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Propaganda in russischen FilmenUkrainische Nazis und der dämonische Westen

Russische Filme über den Ukrainekrieg bemühen platte Klischees und Staatsnarrative. Wozu der Krieg gut sein soll, können sie trotzdem nicht beantworten.

Eine Szene aus dem Film „Der Zeuge“ Foto: in_rating/vk

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Meduza öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen Text auf Russisch lesen Sie hier.

Seit 2022 sind in Russland Dutzende Filme und Serien über den Krieg in der Ukraine erschienen. Das unabhängige Medium Meduza hat diese Produktionen ausgewertet und festgestellt: Sie sind voller Klischees. Zugleich zeigen sie deutlich, wie sich die Narrative der staatlichen Propaganda verändert haben. Es geht um „ukrainische Nazis“, die „Verteidigung des Donbass“ und die „Verbrechen der ukrainischen Streitkräfte“.

Doch bei genauer Betrachtung lässt sich in den Filmen noch mehr erkennen: die völlige Gleichgültigkeit der Filmemacher. Wie Propagandaklischees aus den 2000er Jahren weiterentwickelt wurden. Und: eine tiefe Verbitterung über die russische Regierung.

In den vier Jahren, die der Krieg in der Ukraine bereits tobt, haben die russischen Behörden versucht, eine alternative Kultur zu schaffen – ohne Künstler mit „antimilitaristischer Haltung“ und „nichttraditionellen Werten“. Allerdings gelingt dies nur schwer: Filme über den Krieg mit der Ukraine werden zwar gedreht, aber gesehen werden sie nur widerwillig.

Hakenkreuze und satanistische Rituale

Ein Beispiel: In dem Film „Zeugen“ wird die gute Kameraarbeit durch das Drehbuch zunichtegemacht. Es wimmelt darin von faulen Übertreibungen: Etwa das goldene Relief mit Naziführer Adolf Hitler im Hauptquartier der ukrainischen Streitkräfte. Oder die Szene, in der ukrainische Soldaten einen Musiker zwingen, die Hymne der Naziluftwaffe zu spielen.

Propagandaklischees werden geradezu wörtlich genommen: Wenn Soldaten der ukrainischen Streitkräfte „Nazis“ sind, dann müssen sie Hakenkreuze tragen; wenn es um den Schutz der russischsprachigen Bevölkerung im Donbass geht, muss gezeigt werden, wie die Ukrainer diese buchstäblich ausrotten.

In dem Film „SVOi. Eine Ballade über den Krieg“ scheint zunächst die Empathie für die Protagonisten – die russischen Soldaten – wichtiger zu sein als die Dämonisierung des Feindes. Doch auch dieses Gefühl wird am Ende des Films zunichtegemacht: Soldaten der ukrainischen Streitkräfte marschieren in ein Dorf ein und erschießen ohne Gerichtsverfahren Zivilisten. Und nebenbei, einfach aus Boshaftigkeit, auch noch ein Huhn.

Hinzu kommt: Russische Filme über die Invasion können die Frage, wozu dieser Krieg eigentlich gut sein soll, nicht eindeutig beantworten. Die üblichen Argumente der Propagandisten helfen dabei nicht weiter. Denn es gelingt den Filmemachern nicht, diese auf natürliche Weise in die Handlung einzubinden. Die Argumente der Fernsehpropaganda über „Nazis“ und sogar „Satanisten“ in der Ukraine werden unverblümt auf die Leinwand übertragen. In „Der Zeuge“ beispielsweise nehmen ukrainische Soldaten an einer Art satanistischer Orgie mit rituellem Mord teil.

Der Westen als Feind

Das Argument, dass der Krieg zum Schutz der Bevölkerung des Donbass notwendig sei, veranschaulichen die Filmemacher ganz direkt. In „Der Zeuge“ planen ukrainische Soldaten in einer Szene am Vorabend des 24. Februar die Eroberung des Donbass und einen Angriff auf Russland. „Die Faust ist schon geballt, jetzt muss man nur noch zuschlagen, bis nach Rostow“, sagt einer von ihnen während der Vorbereitungen für den Einmarsch.

Die russischen Behörden bequemten das Bild eines „Kriegs gegen den Westen an der ukrainischen Front“ erst mit Beginn der Teilmobilmachung im September 2022. Der Film „Die Besten in der Hölle“, der im Oktober 2022 in die Kinos kam, war seiner Zeit wohl voraus. Darin werden die Gegner ohne heroische oder dämonisierende Züge dargestellt – und es kämpfen nicht einmal „Russen“ gegen „Ukrainer“, sondern „Weiße“ gegen „Gelbe“.

Für die Macher von „Die Besten in der Hölle“ ist es besonders wichtig zu zeigen, wer genau die „Brüder“ gegeneinander aufgebracht hat. Der Film positioniert durch den Monolog des Erzählers den Krieg in der Ukraine als Bürgerkrieg, der von einem weitaus hinterhältigeren Feind – dem Westen – organisiert wurde.

In dem Film „Aldan“ wird der „Krieg gegen den Westen“ dann wörtlich genommen: Der Hauptschurke – der unter anderem versucht, ein kleines ukrainisches Mädchen für den Verkauf an reiche Europäer in Organe zu zerlegen – ist ein US-Amerikaner. Und alle Feinde, einschließlich der Ukrainer, sprechen Englisch.

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