Erzieher über Hamburgs Heimpläne: „Diese jungen Menschen haben ja keine Verbrechen begangen“
Ein Mitarbeiter der Kinderschutzhäuser hält das geplante geschlossene Heim Casa Luna für überflüssig. Hätten sie genug Personal, würden weniger Kinder ausrasten.
Foto: Kaija Kutter
taz: Herr Meyer, Sie arbeiten in einer Hamburger Kinderschutzgruppe. Im nächsten Jahr eröffnet Hamburg mit Casa Luna ein Heim, in dem Kinder ab Alter von neun Jahren geschlossen untergebracht werden können. Ist das nötig?
Ludwig Meyer*: Es wäre ein krasser Einschnitt ins Leben für diese Kinder. Diese jungen Menschen haben ja kein Verbrechen begangen. Sie erfuhren meist Gewalt und befinden sich nach einer Inobhutnahme weit weg von ihrer Familie. Manche gelten als „Systemsprenger“, weil sie nicht in das aktuelle Hilfeplansystem passen. Aber dafür brauchen wir kein Casa Luna. Hamburg kam jetzt 20 Jahre ohne geschlossenes Heim aus, wir haben immer auch diese Fälle gelöst.
ist Mitte 30 und seit vielen Jahren Erzieher in einer der sechs Hamburger Kinderschutzgruppen für Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren, die von der Stadt in Obhut genommen wurden und auf ein neues Zuhause oder eine Rückkehr in ihre Familie warten. Er gibt dieses Interview unter anderem Namen, um berufliche Nachteile zu vermeiden.
taz: Es soll ja für Kinder sein, die zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie hin und her pendeln. Gibt es in Ihrem Haus solche Kinder?
Meyer: Wir haben immer wieder Kindern, die mal kurz, mal länger in der Psychiatrie sind. Aber meine Erfahrung ist, dass diese Kinder je nach Fallgeschichte entweder bei uns gut aufgefangen werden können oder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) richtig sind. Dieses Pendeln ist oft nur das Nebenprodukt eines überlasteten Hilfesystems.
taz: Was ist das Problem in den Kinderschutzgruppen?
Meyer: Auch uns trifft der Spardruck. Dadurch haben wir nicht die Kapazitäten, die Bedürfnisse der Kinder adäquat aufzufangen. Und die Kinder, die zu uns kommen, haben hohe Bedürfnisse.
taz: Was heißt das praktisch?
Hamburg plant mit dem „Casa Luna“ erstmals seit Jahren wieder ein Heim mit geschlossener Unterbringung für bis zu 16 Kinder. Die Eröffnung ist für Mitte 2027 geplant. 2013 waren die von Hamburg belegten Haasenburg-Heime in Brandenburg wegen Kindeswohlgefährdung dichtgemacht worden.
Meyer: Mal mit einem Kind spazieren gehen und alleine reden. Sich eins zu eins Zeit nehmen. Das geht nicht, wenn ich alleine im Haus bin und da auch noch sieben andere Kinder sind. Wir haben regulär acht Plätze, manchmal sind es aber auch neun oder zehn Kinder. Und jedes Kind, das zu uns kommt, hat es eigentlich verdient, psychotherapeutisch behandelt zu werden. Da gibt es aber zu wenige Plätze. Wir sehen teils auch davon ab, weil wir das, was die Therapie aufrührt, gar nicht auffangen können. Dafür sind wir zu wenig Leute. Deshalb sollen die Kinder erst in die Therapie, wenn sie in die Langzeitlösung kommen. Wir sind ja nur ihr Übergangszuhause. Aber die Kinder leben teils ein Jahr und länger bei uns. Und der Druck, warum sie in Therapie sollten, wartet nicht immer ein Jahr. Kommen dann die Traumata der Kinder an die Oberfläche, wird es akut. Und dann muss ein Kind mal in die KJP.
taz: Wenn ein Kind ausrastet?
Meyer: Ausraster sind unser täglich Brot, damit gehen wir um. Sie müssen in die KJP, wenn sie dabei zu krass selbst- oder fremdgefährdend werden. Dass sie sich wehtun, Suizid androhen, vielleicht sogar versuchen oder andere Kinder gefährden. Selbst Kinder, die jünger sind als neun, machen so negative Erfahrungen, dass „Ich möchte nicht mehr leben“ öfters Thema ist. Sind es noch Worte, sollte man nah beim Kind sein und mit ihm besprechen, was es bedrückt. Gibt es aber akute Suizidversuche, sollten die Kinder in die KJP, um das abzuklären. Dafür ist die KJP auch da. Auch dort machen ganz viele Leute gute Arbeit.
taz: Was könnte Hamburg praktisch tun?
Meyer: Der Personalschlüssel in unseren Kinderschutzgruppen muss erhöht werden. Auf dem Papier ist unser Haus voll besetzt. Aber kommt ein Krankheitsfall oder fehlt in einem anderen Haus ein Kollege, bin ich schnell wieder alleine. Hätten wir mehr Personal, dann könnten wir uns besser um die Kinder kümmern. Dann würden weniger Fälle so hochkochen, weil die Kinder gar nicht erst so groß ausrasten müssen.
taz: Wie viele Stellen bräuchten Sie?
Meyer: Eine Stelle mehr für jede Kinderschutzgruppe würde schon viel helfen, damit wir mehr am Kind arbeiten und diese jungen Menschen viel besser auffangen können. Da hängen ja noch Folgeprobleme dran: Kinder, die einmal in der KJP waren, sind viel schwieriger zu vermitteln. Viele Wohngruppen oder Familien überlegen sich das dreimal, wenn sie wissen: Oh, der nimmt schon Medikamente, der war bei der Psychiatrie vorstellig. Und dadurch wird die Gruppe immer voller und dieser Kreislauf verstärkt. Es hat einen großen Einfluss auf das Hilfesystem, wenn wir weniger Psychiatriefälle haben. Und für die Kinder ist es auch belastend, wenn sie sehen, andere Kinder gehen wieder, nur mich will keiner.
taz: Und schon eine Stelle mehr pro Haus würde helfen?
Meyer: Ja. Ich weiß nicht, ob das gleich alle Probleme löst. Aber es wäre gut, wenn wir immer tagsüber mit zwei Fachkräften im Dienst sind. Es hilft auch, wenn man gerade einen Konflikt mit dem Kind hat und wechseln kann. „Okay, du übernimmst mal.“ Kann sich eine neue Person einbringen, lassen sich Konflikte mit den Kids viel einfacher lösen, als wenn ich das alleine machen muss.
taz: Für Casa Luna ist ja auch eine interne Schule geplant. Das ist bei den Kinderschutzgruppen anders.
Meyer: Genau. Unsere Kinder gehen als Gast auf eine normale Schule. Damit machen wir tolle Erfahrungen. Das ermöglicht einfach so ein Fünkchen an Normalität in ihrer Lebenssituation. Eine interne Beschulung dagegen schottet die Kinder noch weiter ab.
taz: Arbeiten Sie gern im Kinderschutz?
Meyer: Ja. Es ist toll zu sehen, wie die Kinder sich entwickeln, wenn sie ausziehen. Hamburgs System der Inobhutnahme, das für jedes Kind einen Platz schafft, ist an sich super gut und wichtig. Dahinter stehen Hunderte Menschen, die einen großartigen Job machen. Nur mit diesem Casa Luna nimmt das einen repressiven Charakter an, der mir und Kolleg*innen Bauchschmerzen bereitet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es heißt: Okay, der Junge oder das Mädchen von uns wäre ja passend für Casa Luna. Unsere Kinder sind sechs bis zwölf. Die werden dann betroffen sein. Bei Kindern, für die man bisher noch individuelle Lösungen suchte, sagt man dann, statt dieser teureren Sachen kann es auch dahin.
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