Foodwatch über Zuckerwerbung: „Die Zuckerlobby arbeitet gegen wissenschaftliche Erkenntnisse“
Zuckerverbände arbeiten mit Fehlinformationen, sagt Foodwatch-Pressesprecherin Sarah Häuser. Eine Zuckersteuer versuche sie mit allen Mitteln zu verhindern.
taz: Frau Häuser, foodwatch fordert weniger Zucker in Limos. Aktuell tut das auch eine Bundesratsinitiative. Ähnliches wurde zudem kürzlich als Reformvorschlag für die Krankenkassen genannt. Mögen Sie denn die Zero-Varianten?
Häuser: Ich trinke allgemein kaum Limos, weil ich immer denke, viel zu viel Zucker. Und die mit Süßstoffen als Ersatz schmecken mir nicht. Ich bevorzuge meistens einfach Wasser.
taz: Forderung nach einer Steuer auf zuckrige Getränke gibt es seit Jahren: etwa von der WHO, der Bundesärztekammer oder wissenschaftlichen Institutionen. Die Bundesregierung sträubt sich trotzdem. Ist das der Einfluss der Zuckerlobby?
Häuser: Es ist eine Mixtur aus einer starken Lobby und einer absoluten ideologischen Verbohrtheit seitens der Politik. Es gibt irrationale Vorbehalte gegenüber politischen Maßnahmen für eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke, die dann mit Bevormundung gleichgesetzt werden.
taz: Wer ist die Zuckerlobby?
Häuser: Wichtig ist der Lebensmittelverband Deutschland. Dann die Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE), das sind beides Lebensmittelbranchenverbände. Die äußern sich ziemlich prominent gegen die Zuckersteuer. Dann gibt es auch die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker. Gemeinsam mit dem Verein der Zuckerindustrie sind das die Zuckerverbände.
taz: Mitglied bei den Zuckerverbänden ist auch Südzucker, der größte Zuckerhersteller der Welt. Mehr als eine Million Euro gab das Unternehmen zuletzt für Lobbyarbeit aus. Wie geht die Zuckerlobby vor?
Häuser: Sie säen Zweifel am gesundheitlichen Effekt einer Zuckersteuer. Häufig heißt es, nicht Zucker sei das Problem, sondern die allgemeine Kalorienmenge. Was Quatsch ist. Es ist wissenschaftlich bestens belegt, dass zuckergesüßte Getränke ein Haupttreiber für Adipositas und Typ-2-Diabetes sind. Gerade in Deutschland wird extrem viel Zucker über Erfrischungsgetränke konsumiert – mehr als über Süßigkeiten. Die Zuckerlobby arbeitet gegen wissenschaftliche Erkenntnisse. Auf ihren Websites behauptet sie ziemlich viel Blödsinn. Eine Plakatkampagne heißt zum Beispiel „Kein echter Norden ohne Zucker“.
taz: Worum geht es dabei?
Häuser: Auf einem Plakat ist etwa eine traurige Oma zu sehen, die sich angeblich wegen der Zuckersteuer keine Zuckerwürfel für ihren Ostfriesentee mehr leisten kann. Das ist aber faktisch falsch. Es geht lediglich um eine Herstellerabgabe für Limonaden, wie etwa in Großbritannien. Senken die Hersteller den Zuckergehalt, wird das Getränk nicht teurer. Die populistische Plakatkampagne erweckt aber gezielt den Eindruck, dass generell Lebensmittel mit Zucker teurer gemacht werden sollen. Hinter der Aktion stehen der BVE und der Lebensmittelverband. Die wissen selbst, dass das nicht stimmt. Trotzdem machen sie sehr emotional Stimmung gegen die Steuer.
taz: Als in Großbritannien 2018 die Zuckersteuer auf Limonaden eingeführt wurde, setzte die damalige Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) stattdessen auf eine Selbstverpflichtung der Unternehmen. Was halten Sie davon?
Häuser: Wenig. Gemeinsam mit der Industrie einigte sich Klöckner, dass bis 2025 Hersteller 15 Prozent weniger Zucker in Getränken verwenden wollen. Nach dem Motto, man muss nur lieb fragen, dann macht das die Industrie von selbst.
taz: Hat das geklappt?
Häuser: Nein, im letzten Bericht des Max-Rubner-Instituts, das die Entwicklungen dafür prüft, steht, dass bisher 9 Prozent weniger Zucker enthalten sind. Das Ministerium des aktuellen Bundesernährungsministers Alois Rainer (CDU) hat das in einer Pressemitteilung bewusst falsch interpretiert und 15 Prozent daraus gemacht. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum hat sich der Zuckergehalt in Getränken in Großbritannien um 35 Prozent reduziert. Die Fanta dort ist jetzt etwa halb so zuckrig wie in Deutschland.
taz: Das heißt, Selbstverpflichtungen bringen wenig?
Häuser: Genau. Wir haben ein riesiges Problem mit Adipositas und ungesunder Ernährung. Es braucht endlich wirksame Maßnahmen. Laut dem Publik Health Index der AOK hinkt Deutschland da extrem hinterher. Es gibt kaum ein Land, das sich weniger mit der Industrie anlegt.
taz: Aktuell will eine Bundesratsinitiative die Zuckersteuer nach britischem Vorbild, gestartet vom schleswig-holsteinischen Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Die Finanzkommission für die gesetzlichen Krankenkassen schlug kürzlich dasselbe vor. Ist der Moment der Zuckersteuer gekommen?
Häuser: Hoffentlich. Aber Rainer war bisher dagegen. Obwohl er als Ernährungsminister eine Verantwortung für eine gesunde Ernährung hat und nicht gegenüber der Lobby. Fachgesellschaften, Verbraucherverbände sind dafür und auch die Bevölkerung ist so weit. Eine Steuer auf Limos ist kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Schritt.
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