Essay über Transformationen des Westens : Wir wollen Streit!
Die westliche Wohlstandsgesellschaft ist am Ende. Einzig eine gelungene, demokratische Transformation kann helfen. Wir sollten uns über die Zukunft streiten, fordert Kolumnist Wolf Lotter.
Bild: picture alliance/dpa | Michael Brandt
„ANGER IS AN ENERGY.“ (John Lydon)
taz FUTURZWEI | In dieser Ausgabe der Kolumne „Lotters Transformator“ geht es zur Sache, es geht über das Unvermeidliche, den Streit zwischen dem, was ist, und dem, was kommt.
Der gute alte Joseph Schumpeter hat die Kraft aller Veränderung einmal schöpferische Zerstörung genannt. Zerstörung ist so ein Wort, bei dem die Leute, die in einer Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen sind, die Krise kriegen. Zerstören? Kaputt machen?Das ist nicht schön. Wir wollen keinen Streit. So viel Hass. Naja.
Streit als Grundlage der Demokratie
Die Wahrheit lacht sich krumm. Mit Hass hat das nichts zu tun. Erstens: Der Streit ist die Grundlage aller Demokratie. In Diktaturen wird nicht gestritten, da wird an die Wand gestellt, was einem nicht passt. Und was den Streit angeht, gilt sowieso: Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen, und das gilt auch für die Leute, die sich selbst ganz anders verkaufen als sie sind. Wenn das erst einmal klar ist, dann können wir hier anfangen.
Die Bundesrepublik wurde durch einen einfachen Satz definiert: Wir wollen unsere wohlverdienten Rechte genießen.
Das ist einerseits verständlich, andererseits die Grundlage für Ungerechtigkeiten, die die Demokratie erodieren und zerstören werden. Denn viele der Rechte sind alles, nur nicht wohlverdient. Sie sind zugeschrieben worden, weil man die „richtige“ Berufswahl (unkündbar) getroffen hat oder sich „rechtzeitig“ (nach einem Wahlsieg) das „richtige“ Parteibuch besorgt hat. Es ist ein Satz für Opportunisten, und genau darauf baut diese Ordnung ja auch auf. Das hat sich seit dem Biedermeier nicht geändert. Und man kommt dem nicht durch Sanftheit bei, denn die spielt den Ausbeutern, die sich für den Kern des Gemeinwohls halten, in die Hände.
Wessen Rechte zählen?
Diejenigen in dieser Gesellschaft, die sich diesen Satz aufrichtig verdient hätten, für die trifft er nicht zu. Es sind die Nichterben, die, die nicht vom Staat oder der Partei oder dem Verband geschützt vor sich hin werkeln, es sind Putzfrauen und Paketdienst-Fahrer, es sind kleine Leute, die man nicht ernst nimmt und leicht durch KI ersetzen kann, ganz ungeniert, während die, die sich der nicht verdienten „wohlerworbenen Rechte“ rühmen, als Eliten deren Schicksal beklagen, an dem sie selbst nichts ändern wollen.
Wer beklagt, dass in diesem Land Wirtschaft, Wohlstand, Demokratie, Sitten, Fortschritt und Gerechtigkeit den Bach runtergehen, sollte sich bei denen umsehen, die diesen Satz beständig wiederholen. Denn ihr Wohlverdient ist eine Lüge, und eine Lüge muss man Lüge nennen, gegen sie kämpfen, sonst wird man Teil von ihr. Leider ist es nicht billiger zu haben.
Es wird zu wenig gestritten. Die Erfahrung und die Vernunft lehren, dass das Neue nur in die Welt kommt, wenn man dem Alten beim Gehen hilft, nicht nur über die Straße, damit wir uns gleich am Anfang richtig verstehen. Das Alte kann durchaus jung sein. Die Kräfte, die die Demokratie am Laufen halten, heute sogar am Überleben, sind nicht die besonnenen Anwärter auf eine geschmeidige W3-Professur, die im piefigen Bildungsbürgertum links wie rechts über allem steht, sondern die Leute, die wissen, dass Harmonie verblödet, und eine blöde Gesellschaft ist eine schlechte Gesellschaft. Sehen wir uns das genauer an. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es klug, sich blöd zu stellen.
Wolf Lotter ist Autor und Journalist mit den Schwerpunkten Transformation und Innovation. Er ist Gründungsmitglied von PEN Berlin.
In der taz FUTURZWEI schreibt er regelmäßig die Kolumne Lotters Transformator. Im November erschien von ihm: Digital Erwachsen: Streitschrift für mehr natürliche Intelligenz. Haufe 2025, 220 Seiten, 22 Euro.
Natürlich hatte fast jeder und jede in diesem Land Dreck am Stecken, und da macht man, wenn man gerade den größten Weltkrieg aller Zeiten fulminant verloren hat, möglichst nicht rum. Man tut so, als ob die Nazis, nein: Hitler und noch ein paar Neighborhood Bullies, eine an sich stets friedliebende und uneigennützige Nation betrogen und belogen hätten. Dabei haben die Nazis die Deutschen nur abgeholt.
Die Spießigkeit der Nazis und das Elend der Befehlskette
Eine spießige Pseudorevolution, bei der behauptet wurde, dass alles anders wird, die aber ihren erheblichen Wohlstand – jedenfalls bis zum Zusammenbruch – auf Raub, Mord und Totschlag begründete, alles wohlerworbene Rechte offensichtlich, auf die Opa und Oma nicht verzichten wollten. Wer mehr darüber wissen will, sollte vielleicht endlich mal Götz Aly lesen, Hitlers Volksstaat vor allem, in dem sich die Verlogenheit der „Sozialstaatspolitik“ bis heute spiegelt. Ständig ist darin von „wohlerworbenen Rechten“ die Rede, von Gerechtigkeit, von Ausgleich, vom Guten, Wahren, Schönen.
In der sogenannten Wirtschaftswunderzeit, also der Phase, wo man das Land mit gutem Surplus aufbaute, dass man vorher zerlegt hatte, in dieser interessanten und letzten Phase des hochtourig laufenden Industrialismus also, war es opportun, Opportunist zu sein. Der Sänger und Dichter Georg Kreisler beschrieb den Prototypen dieser Zeit in seinem famosen Chanson Staatsbeamter, und so wie der verhielten sich auch die meisten anderen: harmoniesüchtig, opportunistisch, interessensgeleitet bis zum Exzess. Der Zusammenhang zwischen routinierter Verlogenheit und ausgesprochener Harmoniesucht lässt sich in der Unterhaltungskultur dieser Zeit deutlich erkennen.
„In Frankreich gehen die Leute auf die Straße, wenn sie von der Regierung genug haben, in Deutschland gehen sie in den öffentlichen Dienst.“
Begründet wird das von den Kindern dieser Leute bis heute gern damit, dass nach den Schrecknissen des Krieges ja auch nichts anderes denkbar gewesen wäre als die Abkehr jeglicher Streitlust.
Da liegt eine Verwechslung vor. Die Alten haben nicht gestritten, sie haben mitgemacht. Sie sind in Polen nicht einmarschiert, weil sie Streit gesucht haben, sondern weil es ihnen ihr Führer, ihr Vorgesetzter, befohlen hat. Das ist der Kern des Elends. Die Leute sind nicht friedliebend, sie sind opportunistisch, das ist der harte Kern der Kultur. Opportunistisch sind sie auch anderswo, allerdings nicht in dieser Weltmarktführerschaft wie hier.
In Frankreich gehen die Leute auf die Straße, wenn sie von der Regierung genug haben, in Deutschland gehen sie in den öffentlichen Dienst.
Streit ist nicht Krieg
Krieg und physische Zerstörung haben mit dem Streit und der Zerstörung, die hier gemeint ist, nichts zu tun. Der Streit, von dem hier die Rede ist, hat eine klärende Wirkung, er macht frisch und alles sichtbar, wie ein schöner Sommerregen nach einem anstrengenden und heißen Tag. Dieser Streit ist Klartext, kein Herumlavieren, um die eigenen Interessen zu vertuschen. Das alles ist vollkommen ungelernt und naturgemäß untrainiert in Deutschland. Unter solchen Bedingungen wird Transformation gefährlich. Warum?
Die Industriegesellschaft förderte den Opportunismus. Man war Rädchen in einer Maschine, wer brav war, durfte nach Mallorca, außer, man wurde in der nächsten Automatisierungswelle freigesetzt. Oben eine bedauernde und dienstrechtlich privilegierte Elite, die mit den Schultern zuckte und Vorlesungen hielt über das Elend, also das Unglück anderer Leute auf ihre Weise ausschlachtete, während sich der Teil der Leute, die nicht ersetzt wurden, von den Ausgesperrten abwandte. Je mehr über Solidarität geredet wird, desto weniger gibt es, ein Klassiker. Dieses System ist eingespielt.
Niemand glaubt, dass die digitale Transformation, die mittels KI nun die Bürodienstleistung erreicht, weniger dramatische Effekte zeitigen wird, als wir es aus dem Ende der Industriebeschäftigung kennen. Appelle helfen nicht.
Die neue taz FUTURZWEI
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°38: Wozu Männer?
Jetzt im taz shop vorbestellen
Patriarchat, Unterdrückung, Gewalt, Ehrenmorde, AfD: Wie geht untoxische Männlichkeit?. Mit: Güner Balcı, Caroline Wahl, Christina Clemm, Heike-Melba Fendel, Luisa Neubauer, Marcel Fratzscher, Wolf Lotter, Rainer Prohaska, Christian Schneider, Harald Welzer u. v. m..
Während selbst Plattformkapitalisten einsehen, dass man in Zeiten wie diesen ein Grundeinkommen braucht und eine massive Bildung zur Selbstermächtigung und Förderung der Unterschiedlichkeit, der Diversität also, damit der Laden nicht hochgeht, verteidigen alte Volksparteien und ihre Verbände den Status quo. Sie faseln von Deindustrialisierung, wo die längst schon kein Thema mehr ist. Alles ist auf „Zurück“ gestellt, auf dass, wofür man nicht streiten muss, sondern so bräsig bleiben darf, wie man nun mal erzogen wurde.
Sind die falschen Konservativen noch zu retten?
Zurück zum Verbrenner, zurück zum Fünfzig-Stunden-Tag, und das gefällt den falschen Konservativen aus Union und SPD und FDP hervorragend. Die Grünen wiederum sind die Partei mit dem höchsten Anteil an Beamten und Mitarbeitern im öffentlichen Dienst, in dem sich progressiv, also fortschrittlich sein, im Sinne der Progressionsstufe bei verbeamteten Lehrern ausdrückt: Je länger man mitmacht, desto mehr gibt es – ganz von allein.
Interessen lügen nicht – diesen von Albert Hirschfeld in die Gegenwart geholten Satz aus dem alten England des 17. Jahrhunderts kann man nicht oft genug sagen. Bei Hirschfeld ging es um die Vorbedingungen des Kapitalismus vor seiner Entstehung, bei uns geht es um den klaren Hinweis, dass wir mit dem Personal, das wir haben, keine Transformation hinkriegen werden. Wer transformiert, muss erst einmal wissen, worauf seine eigene Arbeit, sein eigenes Können beruht, da fängt es schon an. Wer transformiert, muss aber auch Zusammenhänge verstehen, Kontext erkennen können, damit auch verstehen, warum eingespielte Verhaltensmuster – Harmonie, bei dem bleiben, was man hat – die eigene Lage nur verschlimmern.
Die digital getriebene Transformation zur Wissensgesellschaft braucht dringendst verständige Politik und eine verständige Mitte, an der es uns mangelt. Wir haben zu viele Rüberretter, die glauben, dass es für sie noch langt, was bereits falsch ist, denn natürlich werden, wenn das Land wirtschaftlich weiter absackt, auch Beamte und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes schweren Husten, wenn nicht Lungenentzündung bekommen.
Was kommt in der vollendeten Zukunft?
Teilhabe, das geschundene, missbrauchte, stets nur für Partikularinteressen vergewaltigte Wort, ist eines der Schlüsselworte für die Transformation, die klappt. Teilhabe heißt: Die Leute auf die Zeit nach der Vollbeschäftigung vorbereiten, nicht nur mit günstigen Netflix-Abos und Grundeinkommen, sondern geistig, mental, kulturell. Wo selbst von der CDU eingesetzte Minister wie Karsten Wildberger mehr über die Notwendigkeiten der Transformation – Grundeinkommen und intensive Hinwendung zur Wissensarbeit – reden als die verbeamteten Progressiven auf W3, stimmt was nicht. Wenn Adornos Satz, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, richtig ist – woran niemand ernsthaft zweifeln kann –, dann gilt auch: Es gibt keine falschen Eliten auf den richtigen Plätzen.
Hier gelangen wir in den Wirkungskreis dessen, was man früher mal Kulturrevolution nannte. Transformation gelingt nicht, wenn die Leute, die in diesem System dafür verantwortlich wären, die Rahmenbedingungen zu setzen, dabei fast in jedem einzelnen Punkt gegen ihre Interessen vorgehen müssten. Berufsbeamte und politische Funktionäre sind dabei ebenso gemeint wie Manager in alten Industrien, die maßgeblich die deutsche Wirtschaftspolitik bestimmten. Man kann nicht die Böcke zum Gärtner machen.
Diese Böcke sind die, die landauf, landab heute das Lied der Harmonie singen. Weniger Streit, weniger Diskurs würde uns guttun. In diesem Sinne zogen die Grünen, die Linken, die SPD mit theatralischer Geste Anfang Mai 2026 aus X aus, vormals Twitter. Was für eine Heuchelei.
„Wir haben kein Personal dafür, nur Maulhelden, die nicht mal mit ein paar Aluhutträgern und AfDler-Trotteln fertigwerden.“
Was sind denn das für Demokraten, die sich angesichts des realen Hasses, des realen Extremismus von rechts, links und Hamas-Anhängern, einfach in die gute Stube der eigenen Bubble zurückziehen? Sollen diese pathetischen Würstchen wirklich die Demokratie verteidigen? Sind das die Leute, die früher in jedem zweiten Satz „Diskurs“ gesagt haben, ganz offensichtlich, weil sie nie davon ausgehen mussten, dass in ihrer bildungsbürgerlichen Harmoniewelt irgendwann mal der Ernstfall eintreten könnte? Der ist aber da.
Aber wir haben kein Personal dafür, nur Maulhelden, die nicht mal mit ein paar Aluhutträgern und AfDler-Trotteln fertigwerden. Das ist typisch: Der Streit, der Konflikt, er wird nicht ausgetragen, sondern man zieht in eine ruhigere Gegend um, wo die Leute genau das sagen, was man hören will. Man kann sich vorstellen, wie diese Leute für digitale Souveränität eintreten, gegen Wladimir Putin, gegen den Hardliner Xi und rechte und linke Nazis aller Art. Die Freiheit wird nicht im Stuhlkreis verteidigt. Selbstverzwergung ist keine Selbstachtung. Womit wir wieder bei den „wohlerworbenen Rechten“ wären.
Der Ernstfall sprengt die Wohlstandsgesellschaft
Die Wohlstandsgesellschaft ist ja nicht wegen ihres Wohlstands schlecht, sondern weil ihr Interesse, diesen Wohlstand möglichst breit anzulegen, möglichst klug zu erweitern und damit Chancen und Möglichkeiten für alle zu erhöhen, gleich null ist. Die Wohlstandsgesellschaft produziert nur Wohlstand für ihre Insassen, also die Leute, die es sich, wie man so schön sagt, gerichtet haben oder für die man alles schön gerichtet hat.
Es sind nicht nur bessergestellte Beamte und Politiker, natürlich auch gut abgesicherte Manager und andere leitende Angestellte, Erben und Vermögende aller Art, die nicht durch eigene Arbeit, sondern qua Glücksfall an ihre Lebenschancen gekommen sind. Es sind übrigens überwiegend Leute, gegen die man eigentlich nichts haben kann, weil sie zu allen nett sind und genau das auch von allen anderen fordern. Es ist ein Frühstücksklub, der sich in einer zutiefst und von allen Seiten bedrohten Gesellschaft das Recht rausnimmt, den Liegestuhl am Pool der öffentlichen Mittel mit seinem Handtuch zu reservieren. Den kennen wir.
„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.’ ‚Oh!’ sagte Herr K. und erbleichte.“ (Bert Brecht, Geschichten vom Herrn K.)
In Bert Brechts famosen Geschichten vom Herrn K. gibt es jenen K., den Herrn Keuner, dessen Wesen die Wikipedia ganz treffend erfasst hat: „Herr Keuner wird als Denkender dargestellt, der nur wenig Empathie mit anderen Personen zeigt und darum eher unsympathisch wirkt. Er ist hilfsbereit, solange keine speziellen Opfer von ihm verlangt werden.“
Das Perfide an den Geschichten vom Herrn K. ist ja, dass sich in den Fragen, die er stellt, in den Antworten, die er gibt, auch die Beteiligung seines Gegenübers spiegelt. Wer diese Geschichten liest, könnte den Eindruck gewinnen, dass Herr K. die Wahrheit nur ausspricht, um von sich abzulenken. Er adressiert Probleme, deren Ursache er ist.
Das ist der Kammerton des Establishments. Dabei geht es nicht nur um die ominösen „Reichen“, von denen man ohnehin nicht viel hört, außer wenn andere über sie reden, wer weiß, ob die nicht längst eine Fliege gemacht haben, ich weiß es jedenfalls nicht. Die Gesellschaft spaltet sich auf in ein Innen und Außen, in ein Sicher und Unsicher, in einen Teil, der eine Bretterwand mit zwei Metern Höhe hochklettert und an fünfzig Sicherungshaken hängt, und Leute, die freiklettern müssen, und zwar auf sehr hohen Wänden mit sehr schlechtem Wetter. Wie sicher Sicherheit sein kann, hängt von den Umständen ab.
Sollen Sie doch Dienstwagen fahren
Sagen wir mal, Berlin würde von einer Naturkatastrophe verwüstet, die meisten Gebäude sind beschädigt, das Brandenburger Tor ist umgekippt, aber das Hotel Adlon steht noch gut da. Unter den Linden zelten die Obdachlosen im Freien, aber dann taucht ein dicker Mercedes auf und hupt sich Richtung Adlon durch, drinnen zwei verärgerte bessere Herrschaften, die gefälligst durchwollen, schließlich haben sie ja das Deluxe-Zimmer gebucht, und die Obdachlosen, die sich jetzt darüber aufregen, könnten das wohl gar nicht beurteilen, nicht wahr? Da könnte es schon Beef geben.
Mich erinnert das an Friedrich Merz in Salzwedel vor wenigen Monaten, als im Saal neun von zehn Menschen sich dafür aussprachen, dass auch Beamte ihren Teil in der gesetzlichen Krankenversicherung und Rentenkasse tragen sollen, und Merz spöttisch bemerkte, das gehe nun doch wohl zu weit, schließlich stehe im Grundgesetz ein Versorgungsauftrag. Dazu grinst er spöttisch, und es fehlt nicht viel, und es wäre ihm ein „Augen auf bei der Berufswahl, ihr Luschen“ rausgerutscht, diesem Vollkönner.Pech gehabt, Leute.
Drinnen und draußen. Und da soll man nicht streiten? Ihr habt sie ja nicht alle. Das Establishment ist nicht mehr das, was es war, und deshalb kann man auch nicht so tun, als ob man, selbst Teil des Establishments, damit nichts zu tun hätte, denn dann wären wir ja wieder beim guten alten Theodor Adorno von vorhin, und das, liebe Freunde, rächt sich.
Da fällt einem, neben Merz, auch Monika Schnitzer ein, die von Robert Habeck ins Amt gepresst wurde, und die spöttisch und herablassend in jeder Talkshow, die sie bedauerlicherweise einlädt, Leuten mit durchgerosteten Karren, die jeden Tag für schlechtes Geld pendeln müssen, erzählt, sie gehörten, weil Auto, schon zu den Reichen. Sollen sie doch Dienstwagen fahren.
Es ist ein Satz, den nicht nur Schnitzer, sondern auch fast beliebig viele andere hochdotierte Professoren (m/w/d) sagen hätten können. Der Elfenbeinturm, den gibt es wirklich, nur dass er früher sich selbst genügte, jetzt aber aus der obersten Etage – das sind schon mal solide fünfstellige Monatsgehälter plus Zulagen – den Leuten, denen alles knapp wird, gute Ratschläge erteilt. Bei den Modeprofessoren unserer Tage sind erstaunlich wenige Historiker dabei, die würden auch als Spielverderber gelten, denn sie könnten ihren Kollegen sagen, dass mit Wohlfahrtsausschuss nicht eine weitere Kommission gemeint ist, wo es Zulagen für sie zu holen gibt. Aber dazu weiter hinten etwas mehr.
Lernen bei Schumpeter, Marx und Engels
Das Fressen kommt vor der Moral, und die Moralisten, die uns so dicht umdrängen, wissen das genau, denn sie verteidigen vor allen Dingen dies. Das geht nicht gut. Joseph Schumpeter, der große Ökonom und Menschenkenner, hat die berühmte Phrase von der schöpferischen Zerstörung geprägt. Wie bei Marx und Engels, die Schumpeter aus dem Effeff kannte, fegt diese schöpferische Zerstörung das Alte und Ständische bekanntlich weg, und es setzt an ihre Stelle eine Welt, in der wir unsere Beziehungen mit nüchternen Augen ansehen müssen. Bei solchen Sätzen rebelliert der innere Oberstudienrat, aber das wird ihm nichts nützen. Harmonie ist das Ergebnis von Ausgleich, nicht vom Beharren auf einseitigen Privilegien, ganz gleich, ob die durch den Staat gedeckt werden oder durch monopolitische Plattformen im Web, durch Oligarchien oder andere Bevorzugungs-Syndikate. Wer mehr Optimismus und Zuversicht haben möchte, sollte das nicht einfach fordern, sondern sich daran machen, auch ein wenig mitzuwirken.
Wer den Leuten in der schwersten Wirtschaftskrise, von der man selbst nicht betroffen ist, mehr Optimismus verordnet, sich selbst aber auf überkommene Privilegien beruft, ist kein Freund der Demokratie, sondern, mit Verlaub, ein Arschloch, eins von jener Sorte, das nicht kritisiert werden will. Es sind die Leute, die nicht streiten wollen, weil dieser Streit – wie bei Herrn K. – in Frage und Antwort die eigenen Verhältnisse ausleuchtet, sie klar und deutlich macht und damit für viele, die sie bisher nicht kannten, unerträglich werden lässt. Transformation ist nicht das, was man tut, weil man nach einer leichten Beschäftigung sucht, sie ist schwere Arbeit, weil sie auch die eigenen Vorteilnahmen erkennen lässt. Transformation ist eine ehrliche Haut, aber sie verlangt von den Leuten ebenfalls Ehrlichkeit im Sinne von selbstkritischer Distanz zum eigenen Amt.
Das besserwisserische Bildungsbürgertum
Das hat das Bildungsbürgertum nicht drauf, es will besserwissen, weil es nichts besser kann. Das ist Wahlhilfe für demokratiefeindliche Extremisten. Denn wenn die Demokratie nur durch Leute repräsentiert wird, die außer Verachtung für „die Menschen da draußen“ nichts können und außer mehr Geld für ihre geschützten Bereiche nichts wollen, dann zerstören diese Bürokraten im eigentlichen Sinne die Demokratie. Und wenn sie mehr Optimismus fordern, ohne dass es Grund für den Optimismus gäbe, dann verordnen sie Hungernden, doch Kuchen zu essen.
Nicht „die Menschen da draußen“ verbreiten schlechte Stimmung, sondern ihre Lebensumstände haben sich dramatisch verschlechtert. Sie erwarten zu Recht eine Politik, die sich jetzt nicht in ihre Frühstücks-Klubhäuser grundgesetzlich verankerten Beamten-Privilegien zurückzieht, sondern die sich der Realität stellt. Eine, die nicht nur von notwendigen Veränderungen redet und das immer nur auf andere bezieht, sondern die selbst skin in the game zeigt.
Eine Politik, die nicht weinerlich eine bessere Stimmung und weniger böse Kritik anprangert, sondern die es sich fachlich, intellektuell und menschlich leisten kann, gegen die Flut des undemokratischen Wahnsinns mehr Gerechtigkeit und demokratische Wirksamkeit zu entfalten – also mehr tut, als die Probleme zu verwalten und auch ein wenig an deren Lösung arbeitet.
Sehnsucht nach charismatischer Politik
Die Langweiler regieren uns
Luisa Neubauer über die Regierungskrise
Vom Verschwinden des gemeinsamen Horizonts
Juvenile Transformationsmythen
Jugendwahn als Manipulationstechnologie
Zurück zur Fußnote von vorhin, die Historiker, Sie wissen schon: Kurz bevor im Jahr 1789 das Establishment in Frankreich einer grundlegenden Transformation unterzogen wurde, waren die Herrschenden unentwegt dabei, dem Volk, dem Lümmel, doch mehr Zuversicht und Optimismus zu empfehlen. So schlimm, wie man zuweilen hörte, sei es nun ja doch nicht, ließ man die hungernden Menschen wissen, und wenn auch der Marie-Antoinette zugeschriebene Satz, dass das Volk, wenn es kein Brot habe, doch Kuchen essen solle, nicht von ihr stammt, dann doch von einer Haltung, die sich von der Tragödie der Französischen Revolution in die Farce aktueller Verhältnisse herübergerettet hat. Aus solchen Bedingungen kann niemand aussteigen, denn wo immer man auch den fahrenden Zug verlässt, ist Endstation.
Das muss nicht sein. Löst Probleme, verwaltet sie nicht nur. Und nicht vergessen: „Anger is an energy.“
🐾 taz FUTURZWEI: Zukunftsfragen zusammen denken und diskursiv voranbringen – wir sind das Magazin für Lösungen. Erhältlich als Einzelheft im taz Shop oder hier im Abo.