.-Tropfen?
Michnevich: Man geht davon aus. Über 80 Prozent der Personen in den Studien haben wissentlich Alkohol konsumiert. Im Labor lässt sich nicht unterscheiden, ob es sich um bewusst eingenommenen oder heimlich verabreichten Alkohol handelt. Das wird nicht als bestätigtes Spiking gezählt.
taz: Es kann auch sein, dass sich jemand beim Trinken verschätzt und einen Filmriss hat.
Michnevich: Das kommt sicherlich vor. Wobei sich Menschen ja meist in die Rettungsstellen begeben, weil ihr Konsum mit der Wirkung, wie sie sie kennen, nicht zusammenpasst. Die Betroffenen suchen dann nach einer Erklärung, Spiking kann eine sein.
Bendau: Auch wie über das Thema berichtet wird, beeinflusst die Zahlen. Da lassen sich Wellen feststellen. Wenn krasse Beispiele von Spiking in den Medien sind, gibt es auch mehr Verdachtsfälle. Wir wissen dann nicht: Erkennen die Leute schneller, dass ihnen das tatsächlich widerfahren ist? Gibt es vielleicht Nachahmungstäter*innen und dadurch mehr Fälle? Oder ist das Thema präsenter, und der Verdacht auf Spiking kommt deshalb häufiger auf? Darüber lässt sich keine Aussage treffen.
taz: In Frankreich meldeten sich bei der Fête de la musique im Juni nach Berichten auf Social Media zahlreiche junge Menschen, die meinten, mit Spritzen attackiert worden zu sein. Weil sich nichts nachweisen ließ, gingen danach viele von einer Massenpanik aus.
Bendau: Die pauschale Einordnung solcher Schilderungen als Massenpanik finde ich nicht hilfreich. Insbesondere weil die Betroffenen in jedem Fall ernst genommen werden sollten, unabhängig vom toxikologischen Befund. Es gibt schnell diese Wertung, dass gesagt wird: Die bilden sich das alles nur ein. Das ist problematisch. Allein zu glauben, einem sei das passiert, kann sehr schlimm sein.
taz: Welche psychischen Auswirkungen hat so ein Verdacht?
Bendau: Ob bestätigt oder nicht: Die Betroffenen erleben einen Kontrollverlust. Sie haben Symptome, die sie nicht zuordnen können, diese Ungewissheit ist sehr belastend. Mittelfristig können sie beispielsweise eine Angststörung entwickeln, sie meiden vielleicht Partys, schränken sich ein. So ein Erlebnis kann sogar posttraumatische Symptome auslösen. Das hängt davon ab, was passiert ist. Wenn es im Zusammenhang mit dem Spiking einen gewaltvollen Übergriff gab, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass das gravierendere psychische Folgen nach sich zieht.
taz: Kann man traumatisiert sein von etwas, das man möglicherweise gar nicht erlebt hat?
Bendau: Wenn die Person Erinnerungslücken hat und ansonsten keine Bedrohung subjektiv wahrgenommen wurde, kann die Ungewissheit zwar sehr belastend sein. Das erfüllt jedoch nicht das Traumakriterium. Wenn jemand aber zum Beispiel die Kontrolle über den Körper verliert, irgendwo liegt, starke Angst hat und gleichzeitig keine Möglichkeit, aus dieser Situation herauszukommen, dann kann das sehr wohl eine posttraumatische Symptomatik nach sich ziehen, mit Triggern und Flashbacks.
taz: Die Bundesregierung hat angekündigt, den Einsatz von K.-o.-Tropfen bei Raub- oder Sexualdelikten gefährlichen Werkzeugen und Waffen rechtlich gleichzustellen. Ihr Einsatz könnte dann härter bestraft werden. Wie finden Sie das?
Bendau: Gut. Einzig der Begriff K.-o.-Tropfen ist – wie erwähnt – nicht ideal. K.-o.-Tropfen wurden übrigens kürzlich auch im Kontext eines weiteren Gesetzes thematisiert: des Verbots von Lachgas und GBL/BDO, das an diesem Sonntag in Kraft tritt. Darin werden die Substanzen GBL und BDO synonym zu K.-o.-Tropfen verwendet …
taz: … was, wie wir jetzt wissen, irreführend ist.
Bendau: Genau. Das verstärkt wieder Stereotype zum Spiking.
taz: Von der Bundesregierung kann man erwarten, dass sie da differenzierter draufschaut?
Bendau: Unbedingt. Wir würden uns – nicht nur im Umgang mit Begrifflichkeiten – eine stärkere Einbeziehung der Forschung wünschen. Das Wissen über Spiking mag bislang noch sehr begrenzt sein. Aber das, was man weiß, sollte doch berücksichtigt werden.
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