Feuer im Hürtgenwald: „600 Meter nichts als Flammen“
Der größte Waldbrand in Nordrhein-Westfalen ist offiziell vorbei. Die Feuerwehr findet bis zum Schluss Glutnester unter einzelnen Bäumen. Anwohnende sind geschockt.
„Dort, ein aktives Glutnest!“ Leo stoppt das Quad. Die ausgestreckte Hand des Feuerwehrmanns deutet auf ein leichtes, aber gut sichtbares Rauchwölkchen. Zwischen den Bäumen, im Schein der sich im Wald brechenden Sonne kräuselt es sich in die Höhe. Leo steigt ab, holt von der kleinen Tragefläche des Quads eine Schaufel, will sich die Sache von Nahem ansehen. „Immer auf den Wind achten“, sagt er über die Schulter gewandt, „die Bäume hier können jederzeit umkippen. Von innen völlig verkohlt, sieht man oft nicht“.
Eine Woche lang hat hier im Hürtgenwald ein Feuer gewütet. Es hat sich sprichwörtlich in den Boden und in die Bäume gebrannt. Der Feuerwehrmann zeigt auf eine Fichte. Sie steht noch. Doch von unten hat sich das Feuer tief hineingefressen, es lebt in ihrem Stamm, der zu einem kokelnden Kohlenest geworden ist. Eine kurze Windböe, Leos Blick wendet sich gen Baumwipfel, doch unten, am Fuße der Fichte, glimmt es kurz auf. Zwischen grau-schwarzen Kohleresten sieht man sie kurz: aktive Glut. Es ist die Gefahr, die auch noch Tage nach dem Flammenmeer im Wald lauert.
Am Donnerstag vor einer Woche hatte hier irgendwo alles angefangen, in dem Wald, 20 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernt, ganz im Westen von Nordrhein-Westfalen. Anfangs war das nicht unüblich für einen Sommer, sagt Leo. „Kleine Bodenbrände haben wir regelmäßig.“ Gegen die kämen sie stets auch an mit der freiwilligen Feuerwehr, die es hier nur gibt. Aber vorige Woche, „das war schnell was anderes“. Ein Wipfelbrand, ein Feuer, das sich unkontrolliert ausbreitete, durch den Wald fraß. Und der Ortschaft Gey bedrohlich nahekam. Es wurde der größte Waldbrand in der Geschichte des größten Bundeslandes.
Mittlerweile sind die offenen Flammen schon seit Tagen gelöscht. Aber das Feuer ist noch nicht gänzlich aus dem Wald vertrieben. Aus der Luft per Drohne und immer wieder auf Erkundungsfahrten wie dieser wird der finale Kampf geführt. Und an diesem Donnerstag soll der „Deckel drauf gemacht“ werden.
Apokalyptisch verkohlte Bäume
„Heute sieht's hier schon wieder ganz anders aus als gestern“, brüllt Feuerwehrmann Leo gegen das Aufheulen des Motors des Quads an, das er gegen Mittag durch den Wald manövriert. „Alles neue Schneisen, die geschlagen wurden, damit wir auch final überall hinkommen.“ Kurz überlegt er: hier nun rechts oder links? Die Umgebung sieht apokalyptisch aus, verkohlte Bäume, der Boden an vielen Stellen eine einzige schwarze Oberfläche. Aufgeweicht und schlammig von Millionen Litern Wasser, die die Brände bekämpften, die abgeworfen wurden von Hubschraubern und gepumpt durch kilometerlange in den Wald verlegte Schläuche.
Anwohner Helge berichtet von den Stunden des Brandausbruchs am Nachmittag des 13. Augusts. Er bewohnt das letzte Haus vor dem Wald, gleich gegenüber seiner Einfahrt windet sich der Weg, der zur zentralen Verteidigungslinie für die Ortschaft Gey werden sollte, in den Wald.
Er beobachtete, wie die Freiwillige Feuerwehr zunächst den Wald betrat, doch dann auch wieder herauskam. „Ich will nicht sagen ‚flüchtete‘“, erzählt Helge, aber die folgende Ansage sei klar gewesen: „Leute, haut ab!“ Er und seine Frau hätten dann das Wichtigste in ihre Autos geräumt und das in der Einfahrt stehende Wohnmobil „runter ins Dorf“ in Sicherheit gebracht.
Nicht nur Helge musste gehen. Im Waldabschnitt gegenüber Helges Einfahrt bildete sich die Front im Kampf gegen die Flammen. Immer rasanter breitete sich der Brand aus. Mitten in der Nacht dann die Entscheidung: Die ganze Ortschaft muss evakuiert werden. Rund 1.800 Menschen wurden mit Lautsprecherdurchsagen aus ihren Häusern gebeten, als der Ort leer war, wurden Haustiere nachevakuiert. Innerhalb weniger Stunden war Gey zum Frontplatz geworden in einer sich entwickelnden Großereignislage mit Krisenstäben bis in NRW-Ministerien.
„600 Meter nichts als Flammen“
Als Helge mit seiner Frau das Haus verließ, war die Aussicht auf die Hügel des Waldes gespenstisch: „Der Kamm war rot – auf einer Breite von bestimmt 600 Metern nichts als Flammen.“
Gey wurde zum Schauplatz des Kampfes gegen die Flammen und zum Symbol für die Folgen des Klimawandels. Das Feuer traf Nordrhein-Westfalen nach einer außergewöhnlichen Trockenperiode: Laut Deutschem Wetterdienst erlebte NRW den trockensten Juli seit Beginn der Aufzeichnungen 1881. Im Landesdurchschnitt fielen nur 18 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Beim vorherigen Negativrekord aus dem Jahr 2018 waren es noch 26 Liter gewesen.
Laut eines Berichts des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima sind die Böden stellenweise bis in fast zwei Meter Tiefe ungewöhnlich trocken. Dürrewerte dieser Größenordnung würden mancherorts nur in Abständen von Jahrzehnten erreicht. Explizit nennt der Bericht von Anfang August Monschau und den Hürtgenwald als eine der trockensten Regionen des Landes.Genau in dieser Landschaft und unter diesen Vorbedingungen begann es hier zu brennen.
Noch ist ungeklärt, wodurch das Feuer in Gey entstanden ist. Die Mehrzahl der Waldbrände in Europa wird durch menschliche Aktivitäten ausgelöst, doch erst anhaltende Hitzeperioden, trockene Vegetation und Wind können aus einem Brandereignis eine Katastrophe machen. Die Europäische Umweltagentur beschreibt genau diese Entwicklung: Sommerliche Waldbrände, die lange vor allem mit dem Mittelmeerraum verbunden waren, treten zunehmend auch in Mittel- und Nordeuropa auf. Dass solche Bilder längst nicht mehr nur aus dem Süden Europas kommen, ist deshalb die eigentliche Nachricht dieses Sommers.
Binnen Stunden breitete sich der Brand auf einer Fläche von rund 300 Hektar aus, war im Hürtgenwald zwischenzeitlich nicht nur schwer zu kontrollieren, sondern wurde im wahrsten Sinne des Wortes explosiv: 1944 fand hier auf den Hügeln und in den Tiefen des Waldes eine der verlustreichsten Schlachten der US-Armee auf ihrem Vormarsch gen Westen statt. Bis heute ist der Boden des Waldes voll mit Kriegsmunition. Einsatzkräfte meldeten während des Brands wiederholt Explosionen im Boden. Anwohnende berichten der taz, häufig Detonationen aus dem Wald heraus gehört zu haben.
Die Bank als Erinnerungsstück
„Heute darf man doch auch wieder lachen, oder?“, vergewissert sich Stephan Cranen bei Umherstehenden. Und dann lacht er kräftig, der Bürgermeister der Gemeinde Hürtgenwald. Breit lächelnd macht er Erinnerungsfotos mit Helfern auf der Holzbank, die für die Ortschaft Gey bereits jetzt ein kleines Denkmal wurde. Ein Handwerker des Ortes fertigte sie an und stellte sie auf dem zentralen Dorfplatz ab, der zur Einsatzzentrale geworden war.
Cranens Hand liegt auf der Lehne der Bank, mittig, direkt auf dem groß geschriebenen „Danke! – Den Einsatzkräften des Waldbrandes bei Gey“. Der Bürgermeister wirkt erleichtert und ein wenig stolz, wenn er von den vergangenen sieben Tagen erzählt.
Foto: Friedrich Kraft
Im Einsatz waren neben der Freiwilligen Feuerwehr Hürtgenwald und Berufsfeuerwehren aus der Region auch Landes- und Bundespolizei, das THW, Kampfmittelräumdienst, Bergepanzer und Hubschrauber der Bundeswehr sowie eine international erfahrene Spezialfirma, die mit kontrollierten Gegenfeuern Flammen mit Flammen bekämpften. In der Spitze standen rund 1.800 Einsatzkräfte dem Feuer gegenüber – ebenso viele, wie Bewohnende des Ortes evakuiert werden mussten.
Ein heftiger Funkenregen
Die erste Einsatzzentrale war auf einem Feld errichtet worden und musste geräumt werden, weil der Wind sich drehte, erzählt Cranen. Ein heftiger Funkenregen aus dem Wald erzwang den Umzug. „Gott sei Dank“, sagt er, seien gerade Ferien, da sei man dann ins Schulgebäude umgezogen. „Jeder hatte da seinen eigenen Raum“, die Feuerwehr, das THW, die Bundeswehr. Er und andere seien dann von Raum zu Raum gegangen, alles entwickelte eine „unglaubliche Geschwindigkeit“.
Erst Mitte der Woche, am 18. August, war der Brand unter Kontrolle. Da fiel die Zuständigkeit vom Kreis Düren zurück an die Gemeinde. Man habe die Schule geräumt und die Einsatzzentrale auf den Dorfmittelpunkt gleich hinter der Freiwilligen Feuerwehr verlegt.
An diesem Donnerstag ist wieder Ruhe eingekehrt. Auf Bierbänken wird zu Mittag gegessen, während sich Bürgermeister und Einsatzführung zur Lagebesprechung zusammenstellen. Helfende des Roten Kreuzes, die hier eine Woche lang für die Verpflegung zuständig waren, organisieren währenddessen den Abtransport der übriggebliebenen Lebensmittel an eine Einrichtung der Tafel im Kreis Düren.
In der Nacht waren nur noch 65 Einsatzkräfte im Einsatz, am morgen wird ihre Zahl auf 35 heruntergeschraubt: auf jene, die aus der Luft und per Quad den Wald weiter kontrollieren. Am Nachmittag gibt der Bürgermeister dann das offizielle Brandende per Pressemitteilung bekannt. Zur gleichen Zeit beginnen schon die nächsten Planungen: Ein Fest soll stattfinden, für alle Helfer und Bewohnenden von Gey.
„Bei mir gingen die Lichter aus“
Helges Haus es steht noch. Es gab zwar keinen Schaden durchs Feuer, dafür jede Menge Wasser in seinem Haus. Weil es derart nah am Wald stehe und ein Gastank nebenan zusätzlich für Gefahr sorgte, sei das Dach durchgängig bewässert worden.
Was das alles für ihn bedeutet, ist noch unklar. Bei ihm setzte erst so langsam die Verarbeitung ein, erzählt er. „Während des Brandes war ich immer der Taffe, weil meine Frau sehr viel Angst vor Feuer hat“, erzählt er. Aber danach, „nachdem ich wieder zurück durfte, ist bei mir alles ausgegangen. Lichter aus.“ Auch bei ihm hat sich das Feuer tief eingebrannt. „Mir geht es immer noch ziemlich scheiße. Ich bin auch diese Woche nicht arbeiten gegangen.“ In den letzten Tagen konnte er sich immerhin im Garten abreagieren, weil einiges aufzuräumen war.
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