Evangelikale Sexualpädagogik : Falscher Aufklärungs-Ansatz
Teenager brauchen keine Verhütungs-Tipps, sondern Menschen, mit denen sie offen über sexuelle Bedürfnisse und Ängste sprechen können.
W as hat ein evangelikaler Verein, der Schwangerschaftsabbrüche, Homosexualität und Sex vor der Ehe ablehnt, in der schulischen Sexualpädagogik zu suchen? Genau: nichts.
Und zwar nicht, weil man den Kursleiterinnen unterstellen könnte, sie wären nicht in der Lage, wertfrei mit 14-Jährigen über diese Themen zu sprechen. Das wäre theoretisch denkbar, wenn sie gut qualifiziert wären. Das Problem liegt darin, dass der Ansatz, mit dem die christliche Elterninitiative das Thema angeht, an dem vorbei schrappt, was Jugendliche brauchen. Um Längen.
Der Verein will ungewollte Schwangerschaften verhindern: Sehr gut! Aber die entstehen nicht, weil Jugendliche so schlecht verhüten würden, wie der Verein auf seiner Homepage behauptet. Studien wie die der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigen, dass Jugendliche in Deutschland nicht nur sehr gut aufgeklärt sind, sondern das Wissen auch anwenden. Die Gründe für fehlgeschlagene Verhütung sind vielschichtig, wie weitere Studien zeigen.
Und die Zahl der ausgetragenen oder abgebrochen Schwangerschaften bei unter 18-Jährigen sinkt – anders als der Verein auf seiner Homepage suggeriert – seit Jahren kontinuierlich.
Daher gibt es keinen Bedarf, Jugendlichen zu erklären, wie man ein Kondom über einen Holzphallus zieht. Das kann auch die Biologielehrerin. Externe Sexualpädagog*innen sind wichtig, um Fragen der Schüler*innen zu beantworten, die über die Sachinformation hinausgehen, zum Beispiel zum Coming-out. Noch wichtiger ist eine Auseinandersetzung mit eigenen Bedürfnissen: Was will ich überhaupt, wann mache ich nur etwas mit, weil ich denke, das machen alle?
Von dieser Art externer Sexualpädagogik kann es gar nicht genug geben. Nur hängt das davon ab, dass engagierte Lehrer*innen danach fragen, und davon, dass die Anbieter von der Stadt so viel Geld bekommen, dass sie zusagen können. Das Rat-und-Tat-Zentrum kann das nicht. Daher trifft die Anfrage der FDP ungeplant ins Schwarze. Der Senat muss sich hier mehr engagieren.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert