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EnergieversorgungDie Angst vor Preiserhöhung ist groß

Anja Krüger

Kommentar von

Anja Krüger

Die Gasspeicher sind so voll, wie es die Vorgaben fordern. Die Versorgung ist sicher, sagt Wirtschaftsministerin Reiche. Aber viele sind beunruhigt.

Deutschland zieht sich warm an. Viele fürchten noch weiter steigende Heizkosten, falls das Gas knapp wird Foto: Ignatio Bravo/plainpicture

E s ist so bizarr wie vorhersehbar: Die Vorräte in den deutschen Gasspeichern entsprechen den gesetzlichen Vorgaben, aber es wird eine breite Diskussion über die Lagerbestände geführt. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betont immer wieder, dass es keinen Gasmangel geben werde. „Sorgen sind nicht angebracht“, sagt sie. Doch offensichtlich trauen viele dem Braten nicht.

Misstrauisch schauen nicht nur Energieexpert:innen, sondern auch viele Bür­ge­r:in­nen auf die Füllstände der Gasspeicher und zählen mit: 75 Prozent im November, 55 Prozent um die Jahreswende, und nach dem eiskalten Januar knapp über 30 Prozent Anfang Februar. Im Februar 2025 waren die Lager noch doppelt so gut gefüllt. 14 Prozent werden es wohl Ende März sein, sagt der Verband der Gasspeicherbetreiber. Und zwar auch, wenn sich die Temperaturen normalisieren. Das klingt beunruhigend. Die Angst vor drastischen Preiserhöhungen ist groß.

Denn: Einen so kleinen Gasvorrat hatte die Bundesrepublik noch nie. Die Beteuerungen aus dem Ministerium, dass ja anders als früher viel Gas über LNG-Terminals nach Deutschland komme und deshalb hohe Speicherstände nicht so wichtig seien, ist keineswegs eine Beruhigung. Schließlich kommt das meiste LNG aus den USA– und kann von heute auf morgen von Donald Trump zur Verhandlungsmasse erklärt werden.

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Kein Wunder also, dass die Augen der Öffentlichkeit auf die Füllstände der Gasspeicher gerichtet sind. In Zeitungen, Fernsehsendungen und in sozialen Medien wird in diesen Tagen immer wieder die Frage erörtert, ob ein Versorgungsengpass droht. Nein, sagen Ver­tre­te­r:in­nen der Bundesregierung regelmäßig. Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ke­r:in­nen und En­er­gie­ex­per­t:in­nen fürchten zwar noch keinen Gasnotstand, warnen allerdings vor stark steigenden Preisen. Auch werden immer wieder Forderungen nach einer nationalen Gasreserve laut, angelehnt an die nationale Ölreserve. Das ist ein Notfallvorrat für 90 Tage.

Reiche unterschätzt das Energiepreistrauma

Warnungen und Forderungen treffen auf ein Publikum, dem die Energiepreiskrise nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine noch in den Knochen steckt. Ministerin Reiche ist es vielleicht nicht mehr präsent, vielen Bür­ge­r:in­nen aber durchaus: Nachdem die Gaslieferungen aus Russland ausgeblieben sind, explodierten die Preise. Die Ampelregierung gab viel Geld aus, um die immensen Kosten mit Preisbremsen für Bür­ge­r:in­nen und Unternehmen zu dämpfen.

Trotzdem waren die immer noch höheren Energierechnungen gerade für Leute mit geringem Einkommen eine große Belastung. Viele saßen in dicken Pullovern zu Hause und drehten das Thermostat herunter. In Amtsstuben wurde die Temperatur gesenkt. Kommunen dachten über Wärmestuben nach, um Bür­ge­r:in­nen bei einem Ausfall der Heizungen schützen zu können. Etliche Industriezweige haben sich von den damaligen Preisschocks noch immer nicht erholt. In energieintensiven Branchen wie Chemie oder der Stahlherstellung hat die Produktion noch immer nicht das Niveau der Vorkriegszeit erreicht.

Die Ministerin hat das Energiepreistrauma in Deutschland krass unterschätzt. Schon im Sommer warnten die Gasspeicherbetreiber, dass die Lager nicht gut gefüllt seien und es bei anhaltender Kälte knapp werden könnte. Der Staat hätte sicherheitshalber dafür sorgen können und müssen, dass mehr Gas eingelagert wird. Doch das lehnte Ministerin Reiche ab. Der Markt solle das lösen, fand sie. Wirtschaft ist zu 80 Prozent Psychologie, sagen Öko­no­m:in­nen immer wieder. Das gilt auch für die Preisbildung an den Energiemärkten. Reiche ist Ideologie offenbar wichtiger als Psychologie. Das rächt sich jetzt.

Der milde Dezember hat dafür gesorgt, dass die Speicher nicht noch leerer sind und die gesetzlichen Vorgaben zum 1. Februar gerade noch eingehalten werden konnten. Die Ministerin hat Glück gehabt, nicht Recht behalten. Das ist ein großer Unterschied. Und: Noch ist der Winter nicht vorbei.

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Anja Krüger
Parlamentskorrespondentin
Schwerpunkte Wirtschaft- und Energiepolitik
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7 Kommentare

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  • Ich würde allen Mitmenschen raten, ein elektrisches Heizgerät im Vorrat zu haben.



    Dies könnte helfen, sofern unsere maroden Stromnetze nicht zusammenbrechen oder durch Anschläge lahm gelegt werden.



    Bis zur nächsten Stromrechnung bleibt dann noch etwas Zeit, um Geld anzusparen.

  • Nach meinen Informationen erfüllen die Speicher die Vorgaben nicht. Ja, 30% im Durchschnitt, aber:

    40 Prozent für die vier bayerischen Speicheranlagen Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg.

    Und Wolfersberg ist gerade unter 5%.

    www.tengelmann-ene...gaben-ab-november/

  • Keine Sorge, die Union weiß wie man die Bevölkerung drangsaliert. Wenn es die nicht kümmert, was der Bevölkerung echte Sorgen bereitet, dann legt sie mit neuen Tiraden nach, aus denen unverhohlene Verachtung gegenüber Bürgern und insbesondere Arbeitnehmern spricht.



    Man hat so das Gefühl am liebsten hätten die einen Feudalstaat mit Leibeignen.

  • Frau Reiche kann es nicht. Obwohl Ultralobbyistin der Gasindustrie - sie packt es einfach nicht. Über Habeck wurden und werden seitens der csdU kübelweise Verleumdungen augekippt und er wird immer noch gescholten. Er war kompetenter, viel mehr als diese Dame. Bei ihm waren die Vorräte deutlich höher und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten hat er reduziert wo's möglich war. Reiche macht sich und uns von einem durchgeknallten Egomanen abhängig und - findet alles sei in Ordnung. Na dann...

  • Mit den Energie-Rohstoffen ist das so eine Sache. Wir müssen die ja importieren, wenn es um Gas und Öl geht. Die Länder, die liefern können, sind begrenzt.



    Wie Sonneborn im EU Parlament richtig anmerkte - wir haben uns (zu hohen Kosten) von einem Autokraten abgewendet, was Energielieferungen betrifft, um uns statdessen in Abhängigkeit von anderen Autokraten zu begeben.

  • Da lob ich mir unseren Holzvergaser.



    Früher hatten wir Kachelöfen, jetzt eben etwas moderner.



    Niemals abhängig sein von fremden Herren. Niemals dem Preiswahnsinn von Kriegstreibern oder Ideologen ausgeliefert sein. Auch bei Stromausfall kochen und heizen können.



    Unsere Autonomie lässt mich ruhig schlafen.



    PS: "Reiche ist Ideologie offenbar wichtiger als Psychologie"



    Wahre Worte. Aber nicht nur ihr, man nenne mir mal einen Minister oder Kanzler der letzten 20 Jahre wo das nicht zutraf 😮‍💨



    Aber Frau Reiche ist fraglos mit Abstand die schlechteste Besetzung der neuen Regierung. Unsere Wirtschaftskrise fußt auch maßgeblich darauf, dass wir nun schon das zweite Mal in Folge katastrophal schlecht besetzt sind im Wirtschaftsministerium.

  • Es kann generell nicht schaden, die Temperatur in der Wohnung herunterzuschalten, da braucht es auch keine Panikmache.