Schutz von Journalisten durch KI: Reale Infos von virtuellen Sprechern
In Venezuela überlebt der Journalismus Zensur und Repression mithilfe von Kooperationen, technologischer Innovation und der Unterstützung aus dem Exil.
In den frühen Morgenstunden des 3. Januar 2026 wurden die Venezolaner durch Explosionen geweckt. Während US-Militärs strategische Orte in Venezuela bombardierten und Präsident Nicolás Maduro und seine Frau gefangen nahmen, suchten verängstigte Venezolaner in den sozialen Netzwerken nach Informationen darüber, was gerade geschah. Journalisten im Inland und im Exil bekamen verzweifelte Anrufe von Familienangehörigen, Freunden und Kollegen. Doch es gab keine Informationen. Unsicherheit und Angst beherrschten die Lage.
In Venezuela sind in den letzten 20 Jahren mehr als 400 Medien geschlossen worden, und auf Anordnung der autoritären Regierung von Maduro wurde der Zugang zu weiteren 43 unabhängigen Medien und digitalen Nachrichtenplattformen gesperrt. Zu Jahresbeginn saßen rund 20 Journalisten wegen der Ausübung ihres Berufes in Haft.
Innerhalb kürzester Zeit beschloss eine Gruppe von sechs im Exil lebenden Journalisten zusammen mit fünf weiteren, die in Venezuela geblieben waren, einen Livestream zu starten, um über die Geschehnisse zu berichten und der offiziellen Zensur entgegenzuwirken. Über mehr als zehn Stunden berichteten sie ununterbrochen über die Ereignisse.
Der Text ist Teil der Sonderbeilage der taz panterstiftung zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai, die zusammen mit der wochentaz erschienen ist. Das Oberthema ist Technologie und Pressefreiheit. Die Publikation wird nur durch Spenden finanziert. Vielen Dank für Ihre Unterstützung! Alle Texte aus der Beilage erscheinen auch auf taz.de im Schwerpunkt Pressefreiheit.
Um 1:50 Uhr morgens waren erste Schüsse zu hören, berichtete Jonathan Gutiérrez, Mitbegründer des Digitalmediums Historias que Laten, das zusammen mit Efecto Cocuyo, Caracas Chronicles, Cazadores de Fake News, El Pitazo, Tal Cual und Runrunes an der Übertragung teilnahm, wobei Letztere Teil der redaktionellen Koalition Alianza Rebelde Investiga sind. „Unter Zeitdruck starteten wir einen Livestream auf YouTube. Aus Sicherheitsgründen standen drei Kollegen aus der venezolanischen Diaspora vor der Kamera, während drei Redakteure im Hintergrund von Caracas aus die lokalen Produzenten waren. Wir berichteten live von den Ereignissen, die wir aus den Fenstern unserer Wohnungen beobachten konnten, überprüften Informationen und sendeten Berichte in Echtzeit. Durch diesen Stream erfuhren die Venezolaner und die Welt, dass Nicolás Maduro vom US-Militär auf Befehl von Donald Trump festgenommen und aus Venezuela herausgebracht wurde“, sagte Gutiérrez der taz panterstiftung. „Die Notwendigkeit zu berichten hat uns in diesem historischen Moment vereint. Die journalistische Berichterstattung war innovativ und beispiellos.“
Journalist:innen schließen sich zusammen
Die Übertragung erhielt den Namen „La Conversa con La Luz“ (Gespräch mit dem Licht) – die wöchentlichen Talkshows von Alianza Rebelde Investiga und Efecto Cocuyo –, die über Streamyard ausgestrahlt werden. Doch war es nicht das erste Mal, dass sich Journalisten aus Venezuela zusammenschlossen, um in einem von Zensur geprägten Umfeld weiterhin zu berichten. Vielmehr waren kollaborativer Journalismus und die Kooperation mit Journalisten im Exil entscheidend für das Überleben der Medien im Land.
Im Jahr 2024, nachdem Maduro das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom 28. Juli nicht anerkannt hatte, schlossen sich 13 venezolanische Medienplattformen unter der Koordination der Organisation Connectas zusammen, um weiterzuberichten. Sie gründeten die Allianz La Hora de Venezuela mit dem Ziel, im In- und Ausland über die Nichtanerkennung des Wahlergebnisses sowie die Repression zu berichten und die Sicherheit der Journalisten zu stärken.
Als die Regierung Maduro im August 2024 Journalisten festnahm und ausländische Korrespondenten auswies, schuf ein venezolanisches Medienkollektiv mit künstlicher Intelligenz zwei Nachrichtensprecher, genannt „La Chama“ (Junge Frau) und „El Pana“ (Der Kumpel). Immer gleichgekleidet, mit leicht roboterhaften Bewegungen, aber mit venezolanischem Akzent verkündeten beide Avatare unverblümt: „Wir sind nicht real. Wir wurden durch künstliche Intelligenz generiert, aber unsere Inhalte sind echt, verifiziert, qualitativ hochwertig und von Journalisten erstellt.“ Jede Folge von „La Chama y El Pana“ dauert etwa drei Minuten, speziell für die Verbreitung über WhatsApp konzipiert, einem der wichtigsten Informationskanäle für Venezolaner in Zeiten der Zensur.
Das Projekt Operación Retuit wurde von der Plattform Connectas zusammen mit einem Dutzend venezolanischer Medien gestartet, die sich in den Bündnissen Venezuela Vota und La Hora de Venezuela zusammengeschlossen haben. „Es ist eine gemeinschaftliche Initiative, die die Ressourcen zahlreicher Teilnehmer bündelt und die Arbeit von mehr als 100 Kollegen verstärkt. Künstliche Intelligenz wird genutzt, um Zensur und Unterdrückung zu umgehen – nicht als Modeerscheinung, sondern als Notwendigkeit im Kontext zunehmender Repression“, sagt César Batiz, Direktor des unabhängigen Medienunternehmens El Pitazo, in einem Interview mit TN.
Während die Avatare digital agierten, leistete eine andere Initiative physischen Widerstand: El Bus TV. Das Projekt entstand 2017 während heftiger landesweiter Proteste, bei denen mehr als 100 Menschen durch die Repression der Polizei ums Leben kamen. Ursprünglich war der Schwerpunkt, Fahrgästen des öffentlichen Nahverkehrs journalistische Informationen offline zu vermitteln. In den inzwischen fast zehn Jahren seines Bestehens hat sich das Medium in mindestens 10 der 28 Bundesstaaten Venezuelas mit einem Face-to-Face-Modell etabliert, das vor allem eine lokale, dienstleistungsorientierte redaktionelle Linie verfolgt.
Analoger Journalismus als Reaktion auf Zensur
In diesem Sinne „gewinnt der persönliche Kontakt einen Wert des Widerstands, einen symbolischen Wert, einen Wert der Rückkehr zum Realen“, sagt Laura Helena Castillo, Direktorin und Mitbegründerin von El Bus TV. Darüber hinaus kann dieses Modell auch zur Medien- und Demokratiekompetenz beitragen, insbesondere in der jetzigen Situation des Landes, in der die Möglichkeit eines demokratischen Übergangs besteht: „Wir haben Orte, an denen Debatten, Gespräche und Begegnungen gefördert werden.“
Hinter den sichtbarsten Initiativen verbergen sich alltägliche Praktiken, die den venezolanischen Journalismus der letzten Jahre prägen. Die Journalisten löschen WhatsApp-Unterhaltungen nach jedem sensiblen Austausch, speichern die Namen ihrer Quellen unter zufälligen Pseudonymen in ihren Kontaktlisten und verlagern ihre Kommunikation auf Signal mit programmierten Selbstzerstörungsnachrichten.
Eine weitere Sicherheitsmaßnahme sind Veröffentlichungen ohne Namensnennung oder unter kollektiven Signaturen. Angesichts der schrecklichen und zunehmenden Verfolgung nach den Wahlen war dies der logischste Schritt. „Den Autorennamen wegzulassen bedeutet, sich seiner Identität zu berauben. Die Repression hat uns unsichtbar gemacht. Der Stolz unseres Namens wurde uns genommen; selbst das nimmt dir die Regierung weg“, kommentierte eine Journalistin.
Ronna Rísquez ist preisgekrönte Investigativjournalistin aus Caracas und war 2024 mit dem Rest & Resilience Fellowship der taz panterstiftung und von Reporter ohne Grenzen in Berlin.
Gabriela Ramírez ist preisgekrönte venezolanische Multimediajournalistin und Redakteurin bei Unbias the News/Hostwriter in Berlin.
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