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Fake News und ManipulationEffektive Meme-Warfare

Essay von

Katja Muñoz

Im Krieg macht jetzt auch KI staatliche Propaganda, wobei Memes ihn als kalkulierte Kommunikationsinstrumente zu einer scheinbar harmlosen Unterhaltung machen.

Eine Frau schaut ein Video im Lego-Stil über den Iran-Krieg Foto: dpa

W er in den letzten Monaten soziale Medien genutzt hat, ist künstlich generierten Lego-Animationen über Militärschläge begegnet, die wie harmlose Internetkultur wirken, aber dennoch Millionen erreichen. Dahinter stecken jedoch keine Teenager, sondern Staaten.

Künstliche Intelligenz (KI) verändert nicht nur, was kommuniziert wird, sondern auch, wie politische Realität wahrgenommen wird. KI ist ein Werkzeug zur Inhaltserstellung und bestimmt über Plattformalgorithmen, welche Informationen Menschen erhalten, wie sie diese verarbeiten und bewerten. Diese Entwicklung vollzieht sich nicht nur in Wahlkämpfen oder auf den Konten anonymer Trolle. Sie findet heute auf den offiziellen Kanälen von Staaten statt, mitten im Krieg, in Echtzeit und mit millionenfacher Reichweite.

Im Kontext des Krieges mit Iran kann man sehen, wie alle Kriegsparteien damit begonnen haben, KI-generierte Inhalte als Teil ihrer offiziellen Kommunikation einzusetzen. Im Vordergrund stehen dabei Memes, also Medieninhalte, die sich vorrangig im Internet verbreiten und oft humorvoll oder satirisch sind.

Schlange schnappt Mann
Illustration: Yorgos Konstantinou
Beilage zum Tag der Pressefreiheit 2026

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Der Iran nutzt unter anderem Lego-Animationen, sogenannten KI-Slop, der minderwertige, massenhaft KI-erzeugte Inhalte ohne Mehrwert darstellt. Die USA teilen SpongeBob- und Iron-Man-Memes, um geopolitische Eskalationen zu kommentieren. Memes sind dabei keine Randerscheinung mehr, sondern ein kalkuliertes Kommunikationsinstrument.

Unfreiwillig zum Multiplikator einer staatlichen Botschaft

Das Kalkül dahinter ist einfach: Ein Lego-Format löst keine Abwehrreflexe aus. Eine Animation wirkt nicht wie eine Pressemitteilung des Außenministeriums. Genau das ist der Punkt. Die Flachheit dieser Inhalte ist das Prinzip. Inhalte, die unterhaltsam genug sind, um jeden kognitiven Widerstand zu umgehen, erreichen Zielgruppen, die klassische staatliche Kommunikation längst weggeklickt hätten.

Hinzu kommt ein Effekt, dessen politische Wirkung unterschätzt wird: Schadenfreude. Niemand, der den westlichen Diskurs beobachtet, steht hinter dem iranischen Regime. Und dennoch schauen viele gebannt auf iranische Meme-Propagandavideos, die die USA effektiv vorführen und ins Lächerliche ziehen. Man lacht, teilt und kommentiert. Dabei wird man unfreiwillig zum Multiplikator einer staatlichen Botschaft.

Was diese Inhalte so wirksam macht, ist nicht nur ihre Form, sondern auch ihre Verbreitung. Soziale Medien fungieren dabei als globaler Distributionsvektor. Offizielle Kanäle stellen die Inhalte bereit, doch die eigentliche Reichweite entsteht durch Millionen von Reshares, Reaktionsvideos und Kommentaren.

Besonders wirkungsmächtig sind dabei kurze Clips, da sie plattformübergreifend funktionieren, ohne Kontext konsumiert werden können und sich innerhalb von Stunden viral verbreiten. Dadurch können potenziell auch jene erreicht werden, die sich stark mit solchen Themen beschäftigen.

Was bleibt, ist eine dringende Aufgabe. Medienkompetenz im klassischen Sinne, Fakten prüfen, Quellen hinterfragen, greift hier zu kurz

Meme-Warfare oder klassische Propaganda?

Ein außenpolitischer Referent, der sich tagsüber intensiv mit diplomatischen Analysen beschäftigt, stößt abends privat auf die iranischen Lego-Videos. Am nächsten Morgen sind die Memes noch in seinem Kopf, und zwar mindestens genauso präsent wie das tagespolitische Geschäft. Wer glaubt, professionelle Distanz schütze vor dieser Form der Beeinflussung, unterschätzt, wie tief sich unterhaltsame Inhalte ins menschliche Gedächtnis einschreiben.

Sprechen wir hier über Meme-Warfare? Oder über klassische Propaganda? Uns fehlen noch die richtigen Begriffe, um bestehende Konzepte anzupassen. Wann ist koordinierte staatliche Kommunikation eine Einflusskampagne und wann ist sie legitime Außenpolitik? Die alten Kriterien greifen nicht mehr, wenn Propaganda wie ein Meme aussieht und ein Meme wie Propaganda wirkt.

Was bleibt, ist eine dringende Aufgabe. Medienkompetenz im klassischen Sinne, Fakten prüfen, Quellen hinterfragen, greift hier zu kurz. Wer die Echtheit eines Lego-Clips prüft, verpasst die eigentliche Frage. Was wir brauchen, ist die Fähigkeit zu erkennen, wann Unterhaltung als Überzeugung arbeitet, bevor wir bereits mitgelacht haben.

Katja Muñoz forscht bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin zu sozialen Medien, KI, Demokratie und Sicherheit.

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