Neues Kinderheim in Hamburg: Frische Luft nur auf dem Dach
Im neuen Heim „Casa Luna“ dürfen „nicht absprachefähige“ Kinder nur in einem umzäunten Dachgarten an die Luft. Das wurde beim Richtfest bekannt.
Das neue Kinderheim „Casa Luna“ sollte eigentlich kein geschlossenes Heim sein. „Egal, wie oft es hier noch wiederholt wird, es stimmt nicht: Wir bauen hier keine geschlossene Einrichtung“, hatte Sozial-Staatsrätin Petra Lotzkat Ende 2023 bei einem Info-Abend die Zuhörer beschworen. Doch nun wird klar: Es gibt dort einen umzäunten Dachgarten, der auf früheren Plänen nicht eingezeichnet war. Das war jüngst beim Richtfest zu sehen, wo die neuen Pläne an der Wand hingen.
Ein computeranimiertes Foto zeigt grüne Beete, zwei spielende Kinder und eine Betreuerin unter einem Sonnensegel – begrenzt von einem Zaun und einer roten Wand. Der Dachgarten sei eine gute Möglichkeit, damit Kinder, „die nicht so absprächefähig sind“, an die frische Luft kommen, erklärte eine Mitarbeiterin des Landesbetriebs Erziehung (LEB) zum Bild. Und die rote Wand sei der Lärmschutz für die Nachbarn, falls die Kinder schreien.
Den Plan für ein solches Heim hatte ein früherer SPD-Senator schon 2013 verkündet, gleich nachdem Haasenburg-Heime in Brandenburg dicht gemacht hatten. Von Anfang an hieß es, dass es Hamburg anders machen wolle und „heilende Architektur“ zum Einsatz käme.
Die ersten Entwürfe für das nun im Bau befindliche Gebäude, das im Mai 2027 eröffnen und Platz für 16 Kinder von 9 bis 13 Jahren bieten soll, sahen auch recht freundlich aus. Der Name „Casa Luna“ ist eine Anspielung auf die Halbmondform des zweistöckigen Hauses, in dessen Innenhof und Hintergarten eine bunte Skaterbahn zum Spielen lockt.
Wie ein geschlossenes Heim
Doch es handelt sich – das sah man beim Richtfest – um zwei Gebäude, die nur mit einem Gang verbunden sind. Im größeren Teil A befinden sich die zwei normalen Wohngruppen, im kleineren Teil B sind unten Räume für die Schule und im ersten Stock die Aufnahmegruppe, auch Clearinggruppe genannt, mit vier Plätzen geplant. Und diese Gruppe, das wird nun deutlich, funktioniert doch wie ein geschlossenes Heim. Sie hat zudem einen „Power-Raum“ mit farbigen Postermatten, zum Abreagieren.
Die taz stellte der zuständigen Bildungsbehörde einige Fragen zum Dachgarten, dessen vertikale Gitterstäbe auf früheren Skizzen nicht zu sehen waren. Die Pläne seien erst später an die „besonderen Anforderungen“ angepasst worden, sagt eine Sprecherin der Behörde und bestätigt, was jene LEB-Mitarbeiterin beim Richtfest sagte.
In der Clearinggruppe sollten die Kinder etwa sechs Monate verbringen, bevor sie in eine Wohngruppe wechseln. Und dort können auch Kinder mit einem Beschluss für geschlossene Unterbringung nach Paragraf 1631 b des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) aufgenommen werden. „Die Kinder der Clearinggruppe dürfen in den Garten“, schreibt die Behörde. Eine Ausnahme gelte für Kinder mit Unterbringungs-Beschluss, „wenn diese nicht absprachefähig sind“. Die können dann halt nur aufs Dach.
Der Zugang zu diesem Dachgarten ist denn auch nur über das Treppenhaus der Clearinggruppe möglich. Und ihre Gruppentür können Kinder mit Beschluss nicht von innen öffnen. Sollten diese Kinder sich doch der Eingangstür oder der zum Außengelände nähern, könne der Pförtner diese „per Knopfdruck“ schließen, schreibt die Behörde.
Tilman Lutz, Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung
Die Entscheidung, ob ein Kind absprachefähig ist und runter ins Außengelände darf, treffen die sozialpädagogischen Fachkräfte. Auf die Frage, was mit „nicht absprachefähig“ gemeint ist, schreibt die Behörde, solche Kinder seien „nicht in der Lage, Vereinbarungen zu verstehen oder verbindlich mitzutragen“.
Die ehemalige Haasenburg-Bewohnerin Mona S. sagt, sie erinnerten solche Konzepte erschreckend an ihr altes Heim. „Dort gab es den sogenannten ‚Freizeithof‘: einen stark eingezäunten Bereich, in den wir – die als schwierig oder ‚nicht absprachefähig‘ Eingestuften – nur unter Begleitung von Erziehern gebracht wurden, damit wir überhaupt draußen sein konnten.“ Isolation sei dort damals pädagogisch begründet und Kontrolle als Schutz verkauft worden.
Gerade traumatisierte Kinder bräuchten Würde, Beziehung und echte Teilhabe, und „keine Architektur, die an Abschirmung und Verwahrung erinnert“, sagt Mona S. Deshalb sollte die Öffentlichkeit genau hinschauen, wenn erneut Sonderbereiche für „schwierige“ Kinder geschaffen werden. „Ich sage nicht, dass ‚Casa Luna‘ die Haasenburg ist. Aber solche Strukturen sind für Betroffene Warnsignale.“
Das Hamburger Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung (AGU) lehnt „Casa Luna“ ab und wirbt für Alternativen. Dieser Dachgarten als Ort für die frische Luft zeige, „dass auch nur eine partielle Möglichkeit des Einschlusses die gesamte Einrichtung prägt“, sagt der Sozialwissenschaftler Tilman Lutz. Und sein Kollege Michael Lindenberg ergänzt: „Wenn Kinder nicht absprachefähig sind, dann sollten Erzieher überlegen, was sie falsch gemacht haben, und nicht die Kinder auf einem Dachgarten isolieren.“
„Die neuen Regelungen zeigen, dass Kinder mit ‚Beschluss‘ nur dann nicht eingeschlossen werden, wenn sie brav sind“, sagt auch Ronald Prieß, Botschafter für Straßenkinder. Die Fachbehörde habe beteuert, dass „Casa Luna“ eine offene Einrichtung sein wird. Da schaffe es kein Vertrauen, dass diese baulichen Weiterentwicklungen nicht vorher kommuniziert wurden.
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