Bericht vom Filmfestival in Venedig: Diesem Kino geht es gut
Die 83. Filmfestspiele von Venedig enden mit dem Goldenen Löwen für „Woman Unknown“. Für die israelische Doku „NAZA“ gibt es den Spezialpreis.
Foto: Yara Nardi/reuters
Geraune hatte es vorab schon gegeben. Der Film „Woman Unknown“, hieß es, werde in Venedig einen wichtigen Preis gewinnen. Dass er am Ende den Hauptpreis der 83. Mostra internazionale d’arte cinematografica erhielt, kam dennoch überraschend. Schließlich hatte dieser Wettbewerb eine Reihe bemerkenswerter Beiträge zu bieten. Über den Goldenen Löwen freuen kann sich May el-Toukhy, die einzige Regisseurin im Wettbewerb, die ihren Film allein verantwortlich geleitet hat. Womit sie eine auch für Venedig in diesem Jahr ungewöhnliche kleine Minderheit bildete.
Dass die Jury unter der Leitung von Maggie Gyllenhaal jetzt so dezidiert el-Toukhy aus dem Wettbewerb hervorgehoben und auch ihre Hauptdarstellerin Mathilde Arcel als beste Darstellerin geehrt hat, könnte man vor dem Hintergrund als ausgleichende Gerechtigkeit interpretieren. Dem Film würde das allein aber nicht gerecht.
„Kvinde ukent“, wie der dänische Originaltitel lautet, ist ein präzise inszenierter Historienfilm über die Übergangszeit nach der deutschen Besatzung Dänemarks im Zweiten Weltkrieg. Die Farben sind blass gehalten, die meisten Figuren wirken kränklich. Dazu Interieurs mit dunklem Holz, in dem einiges an Muff zu hängen scheint, selbst wenn es sich um edles Mobiliar handelt. Die Menschen in diesem Nachkriegskopenhagen gehen bestenfalls förmlich miteinander um, in der Regel sind sie so hart wie streng.
In dieser Atmosphäre der Enge lebt Marie, die Hauptfigur, in existenzieller Angst. Sie arbeitet als Hausmädchen für einen verwitweten Fabrikbesitzer, der sie heiraten will. Ihre Vergangenheit könnte diese Pläne aber gefährden. In einer Szene sieht Marie, wie auf offener Straße einer Frau brutal die Haare geschoren werden. Auf diese demütigende Weise wurde kenntlich gemacht, wenn eine Frau mit einem Nazi eine Beziehung eingegangen war oder ein Kind von ihm bekommen hatte. An Maries erschrockener Reaktion ist zu erkennen, dass sie fürchtet, selbst enttarnt zu werden.
„Woman Unknown“ ist konsequent und stilsicher inszeniert. Er zeigt sowohl den Überlebenskampf in der wiedergewonnenen Freiheit Dänemarks als auch die Doppelmoral im Umgang mit bestimmten Formen der Zusammenarbeit. Die Frauen jedenfalls werden für ihre „horizontale Kollaboration“ für alle gut sichtbar gebrandmarkt. Für Männer gilt das nur bedingt. Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann ist es die stereotype und flache Zeichnung der Figuren um Marie herum. Sie allein offenbart charakterliche Schattierungen. Alle anderen bekommen ein weit beschränkteres Repertoire an Gesten zugestanden. Ungeachtet dieses dramaturgischen Ungleichgewichts ging der Preis für die beste weibliche Hauptdarstellerin verdient an Mathilde Arcel in der Rolle von Marie.
Arbeiterschicht und Finanzelite
Die zweitwichtigste Auszeichnung, der Große Preis der Jury, erhielt nicht minder verdient der Film „Possible Love“ von Lee Chang-dong. In seiner Gesellschaftskritik im Kleinen begegnen sich Arbeiterschicht und Finanzelite in einer Weise, sodass man vorübergehend an Freundschaft denken möchte. Zwei Ehepaare, das eine arm, das andere reich, werden von Lee Chang-dong behutsam zusammengeführt und lernen sich immer besser kennen. Am Ende werden sie sich zu gut kennengelernt haben. Dass Netflix den Film in sein Programm aufgenommen hat, spricht keinesfalls gegen ihn. Etwas Besseres dürfte der Streamingdienst dieses Jahr nicht mehr bekommen.
Ambivalent dagegen der Regiepreis für Ilja Chrschanowski und seinen Film „DAU“, mit dem er sein Monumentalprojekt über den sowjetischen Physiker Lew Landau zum Abschluss gebracht hat. „DAU“ überwältigt in vielen Szenen mit seiner detailversessenen Ausstattung und unerwarteten Bildern, tendiert aber, vor allem in seiner zweiten Hälfte der gut drei Stunden, zu repetitivem Leerlauf, wenn der Protagonist seines Films sich mehr und mehr in seine Sexbesessenheit steigert.
Die Darstellerpreise für John Malkovich in Martin McDonaghs „Wild Horse Nine“ und die junge Schauspielerin Malou Khebizi in Cédric Kahns „15/18“, desgleichen der Drehbuchpreis für „Un bon petit soldat“ von Stéphane Brizé, ehren allesamt Filme, die auch in anderen Kategorien hätten ausgezeichnet werden können. In jedem Fall kann man sich freuen, dass sie auf diese Weise berücksichtigt sind.
„Kollateralopfer“ in Gaza
Der Spezialpreis der Jury würdigt in diesem Jahr den einzigen Dokumentarfilm des Wettbewerbs, „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor. Die Regisseure waren zuvor mit ihrem gemeinsam mit Basel Adra und Hamdan Ballal gedrehten Dokumentarfilm „No Other Land“ vor zwei Jahren auf der Berlinale vertreten. In „NAZA“ führt Yuval Abraham Interviews mit ehemaligen Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF). Sie schildern ihr Vorgehen im Gazastreifen nach dem 7. Oktober 2023. Um die Beteiligten unkenntlich zu lassen, sind ihre Stimmen verändert und es wurde nachts auf Hochhausdächern von Tel Aviv gefilmt. Statt der Gesichter der Soldaten sieht man lediglich ihre Silhouetten.
Ihre Berichte machen sprachlos. Die Interviewten berichten von strategischen Überlegungen beim Vorgehen gegen die Hamas und die Zahl der dabei in Kauf genommenen „NAZA“, der „Kollateralopfer“. So bombardiere man Hamaskämpfer oft, wenn sie zu Hause bei ihren Familien seien, weil dies „einfacher“ sei, als sie im Kampf aufzuspüren. Die Familien seien vorher belauscht und ihre Mobiltelefone nach Bildern durchsucht worden, um die Wohnung für den bevorstehenden Beschuss besser einschätzen zu können.
Man kann diesen Ausführungen nicht unbeteiligt lauschen. Ungeachtet dessen, dass sie keine genuinen Enthüllungen sein mögen. Abraham und Szor wollen mit ihrem Film vielmehr Angaben bestätigen, die zuvor von den Websites +972 Magazine und Local Call in Zusammenarbeit mit dem Guardian veröffentlicht wurden. Dass sie durch „NAZA“ ein noch einmal größeres Publikum erreichen, ist zu erwarten. Die Standing Ovations nach der Premiere dauerten 25 Minuten.
Hochhausfassaden in Tel Aviv
Gleichwohl lässt einen „NAZA“ mit Fragen zurück, die der Film selbst nicht stellt. Das beginnt auf der Bildebene. Zwischen die Interviewszenen schneiden Abraham und Szor regelmäßig die Ansichten von Hochhausfassaden in Tel Aviv. Da es Nacht ist, sind viele Fenster erleuchtet, in den Räumen sieht man etwa Menschen auf Sofas, im Hintergrund laufen oft Fernseher. Dazu ist aus dem Off unter anderem zu hören, wie die IDF systematisch Häuser im Gazastreifen bombardiert hat.
Ohne es auszusprechen, suggeriert der Film so eine Unbeteiligtheit der israelischen Bevölkerung. Sie wird aber eben auch nicht dazu befragt. Wie in der Öffentlichkeit über solche Themen gesprochen wird, erfährt man nicht, andere Stimmen als die der Soldaten kommen nicht zu Wort. In der inszenatorischen Nüchternheit steckt dadurch zugleich eine klare moralische Botschaft. Ob weitere Fragen dazu erwünscht sind, bleibt unklar.
Das Kino, wie es sich dieses Jahr in Venedig präsentiert hat, mag von Krisen ganz unterschiedlicher Art erzählen und geprägt sein. Von einer Krise des Kinos war jedoch nichts zu merken. Die Kunstform hat erst recht keine Schwierigkeit, relevant zu bleiben. Inhaltlich wie künstlerisch.
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