Transnationale Repression: Wie Hanoi gegen Trung Khoa Lê in Berlin vorgeht
Der von Berlin aus publizierende deutsch-vietnamesische Chefredakteur von Thoibao.de muss sich ständig gegen Angriffe der Regierung in Hanoi wehren. Ein Tagebuch.
August 2008 Nach einem Mediendesignstudium in Weimar gründet Trung Khoa Lê in Berlin das vietnamesischsprachige Internetmedium Thoibao.de.
Oktober 2014 Thoibao.de kooperiert mit dem vietnamesischen Staatsmedium VietnamNet, berichtet für dieses aus Berlin und übernimmt dessen Berichte aus Vietnam.
Juni 2017 Wegen eines Berichts zum G20-Gipfel in Hamburg gerät Lê in Konflikt mit Vietnams Botschaft in Berlin. Er beschrieb die Teilnahme des vietnamesischen Premiers entsprechend den offiziellen Angaben als Vertreter der Apec-Staaten, deren Vorsitz Vietnam damals hatte, und nicht als Vertreter eines der 20 wichtigsten Industriestaaten, wie Vietnams Staatsmedien es darstellten. Dem Druck der Botschaft, seinen Bericht zu ändern, beugt sich Lê nicht. Ein botschaftsnaher Vietnamese droht ihm daraufhin verklausuliert mit Mord. Lê stellt Strafanzeige.
Der Text ist Teil der Sonderbeilage der taz panterstiftung zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai, die zusammen mit der wochentaz erschienen ist. Das Oberthema ist Technologie und Pressefreiheit. Die Publikation wird nur durch Spenden finanziert. Vielen Dank für Ihre Unterstützung! Alle Texte aus der Beilage erscheinen auch auf taz.de im Schwerpunkt Pressefreiheit.
Juli 2017 Lê berichtet als erster Journalist über die Entführung des abtrünnigen Wirtschaftskaders Trịnh Xuân Thanh durch den vietnamesischen Geheimdienst von Berlin nach Hanoi. Vietnam spricht dagegen bis heute von einer freiwilligen Rückkehr eines Reumütigen. Seitdem betrachtet Hanoi Lê als Staatsfeind.
August 2017 Vietnamesische Staatsfirmen kündigen Werbeverträge mit Thoibao.de und VietnamNet den Kooperationsvertrag. Vietnams Regierung stellt Thoibao.de hinter eine Firewall.
September bis Dezember 2017 Lê beginnt daraufhin, seine Berichte auf Facebook zu posten. Seine Reichweite erhöht sich stark, doch wird Lê in sozialen Netzwerken als „Volksverräter“ und „Stinker“ beschimpft und bedroht. Zwei Vietnamesinnen filmen ihn in Berlin, stellen sein Foto als Steckbrief ins Netz und veröffentlichen Details von seinen Kindern.
Dezember 2017 Zur „Reinigung des Internets von feindlichen Inhalten“ stockt Vietnams Regierung das Militär um 10.000 sogenannte Cybersoldaten auf. Unter fadenscheinigen Vorwänden werden erstmals Facebookposts von Thoibao gelöscht.
Januar 2018 Lês Auftritt bei einem taz-Talk wird mit einem Stinkbombenanschlag bedroht, die Polizei schützt die Veranstaltung.
Von Mai 2018 bis heute ist Thoibao.de immer wieder massiven Hackerangriffen ausgesetzt. Wegen DDoS-Angriffen muss die Webseite öfter wochenlang vom Netz genommen werden. Das Bundeskriminalamt ordnet die Angriffe staatlichen Quellen zu. Lê stärkt seine IT-Sicherheit.
April bis Juli 2018 Lê berichtet von dem Prozess gegen einen Entführungshelfer von Trịnh Xuân Thanh vor Berlins Kammergericht und erreicht in Vietnam ein Millionenpublikum. Berlins Landeskriminalamt (LKA) erhält einen anonymen Hinweis mutmaßlich aus dem Umfeld von Vietnams Botschaft über eine geplante Tötung Lês mittels Vergiftung oder eines fingierten Verkehrsunfalls. Das LKA stellt Lê unter Personenschutz (bis heute).
September 2018 Facebook löscht ohne Vorwarnung Lês Facebookseiten wegen „Verstoßes gegen Community-Standards“. Reporter ohne Grenzen schaltet sich ein. Später räumt Facebook ein, dass Lê ohne sein Wissen von Unbekannten zum Administrator einer Facebookseite gemacht worden war, die massiv Community-Standards verletzte. Als Konsequenz aus dem Fall schließt Facebook weltweit diese Sicherheitslücke. Erst im Dezember 2018 kann Lê seine Facebookseiten wieder nutzen.
2019 bis heute Vietnamesische Firmen beanspruchen gegenüber Facebook und YouTube Urheberrechte für Medieninhalte von Thoibao.de. Meist haben sie diese selbst von Thoibao.de auf ihre eigenen Seiten kopiert und vordatiert. Facebook und YouTube verwarnen Thoibao.de wegen Urheberrechtsverletzung Dritter. Die finanzielle Beteiligung, die Thoibao.de an Facebooks Werbeeinnahmen wegen der sehr hohen Zugriffsrate auf die Thoibao-Seiten dort erhält, wird öfter an diese Firmen umgeleitet.
2019/2020 bis heute Immer wieder löschen Facebook und YouTube Videos von Lê, weil er bei Abbildung hoher Funktionäre angeblich deren Persönlichkeitsrechte verletzt. Nach deutschem Recht müssen Personen des öffentlichen Lebens eine Berichterstattung über sich hinnehmen, anders als Privatpersonen. In Vietnam ist das nicht geregelt.
Juli 2020 bis 2024 Vietnams Botschaft besteht darauf, dass Lê zur Verlängerung seines Reisepasses persönlich erscheint. Das LKA rät ihm aus Sicherheitsgründen ab. In seinem deutschen Einbürgerungsverfahren verweigert ihm die Botschaft später das Ablegen der vietnamesischen Staatsangehörigkeit.
Januar 2021 Der Bayerische Rundfunk und die Zeit decken auf, dass die in Kontakt mit Vietnams Regierung stehende Hackergruppe Ocean Lotus Spionagesoftware auf Computern vietnamesischer Menschenrechtsverteidiger und deutscher Firmen installiert und dies auch bei einer Mitarbeiterin von Thoibao.de in Deutschland versucht hat.
Mai 2021 Auf Facebook erscheint eine Todesanzeige für Lê, woraufhin Facebook seine Konten und die von Thoibao.de löscht. Auf Lês Widerspruch reagiert Facebook nur langsam.
November 2021 Die Facebookseiten von Thoibao.de und vietnamesischsprachigen Medien in den USA und Großbritannien werden von einem in Hanoi ansässigen Mann gekapert, hinter dem Vietnams Geheimdienst vermutet wird. Thoibao.de hat keinen Zugriff mehr auf seine Seiten, der Unbekannte publiziert jetzt dort und hat Zugriff auf alle Nachrichten von Informanten und Lesern. Meta korrigiert erst nach knapp zwei Wochen den Zugriff.
Anfang 2022 Der vietnamesische Unternehmerverband in Deutschland stellt seine Arbeit ein. Lê war 2019 in dessen Vorstand gewählt worden, doch andere Vorstandsmitglieder verweigerten die Zusammenarbeit. Einige räumten Lê gegenüber ein, auf Druck der vietnamesischen Botschaft zu handeln. Eine Neuwahl des Vorstands scheitert bis heute.
Oktober 2023 Amnesty International und das Mediennetzwerk European Investigative Collaborations decken einen nur zufällig gescheiterten Versuch auf, bei Thoibao.de die Spionagesoftware Predator zu installieren.
Januar 2024 bis heute Meta löscht die Facebookseite Thoibao.news, eine von fünf Facebookseiten des Mediums. Lês Beschwerden bleiben unbeantwortet. Zu Reporter ohne Grenzen sagte Meta im Mai 2024 zu, die Seite wiederherzustellen, was bis heute nicht erfolgt ist. Eine 2025 eingereichte Beschwerde bei der Bundesnetzagentur ist bisher ohne Ergebnis.
April 2024 Unbekannte brechen in Lês im Dong Xuan Center geparktes Auto ein, ohne etwas zu entwenden.
August 2025 Facebook stellt die Monetarisierung aller Thoibao.de-Kanäle weitgehend ein, sodass das Unternehmen kein Geld mehr für die von Facebook eingestellte Werbung bekommt, um Mitarbeiter zu bezahlen.
September 2025 bis heute Vietnams reichster Mann, Phạm Nhật Vượng, und sein Konzern Vingroup mahnen Lê wegen vier Videos ab. Berlins Landgericht weist drei der vier Klagepunkte ab, eine weitere Klage Vượngs weist das Gericht ab. Eine dritte Klage von Phạm Nhật Vượng und seinem Autokonzern Vinfast geht im Januar 2026 unentschieden aus. Einen SLAPP-Fall will das Gericht nicht erkennen.
November/Dezember 2025 Die Staatsanwaltschaft Hanoi klagt Lê und andere wegen ihrer publizistischen Tätigkeit an. Im Internet gibt es Fahndungsfotos und Aufrufe zur Selbstjustiz und Entführung aus Deutschland. Berlins Polizei verstärkt Lês Schutz. Am 31. Dezember wird er in Hanoi in Abwesenheit zu 17 Jahren Haft verurteilt wegen „Herstellung von Informationen, die sich gegen die Sozialistische Republik Vietnam richten“.
Dezember 2025 bis März 2026: Meta sperrt auf Verlangen Hanois alle Facebookseiten von Lê in Vietnam. Dort leben 95 Prozent seiner Nutzer.
Talk „Zensur ohne Grenzen“ der panterstiftung über transnationale Repression in Deutschland und Gegenstrategien mit Hannah Neumann (MdEP), Trung Khoa Lê (Thoibao.de), Leyla Mustafayeva (Qazetci) und Sven Hansen (taz), Montag, 4. Mai, 19 Uhr, taz Kantine und YouTube. Infos: taz.de/veranstaltungen
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert