Zwei Menschen an Flipboards

Illustration: Oliver Sperl

Extremismusbekämpfung in der Haft:Fremd und doch so nah

Alex ist Neonazi, Khaled Islamist. Beide Männer sitzen in Haft. Über die Begegnung zweier Extremisten und die Ähnlichkeit von Ressentiments.

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16.11.2020, 08:13 UHR

Ein grauer Bau aus glattem Beton, irgendwo in Deutschland. Hoch ragen die stacheldrahtumzäunten Gefängnismauern empor. Hinter den Mauern stapfen Männer, gegen die Kälte dick eingemummelt, im Hof umher, in Gruppen, zu zweit, allein, manche schweigend, andere ins Gespräch vertieft, viele grübelnd, rauchend, die Hände in den Hosentaschen. Über ihren Köpfen sitzen kleine vergitterte Zellenfenster. Die Mauern und Gitterstäbe scheinen mir symbolisch, angesichts der Arbeit, die mein Team und ich hier heute vorhaben. Wir wollen einer Gruppe Menschen dazu verhelfen, Mauern und Gitter in ihrem Inneren zu überwinden.

Mauern, die sie in ihrem freien Denken und Handeln einschränken, die sie am mündigen Erwachsensein in der Demokratie hindern.

Seit Jahren besuchen wir mit unseren Teams Haftanstalten. Im Rahmen von Präventionsprojekten im Strafvollzugs bieten wir Workshops für Gefangene an und kommen mit ihnen ins Gespräch: über Rollenspiele, Diskussionen, Streit und oft auch emotionale Bekenntnisse. Die jungen Männer suchen Orientierung und Halt in schwierigen Phasen. Gerade im Strafvollzug sind sie besonders anfällig für radikale Ideen, die einfache Lösungen verheißen. Fundamentalistische Gruppierungen rekrutieren hier besonders gern, sie warten förmlich darauf, die Unsicherheit der Insassen auszunutzen, ihre Sehnsucht nach Anerkennung und Neuanfang, ihren Drang nach Entlastung.

Schneller sein als die Verführer

Präventionsarbeit muss deshalb schneller sein als die Radikalen. Unser Motto lautet: Freiheit beginnt im Kopf. Unsere Gespräche bieten den Männern ein mentales Werkzeug an, um kritisch, skeptisch und konstruktiv über sich und andere nachzudenken, falsche Selbstverständlichkeiten zu bezweifeln und überhaupt Lust am Fragen zu wecken. Wir wollen Alternativen schaffen, die Psyche der Suchenden stärken und sie immunisieren gegen Radikalisierung jeder Couleur.

Zentral ist dabei, dass wir ihnen zuhören, so dass sie wissen und fühlen, dass sie angenommen und akzeptiert sind. Wir sprechen mit ihnen auf Augenhöhe und bewusst im Kontrast zu den autoritären Figuren, die sie in ihrem Leben meist von klein auf kennengelernt haben. Je gestärkter die Mündigkeit, desto geringer die Gefahr der Radikalisierung.

Die Menschen, denen wir bei dieser Arbeit in Haftanstalten begegnen, sind sehr unterschiedlich. Es gibt solche mit und solche ohne Migra­tions­hintergrund, mit Fluchtgeschichten oder hier Geborene. Außerhalb der Strafvollzugsanstalt wären sie einander vermutlich nie begegnet. Doch hinter Gittern wird aus den vielen Einzelschicksalen immerhin eines, das alle Männer miteinander teilen: Sie leben vorübergehend miteinander im Gefängnis.

Eine typische Sitzung beginnt mit einem Stuhlkreis von etwa zwölf Teilnehmern. Hier will ich an eine Runde erinnern, in der sich sowohl der Rechtsextremist Alex als auch der Islamist Khaled (Anm. d. Red: Die Namen wurden geändert) befanden. Es war ein früher Nachmittag.

Es beginnt eine besondere Erfahrung, nicht nur für diese beiden. Sie können einander nicht ausstehen, sie setzen sich so weit als möglich voneinander entfernt, nach dem Motto: Bloß nicht neben dem!

Der IS-Anhänger und der rechte Brandstifter

Khaled kam 2016 aus Syrien nach Deutschland. Inhaftiert ist er wegen der aktiven Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung „Islamischer Staat“ (IS). Alex wiederum landete im Gefängnis, weil er einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim verübte.

„Was soll ich mit Ausländern und Salafisten?“, hatte Alex verächtlich geantwortet, als er gefragt wurde, ob er an dem Workshop teilnehmen möchte. Wie Khaled lehnte er die Teilnahme zunächst ab. Mit Ungläubigen wollte er nichts zu tun haben, vermutlich auch nichts mit „Psychokram“. Schließlich überwogen bei beiden Langeweile und Neugierde. Nun sind sie dabei.

Voll Verachtung für den jeweils anderen kreuzen sich ihre Blicke. Über Stunden wird dann jeder von ihnen unser Team davon überzeugen wollen, dass er mit seinem ideologischen Hass und seinen Dogmen recht hat. Für Alex ist ein IS-Kämpfer der ultimative Feind, für Khaled ein Nazi. Doch in einem sind sich beide aber schon vor Beginn unserer Einheit einig: Beide halten auch nicht viel von mir, dem Psychologen, von unserem multiethnischen Team und von der intellektuellen wie emotionalen Aufklärung, die wir anbieten. Alex ist genervt von uns, den Ausländern. Für Khaled sind wir Muslime, die ihren Glauben vernachlässigen.

Oft verwenden wir bei unseren Workshops thea­ter­pädagogische Elemente. Kurze Rollenspiele illustrieren typische Situationen des Alltags, typische Themen im Leben der jungen Leute: Arbeit, Arbeitslosigkeit, Erfolge, Misserfolge, Sex und Liebe, Eltern und Autorität, Konflikte in der Familie. Rollenspiele, dargestellt von Mitarbeitern des Teams, haben unmittelbar emotionale Wirkung: Echte Menschen sprechen, streiten, argumentieren, leiden, lachen. Häufig macht ein Vater-Sohn-Disput den Anfang. Väter, ihre Anwesenheit oder Abwesenheit, Stärke oder Schwäche sind Schlüssel im Radikalisierungsprozess.

Da kommt also ein Vater nach Hause und sieht den Sohn vor einem Videospiel hocken. Das Verhalten des Jüngeren erzürnt den Älteren: „Du bist eine Schande für die Familie! Warum gehst du nicht zur Schule?! Deine Mutter weint sich wegen dir die Augen aus!“ Der Sohn murmelt, dass es ihm nicht gutgehe, dass er sich doch nur ablenkt … Davon will der Vater nichts hören. Er glaubt zu wissen, dass der Junge nur faul und unwillig ist: „Aus dir wird nie was werden!“, prophezeit er ihm. Am Ende des Disput verstößt er den Sohn geradezu: „Verschwinde aus meinem Blickfeld!“

In fast jedem Workshop lösen diese Szenen massive Affekte aus, die nicht gleich sichtbar werden. Anfangs finden die meisten das Verhalten des autoritären, unempathischen Vaters gut. „So sollen Väter sein, streng!“ Schließlich sei das gut gemeint, es soll ja nur dem Sohn zu mehr Disziplin verhelfen. „Was mein Vater sagt, ist heilig“, erklärte einer. Andere nicken zustimmend.

Dann aber kommt es zur Diskussion, und Bewegung kommt in die Gruppe. Einer wünscht sich, sein Vater solle mehr mit ihm sprechen, vielleicht sogar wie mit einem Freund. Andere sagen jetzt, dass sie als Kinder nie vom Vater beachtet worden seien. Schmerz kommt ans Licht, was wieder andere ermutigt, von sich zu sprechen. „Wie hätte der Vater im Rollenspiel denn anders reagieren können?“, frage ich. Und oft ernte ich fragende, hilflose Blicke. Anders, ja. Aber wie? Keine Ahnung.

Kritische Reflexion kommt erst mit dem Dialog in Gang. Scheinen sich anfangs alle einig, entstehen häufig zwei Meinungslager. Die einen kritisieren die Lieblosigkeit des Vaters in der Szene. Die anderen beharren darauf, dass er sich absolut korrekt verhalten habe: „So müssen Väter sein!“

Überraschende Einsicht: Man ist sich einig

Darin waren sich auch Alex und Khaled einig. Alex schätzte die starke Ausstrahlung des Vaters: „Der setzt sich durch!“ Khaled stimmte zu: „Ein Vater muss seine Kinder unter Kontrolle haben!“ Väter sollten klare Ansagen machen, sogar Angst einflößen, um Disziplin zu erreichen. „Die wollen ja nur das Beste.“

An diesem Punkt blicken Alex und Khaled sich an, erstaunt: Sie sind in derselben Mannschaft! Ihr erster Konsens überraschte sie beide gleichermaßen. Auch bei anderen Themen kommen diese Parallelen zum Vorschein – die Rolle der Frau, Autorität, Ressentiments gegen Juden, Schwule, Lesben …

Angenehm ist den beiden ihr Konsens nicht. Schließlich leben sie von ihren Ideologien der Abgrenzung. Doch wir entdecken gerade diese Schnittmengen in den Workshops immer wieder. Sowohl Alex als auch Khaled weisen unreflektierte Solidarität mit dem Aggressor auf, mit ambivalenten Autoritäten, unter denen sie gelitten haben. Umso aufschlussreicher ist der Blick in die Kindheit beider Männer, wie sie sich uns im Lauf der Gespräche darbieten.

Sich mit dem Aggressor zu identifizieren hat eine Schutzfunktion für Opfer. Wenn er recht hat und ich nicht, dann bleibt er richtig und mächtig, väterlich und gut. Seine Verachtung und Gewalt ergeben „einen Sinn“. Kinder retten so das Bild des guten Vaters, der guten Mutter, das sie dringend benötigen, um Vertrauen in die Welt haben zu können und die Illusion aufrechtzuerhalten, dass sie geliebt werden – oder würden, wenn sie sich nur richtig verhielten. Zudem bekämpft das Kind mit der Identifikation seine natürliche Wut und Enttäuschung. Wenn „ich das verdient habe, dann hat der Vater recht und ich bin schlecht“. Bleibt die Wut unbewusst und unterdrückt, meidet das Kind auch die Schuldgefühle, die durch die Wut gegen den „guten Vater“ entstehen. Würde es sich auflehnen, wäre es schuldig, bekäme noch weniger Zuneigung und noch härtere Strafen. So passen sich Opfer mehr und mehr dem Denken und Verhalten ihrer Peiniger an, bis sie im späteren Leben selbst zum Täter werden und Gewalt legitimieren.

Schutz hätten Alex und Khaled als Kinder gebraucht. Der deutsche Rechtsextremist erlebte als Kind einen gewalttätigen Alkoholiker-Vater und eine desinteressierte Mutter. Der syrische Häftling wuchs bei einer alleinerziehenden Mutter auf, mit der ungestillten Sehnsucht nach einem Vater. Der war früh in ein arabisches Scheichtum gegangen und hatte die Familie in Syrien allein gelassen. Alle zwei Jahre kam er zu Besuch, mehr aus Pflichtgefühl. Später stellte sich heraus, dass er im Ausland eine zweite Familie und weitere Söhne hatte.

Am Tag tröstete Khaled seine depressive Mutter, nachts kämpfte er selbst damit, dass seine Halbbrüder die Liebe des Vaters bekamen und er nicht.

Die Psyche der Radikalen verstehen

Je mehr wir von der Psyche solcher Radikaler verstehen, desto deutlicher werden die Parallelen. Alex und Khaled fehlt basales Vertrauen, beiden fehlt eine liebevolle, verantwortungsvolle Vaterfigur, ein Vorbild, einer, der ihnen vermittelte, dass sie und ihre Umwelt gut sind. Beide fühlten sich entwertet und erniedrigt, anstatt aufgehoben.

Alex suchte wegen seiner gestörten Beziehung zum Vater und seines Minderwertigkeitsgefühls den Halt woanders. Er glaubte, ihn als Teenager gefunden zu haben, in einem Jugendklub, wo Neonazis ein und aus gingen. Zum ersten Mal im Leben fühlte er sich akzeptiert und gehörte rückhaltlos dazu. Je mehr er in Sprache und Habitus den Vorbildern nacheiferte, desto stärker sah er sich „respektiert“. Seine Wut über den Liebesmangel in der Familie durfte jetzt in Aggressionen gegenüber Ausländern ein Ventil finden: „Die sind schuld!“

Khaled hingegen fand Halt unter fundamentalen Islamisten, die ihm die Zugehörigkeit zu einer Elite suggerierten. Nie sah er sich so aufgewertet.

Sozialarbeiter, Psychologen und Gefängnismitarbeiter wundern sich oft, warum die Vaterfigur in unseren Workshops so sehr im Zentrum steht. Alex und Khaled illustrieren die Ursache dafür besonders gut. Tatsächlich spielt in jeder Radikalisierung durch eine extremistische Ideologie die Suche nach einem Ersatzvater eine Riesenrolle. Ein allmächtiger Allah, ein strenger Imam oder ein völkischer Anführer – sie bieten gleichermaßen Ersatzangebote.

Islamisten wittern die Verletztheit und Unsicherheit junger Männer (und Frauen) ebenso wie rechte Gruppierungen. Sie wissen die latente oder offene Verachtung für brutale, schwache oder abwesende Väter auszunutzen, indem sie Stärke und Überlegenheit suggerieren: „Gehörst du erst zu uns, bekommst du einen besseren Vater! Du bist dann sogar besser als dein eigener Vater und kannst dich von ihm lösen!“ In der Hierarchie locken neue, glänzende Identifikationsfiguren, zu denen die Suchenden aufblicken und an deren fantasierter Macht sie teilhaben dürfen. Im Patriarchat der autoritären Gruppe scheinen Regeln klar und Maßregelungen gerecht.

Verlässlichkeit, so bitter vermisst, scheint hier garantiert. Während das System, dessen Normen von Männern geprägt wird, die ihre Anhänger kontrollieren, gehorchen diese den Tonangebenden, und träumen davon, sie eines Tages nachahmen zu dürfen – da scheint es auch Aufstiegsmöglichkeiten zu geben, die ebenfalls bitter vermissten Chancen.

Indes tauschen die Anhänger bei alledem ihre Mündigkeit und Eigenverantwortung gegen maximale Abhängigkeit aus. Sie delegieren Verantwortung an die Macht der Gruppenleiter und an die Gruppe, in der man sich gegenseitig kontrolliert. Ideologien stärken den Zusammenhalt, in dem die Heranwachsenden sich mächtig fühlen – obwohl sie de facto ohnmächtiger, unselbstständiger werden. Doch sie erfahren meist zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, jemand zu sein, den sie im Spiegel stolz anschauen. Sie gehören „zu einer Elite“, sei es einer frommen oder einer völkischen.

Khaled, IS-Anhänger

„Moslem und Christin, das geht gar nicht!“

Alex und Khaled überraschten einander wieder und wieder damit, dass sie gleicher Meinung waren. Wichtig ist beiden strikte Autorität. Sie wissen, wer „Respekt verdient“, wer nicht.

Sie finden, dass Frauen zu Küche und Kindern gehören, dass sie ihren Männern gehorchen und deren Wünsche erfüllen sollen. Vertrauen sei gut, Kontrolle aber besser – das fanden übrigens nicht nur die beiden, sondern viele Teilnehmer des Workshops. Und Alex und Khaled sind fest davon überzeugt, dass sich Kulturen nicht „vermischen“ sollten. „Ein Moslem und eine Christin, das geht gar nicht! Man muss aufpassen, dass Kinder später dieselbe Religion haben“, sagt Khaled. Alex sieht es ähnlich: „So was ist Rassenschande! Eine Beziehung funktioniert nur, wenn ein Paar denselben Hintergrund hat.“

Rassismus ist mit der wichtigste Klebstoff, der extremistische Gruppen zusammenhält. Hautfarbe, Religion, Herkunft, Sprache oder andere Merkmale legitimieren dabei die Überlegenheit der eigenen gegenüber anderen Gruppen. Das Grundmuster ist uralt: Gruppen ziehen ihre Identität aus der Abgrenzung von anderen Gruppen. Zu beobachten ist das etwa bei Fußballfans oder in städtischen Vierteln. Islamismus wie Rechtsextremismus ideologisieren Strategien der Abgrenzung ins destruktiv Extreme. Sie arbeiten der Vorstellung zu, dass es „reine“, homogene Gruppen gebe.

Die eigene Gruppe gilt als die Elite, zum Herrschen auserkoren, doch Opfer von niederen, anderen Gruppen, von Ungläubigen oder der Lügenpresse. Reklamieren auch andere Gruppen Opferstatus, gilt es mit ihnen zu konkurrieren: Unser Leid war/ist schlimmer! Beiden Ideologien sind demokratische Prozesse im Weg, beide wollen nichts wissen von Menschenrechten und Universalismus: Wer auserwählt ist, kann das nicht brauchen. Die einen sprechen von linker Lügenpresse, die anderen von zionistischen Medien, die den Islam missachten würden. Wer immer der Feind ist, er ist minderwertig und gehört bekämpft – das systematische Entwerten anderer ist das Fundament jeder extremistischen Ideologie.

Noch eine Gemeinsamkeit: Antisemitische Stereotypen

Im Workshop mit Khaled und Alex präsentiert unser Team auch ein Rollenspiel zum Thema Antisemitismus. Zwei befreundete Jungen sind beim Fußballtraining, und ein neuer Mitspieler ist dazugekommen, den sie spontan mögen. Dann stellt sich heraus: Der Neue ist jüdisch. Einer der Jungen will sofort nichts mehr mit dem Neuen zu tun haben. Der andere meint, Jude zu sein sei doch kein Thema.

Unsere Runde ist aufgeregt. Khaled erklärt: „In dem Moment, wo ein Jude im Raum ist, geh ich raus.“ Alex pflichtet ihm heftig bei. Wieder sind sie sich im Prinzip einig.

Khaled begründet seine Ablehnung so: „Guckt euch an, was die in Palästina mit uns machen! Wie viel Macht sie in Deutschland haben, wie sie Syrien vernichten, weil sie sich ausbreiten wollen. Juden beherrschen die Finanzmärkte, überall, die verüben Anschläge, damit Leute glaube, das hätten Moslems gemacht.“ Alex sagt, er sei kein Christ, „weil Jesus Jude war“. Alex glaubt an Verschwörungen der „Finanzmacht des interna­tio­nalen Judentums“, das heimlich die Fäden rund um den Globus zieht.

Auch wenn Alex der Nahe Osten wenig interessiert, er und Khaled teilen antisemitische Stereotype und Verschwörungstheorien. In ihren Gruppen haben sie gelernt, zeithistorische und wissenschaftliche Wahrheiten zu leugnen, zu ignorieren oder durch „alternative Fakten“ zu ersetzen.

Ein Extremismus spiegelt sich perfekt am anderen. Während der Stunden des Workshops haben Alex und Khaled verbissen dagegen gekämpft, ein­ander ähnlich zu sein. Doch die Parallelen waren unübersehbar. Trotzdem bleibt es ihnen bis zum Schluss wichtig zu betonen, dass sie „total unterschiedlich“ sind. Abgrenzung ist ein Muss, Überschneidungen dürfen nur Zufall sein.

Freilich reicht ein Tag Workshop nicht aus, um aus zwei Extremisten zwei Demokraten zu machen. Die Diskussionen laufen in vielen Workshops, langsam zeigen sich Änderungen, Erfolge, wenn einer über sich lachen kann, wenn einer neue Fragen stellt, mehr von sich erzählt, die Vergangenheit kritischer sehen kann.

Was der Raum der Begegnungen und des Öffnens bewirken kann, zeigt sich einige Wochen später. Da erfahren wir von den Sozialarbeitern im Gefängnis, dass Alex und Khaled angefangen haben, miteinander Schach zu spielen. Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finde. Berührt hat es uns jedenfalls alle.

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